Internationaler Frauentag am 8. März Zu viele Rollen

Frauen haben in der Geschichte der Emanzipation neue Aufgaben übernommen - ohne alte abzugeben. SPD-Kreisrätin Martina Tschirge fordert mehr Wertschätzung für die Arbeit der Frauen

Von Anna-Sophia Lang, Dachau

Martina Tschirge ist alleinerziehende Mutter. Sie hat zwei Jobs. Neben ihrer Arbeit ist sie SPD-Kreisrätin. "Uns Frauen im Landkreis geht es nicht schlecht", sagt sie, "aber manche Dinge sind ungerecht und machen einen wütend." Nicht alles habe der Landkreis in der Hand. Aber dem Thema Frauen werde nicht genug Platz eingeräumt. "Die Wertschätzung für Leistungen, die Frauen erbringen, ist nicht da", sagt sie. Und: "Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Das gibt es doch gar nicht." Frauen seien einem immensen Druck ausgesetzt: Sie seien noch immer dafür zuständig, sich um Kinder, Haushalt und ältere Familienmitglieder zu kümmern. "Da packen wir die Erwerbstätigkeit drauf - und wir sollen auch noch sexy sein." Frauen seien zerrissen zwischen ihren Verantwortlichkeiten. Das Gefühl, es keinem recht zu machen, sei ihr ständiger Begleiter. "Männer haben nicht so viele Rollen."

Im Landkreis Dachau stellen Frauen laut dem Jobcenter fast die Hälfte der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Im Alter arbeiten anteilhaft sogar mehr Frauen als Männer. Allerdings leben deutlich mehr Frauen von einer geringfügigen Beschäftigung. Noch drastischer: Ganze 82,1 Prozent der Teilzeitkräfte sind weiblich, bei den Vollzeitkräften lediglich ein Drittel. Und das, obwohl Frauen im Landkreis genauso gut ausgebildet sind wie Männer: Mehr sozialversicherungspflichtig beschäftigte Frauen haben einen Bachelor und eine abgeschlossene Berufsausbildung. Jedoch besitzen weniger von ihnen eine weiterführende Qualifikation wie einen Master, Magister oder einen Meister. Ein Beispiel: Bei den Metzgern, Schreinern und in den anderen Innungen des Landkreises gibt es zwar vergleichsweise wenige weibliche Auszubildende - außer bei den Friseuren. Viele zählen am Ende aber zu den besten ihres Jahrgangs. Bis in die Vorstände der Innungen ist das bisher nicht durchgesickert, sie sind von Männern dominiert. Sogar bei den Friseuren steht ein Mann an der Spitze. An den Schulen im Landkreis sind Frauen besser repräsentiert: Vier Fünftel der Lehrkräfte an Grund- und Mittelschulen sind laut Schulamt weiblich. Die Rektoren sind hauptsächlich Frauen. Zwei der drei Realschulen und wie alle drei Gymnasien im Landkreis, werden jedoch von Männern geleitet.

In den politischen Gremien des Landkreises sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Lediglich 15 von 60 Kreisräten sind Frauen, im Stadtrat sind es zwölf von 25. In den meisten Gemeinderäten sitzt höchstens ein Viertel Frauen. Alle Bürgermeister sind Männer, es gibt nur in wenigen Gemeinden weibliche Stellvertreter. Für Martina Tschirge ist das eine der größten Baustellen im Landkreis. "Frauen müssen an den Prozessen beteiligt sein, vor allem, wenn sie direkt von den Auswirkungen betroffen sind", sagt Tschirge. Sie fordert mehr Entscheidungsträgerinnen in den politischen Gremien. Doch nicht nur dort. In den großen Firmen, sagt Tschirge, dürften Frauen nur "mitspielen". Die besser bezahlten Jobs hätten aber die Männer - genau wie die Positionen, in denen man etwas ändern könnte.

Die Anliegen der Frauen blieben über all die Jahre hinweg im Wesentlichen dieseleben: Gerechtigkeit und Anerkennung.

(Foto: Christian Mang/Imago)

Immer deutlicher ist in den vergangenen Jahren ein neues Problem geworden: Angelika Huber vom Frauenhaus hat beobachtet, dass sich immer mehr Frauen an ihre Einrichtung wenden. Sie hilft Opfern häuslicher Gewalt. Die Zahl der Anfragen stieg von 140 im Jahr 2010 auf 262 im vergangenen Jahr. Viele Frauen wollen jedoch gar nicht häuslicher Gewalt entfliehen: Vielmehr suchen sie eine Wohnung, nachdem sie sich von ihrem Partner getrennt haben. Viele sind arbeitslos, haben Schulden oder sind alleinerziehend. Andere haben einen Migrationshintergrund. Teure Mieten können sie sich nicht leisten, auf Sozialwohnungen müssen sie mindestens zwei bis drei Jahre warten.

Doch es gibt auch positive Beispiele. Monika Schneider, Frauenbeauftragte beim Kreisfeuerwehrverband, berichtet von einem steigenden Frauenanteil. Obwohl von 2413 Feuerwehrleuten nur 109 Frauen sind, kämen immer mehr junge Frauen nach. "Es gibt schon einige Gruppenführerinnen", sagt Schneider, "und in Lauterbach haben wir unsere erste Kommandantin." Auch beim BRK engagierten sich immer mehr Frauen, erklärt Alexander Westermaier, stellvertretender Vorsitzender des BRK-Kreisverbandes. Darum habe man sich auch stark bemüht - mit Erfolg.

"Wir sind auf einem guten Weg", sagt Martina Tschirge. Trotzdem hat sie noch viele Wünsche. Unternehmen sollen den Frauen die Rückkehr in den Beruf erleichtern und elternfreundliche Arbeitsmodelle anbieten. Neue Betreuungskonzepte sollen nicht nur für Kinder, sondern auch für Senioren entwickelt werden. Pflege- und Erziehungsberufe sollen höher anerkannt werden. Die Leistungen von Frauen sollen außerhalb des Berufs wertgeschätzt werden, auch bei der Rente. Allerdings appelliert Tschirge auch an die Frauen selbst: "Nehmt die Erwartungen, die an euch gestellt werden, nicht einfach so hin. Wehrt euch." Der fahle Nachgeschmack bleibt: Frauen im Landkreis sind hoch engagiert und involviert. Doch bis ganz nach oben haben sie es noch nicht geschafft.