In der Kritik Pflegestufe rot

Der Leidensdruck ist hoch. Und deshalb entscheiden sich Mitarbeiter des Helios-Amper-Klinikums Dachau in einer Urabstimmung, in einen unbefristeten Streik zu treten. Ihre Forderung: bessere Arbeitsbedingungen

Von Christiane Bracht, Dachau

Ein übermächtiger Konzern steht den Mitarbeitern am Helios-Amperklinikum gegenüber. Trotz mehrerer Warnstreiks ist eine Verbesserung der Arbeitssituation nicht in Sicht.

(Foto: Toni Heigl)

Der Kampf um bessere Arbeitsbedingungen für Pfleger am Helios-Amper-Klinikum in Dachau geht in die nächste Runde: "Die Urabstimmung war erfolgreich", verkündete Verdi-Gewerkschaftssekretär Christian Reischl am Dienstagabend in Dachau. "97 Prozent haben für einen unbefristeten Streik gestimmt. Das ist eine gute Voraussetzung." Reischl zeigte sich positiv überrascht. Er hatte offenbar mit weniger Rückhalt unter den Gewerkschaftsmitgliedern gerechnet, denn Pfleger und Krankenschwestern streiken nicht gern. Das zeige, wie hoch der Leidensdruck ist, sagt auch Heinz Neff von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB). "Die Leute in sozialen Berufen stellen oft ihr persönliches Interesse zurück." Doch das scheint sich zumindest in Dachau gewandelt zu haben: In den vergangenen Wochen hat Verdi etwa 50 neue Mitglieder begrüßen können, so Reischl.

"Uns steht ein übermächtiger Konzern gegenüber, der keinen Meter zurückweicht"

"Es ist wichtig, dass wir bei einem Streik real Unterstützung erfahren", appellierte eine Krankenschwester an die Bürger und Politaktiven. Die Schwester und ihre Kollegen fürchten, dass der Arbeitskampf schwer werden wird. "Uns steht ein übermächtiger Konzern gegenüber, der keinen Meter zurückweicht. Da ist es gut, wenn die Bürger hinter uns stehen. Das ist auch für den Konzern ein deutliches Signal", erklärte sie. Wenn Helios nicht einlenkt, wird der Ausstand voraussichtlich am Mittwoch, 6. Dezember, beginnen und bis zum Ende der Woche dauern, kündigt der Gewerkschaftssekretär schon jetzt an. Die Bürgerinitiative für bessere Pflege will den Beschäftigten mit Flyern und Aufsehen erregende Spontanaktionen den Rücken stärken.

Auch niedergelassene Ärzte hören zahlreiche Beschwerden

Etwa 40 Dachauer waren am Dienstag gekommen, um sich zu engagieren. Die Ideen reichten von Demonstrationen über Bühnenauftritte bis hin zu Butterbrezn für die Streikenden. Unter den Unterstützern waren viele "empörte Patienten", Angehörige von Pflegern, Rentner und auch solche, die "keine enttäuschten Patienten sein wollen". Auch der Vorsitzende des ärztlichen Kreisverbands Dachau Hans-Ulrich Braun sympathisiert mit den Pflegern. Er ist eigenen Angaben zufolge Sprecher von 643 Ärzten. "Uns sind Verbesserungen wichtig, auch dass die Patienten gut behandelt werden. Sie sollen nicht wiederkommen und sagen: nie wieder", stellte der Karlsfelder Hausarzt klar. Sonst nutzten die Investitionen in den Erweiterungsbau von 70 Millionen nichts. Die Ärzte hätten zwar schon mit Geschäftsführer Thomas Eberl gesprochen, er habe auch den Eindruck erweckt, die Situation verbessern zu wollen, doch angesichts seiner plötzlichen Kündigung nach nur drei Monaten im Amperklinikum "ist dies wahrscheinlich nur eine Luftblase gewesen", vermutete Braun etwas verärgert. "Wir brauchen einen Geschäftsführer, der mal mindestens ein Jahr da ist." Jeder Arzt im Landkreis könne Geschichten über die Klinik erzählen und habe schon zahlreiche Beschwerden gehört. Klar könne er seine Patienten auch nach München schicken, sagte Braun. Aber "das ist unser Krankenhaus, das von Helios lediglich gemanagt wird". Aus ärztlicher Sicht werde die Klinik überwiegend positiv bewertet mit Strokeunit und 24 Stunden Herzkatether-Bereitschaft, aber "die Versorgung wird nicht positiv wahrgenommen. Das ist traurig", sagte der Hausarzt.

Sieben-Punkte-Plan als Seifenblase

"Wir dürfen uns nicht durch billige Placebos täuschen lassen", sagte der Streikführer und Leiter der Nothilfe in der Klinik Thomas Günnel. "Vorstand Marcus Sommer trifft keine Entscheidung." Deshalb habe er die Stelle des Geschäftsführers eingerichtet. Und auch der sogenannte Sieben-Punkte-Plan "hört sich toll an, sind aber alles Seifenblasen. Seit Jahren putzen dieselben Leute in der Klinik". Um die Politik zu beruhigen, habe man lediglich eine neue Tochterfirma gegründet und gesagt, man habe die Putzfirma gewechselt. "Und Geschäftsführer Eberl hat uns noch vor zwei Wochen gewünscht, dass wir uns die Füße abfrieren beim Streik", sagte Günnel. Er schlug deshalb vor, eine lange Wäscheleine um die Klinik zu spannen, an der Socken aufgehängt werden können, die Bürger bringen, um die Streikenden zu unterstützen. So könne man Eberl zeigen: "Wir behalten warme Füße", rief Günnel. Unter den 40 Aktiven der Bürgerinitiative erhielt er viel Beifall für seine Idee.