"Ich will den Sozialismus" Die Radikale

Renate Schiefer leitet das Mento-Programm der Bundesregierung für Analphabeten in Bayern, die nach der Schule lesen und schreiben wieder verlernt haben. Jetzt will die Pädagogin für die Partei Die Linke in den Bundestag.

Von Wolfgang Eitler, Dachau/Puchheim

Es mag ja richtig sein, dass viele Menschen in Deutschland Analphabeten sind. Es mag stimmen, dass es am deutschen Bildungssystem liegt und an dessen Unfähigkeit, soziale Unterschiede auszugleichen. Aber bitte schön! Wer lesen und schreiben lernen will und sich ein bisschen anstrengt, der kann es doch. Zuerst trifft einen der klare Blick von Renate Schiefer aus den brauen Augen, ohne dass eine Wimper zuckt. Dann folgen Sätze in gestanzter Form: "Bildung muss in den Kindergärten beginnen." - "Das Erlernen der Sprache beginnt schon im Mutterbauch." - "Was man bis zum Alter von sieben, vielleicht noch zwölf Jahren nicht gelernt hat, muss mühsam wie eine Fremdsprache erlernt werden." Wegen der Bildung, wegen der Probleme von vielen Menschen in ganz Deutschland würde sie gerne in der Bundespolitik mitmischen. Es wird der 57-Jährigen aus Puchheim im Landkreis Fürstenfeldbruck nicht gelingen, weil sie für die Partei Die Linke kandidiert und auf dem bayerischen Listenplatz neun chancenlos ist. Sie müsste schon gegen Katrin Staffler von der CSU und Michael Schrodi von der SPD das Direktmandat im Wahlkreis Dachau und Fürstenfeldbruck erringen.

Noch ein Versuch der Widerrede: Ihr eigene Biografie - drei Kinder, Buchhandlung, Scheidung, ihr ehemaliger Mann stirbt, prekäre Jobs in der Erwachsenenbildung, Kurs an Kurs, um Geld zu verdienen - müsste ihr doch vergegenwärtigen, dass es auf Eigeninitiative ankommt. "Ja", gibt sie zu. "Aber nur, wenn man wie ich aus einer bildungsbürgerlichen Schicht kommt." Will sagen, über die Qualifikation und damit die Flexibilität verfügt, sich selbst zu helfen. Jetzt folgt der entscheidende Satz, Credo und Ausgangspunkt für ihre gesamten politischen Ansichten: "Wenn ein Phänomen massenhaft auftritt, dann ist es nicht mehr individuell." Der Satz stammt sinngemäß vom französischen Soziologen Pierre Félix Bourdieu, der über die nicht ganz so "feinen Unterschiede" schrieb. Deshalb sagt sie: "Ich will den Sozialismus."

Nach aktuellen Untersuchungen leiden in Deutschland 7,5 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 64 an funktionalem Analphabetismus. Sie haben Lesen und Schreiben in der Schule gelernt. Aber die Kulturtechniken haben sich nicht so verfestigt, dass sie im Laufe des Lebens hätten bewahrt werden können. Deshalb hat die Bundesregierung das Programm Mento aufgelegt. Renate Schiefer ist Projektleiterin für Bayern und beim Deutschen Gewerkschaftsbund angestellt. Sie sucht und schult Männer und Frauen in Betrieben, die als Mentoren Mitarbeiter ansprechen, von denen sie vermuten, dass sie als funktionale Analphabeten gelten. Bayern hat später angefangen als die übrigen Bundesländer. Allerdings, jetzt folgt ein Lob der Linken für die CSU, finanziert das Kultusministerium zusätzlich ein Programm, bei dem ein Kurs ab fünf Teilnehmern starten kann. "Das ist sehr gut." Besser als in allen anderen Bundesländern.

Sie ist nicht harmlos lieb

Renate Schiefer reist durch ganz Bayern. Sie lernt Menschen kennen, die sich in einer seelischen Not befinden. Sie müssen verschweigen, dass sie Analphabeten sind. Sie müssen Techniken entwickeln, um ihre Unfähigkeiten zu verschleiern. "Gib mir doch die Unterlagen nach Haus mit." Oder: "Hast du schon gelesen, was in der Zeitung steht? - Schau doch mal nach." Es reicht nicht, mit diesen Menschen Worte und Buchstaben zu üben, die Pädagogen müssen die seelischen Nöte berücksichtigen, die zum Verlust einer zentralen Kulturtechnik führten. Also die Bruchstellen, an denen der Weg ins soziale Abseits führte. An der Intelligenz liegt es meistens nicht. "Viele sind wirklich gut in ihrem Job."

Renate Schiefer will den Sozialismus.

(Foto: Privat)

Schiefers Schlüsselerfahrung war ein Kurs mit dem anspruchsvollen Titel "An der deutschen Sprache feilen." Sie merkte, dass die Teilnehmer die Schrift nicht beherrschen. Dann habe ich meine Bücher weggelegt und ganz unten angefangen." Es war ein "wunderbares Seminar", das ihr einen neuen Weg eröffnete nach einer Karriere als Übersetzerin, Buchhändlerin und Mutter, nach dem Studium von Germanistik, Geschichte und Politischen Wissenschaften in München und Übersetzerin in Frankreich. Sie hat ihre Berufung gefunden: "Ich brauche eine Arbeit, die sozial ist und die auch sozial wirksam ist."

Faktische Ein-Frau-Partei

Ihr Arbeitgeber wirbt für das Projekt mit einem Bild von Renate Schiefer, das ihr nicht passt, und das auch nicht zu ihr passt. In dem Porträt greift sie mit der Hand in die Haare und blickt betont freundlich einladend. Aber sie ist nicht harmlos lieb. Kommunikativ schon. Allein der lange einladende Tisch in ihrem Haus in Puchheim weist darauf hin, dass hier in großer Gesellschaft gegessen, diskutiert und gelebt wird. Die Familienrolle hat sich anscheinend auf die Partei übertragen. Sie ist ihr menschliches Zentrum über die beiden Landkreisgrenzen hinweg. Der Münchner Stadtrat und Parteifreund Cetin Oraner sucht nach einem anstrengenden Gerichtsprozess gegen sich ihre Nähe. Er legt seinen Kopf erschöpft auf ihre Schulter. Sie tröstet ihn. Oraner muss sich wegen Beleidigung verantworten, weil er einen Mann während einer Pressekonferenz als Faschisten bezeichnet haben soll.

Das zweite aktuelle Porträt entstammt der Selbstdarstellung der Partei der Linken für die beiden Landkreises Dachau und Fürstenfeldbruck, deren Vorsitzende sie ist. In seiner Nüchternheit dokumentierte es den innerparteilichen Zustand der faktischen Ein-Frau-Partei in Dachau und Fürstenfeldbruck, die sich zudem noch ausgegrenzt fühlt. Ein resignativer Anflug löst sich beim Blick auf die Internetseite von Abgeordnetenwatch. Die Plattform versteht sich als kritische Instanz des Bundestags und hat Renate Schiefer wegen ihrer Kandidatur abgelichtet. "So sehe ich mich!" Sie hat die Brille in die Haare hoch geschoben, sie lächelt. Am besten gefallen ihr die Augen. "Die schauen in die Ferne." Sie meint: in die Zukunft. "Ich will den Sozialismus."

In den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hat Renate Schiefer ihre Haltung zu Welt und Gesellschaft entwickelt. Sie würde sagen ihr "politisches Bewusstsein". Sie begann sich für die DDR im geteilten Deutschland zu interessieren. Sie dachte darüber nach, dorthin auszuwandern, um "am Aufbau eines sozial gerechten Staats" mitzuwirken. Energisch verteidigt sie Länder wie Kuba, die ehemalige DDR oder die frühere Sowjetunion: "Die Bildung für alle und damit die soziale Gerechtigkeit war in diesen Gesellschaften wesentlich ausgeprägter als bei uns."

"Kirche und Glauben sind keine Lösung für diese Welt"

Noch ein Versuch der Gegenrede: Mit ihrem Credo für eine mitfühlende Politik hätte sie auch Katholikin werden können. Sie kontert: "Kirche und Glauben sind keine Lösung für diese Welt." Ihr Weg sei ein anderer. Die ehemalige DDR ist ihrer Ansicht nach unter dem Druck der weltpolitischen Lage und des Kapitalismus zusammengebrochen. 2013 ist sie der Partei Die Linke beigetreten. Politische Kompromisslinien hat sie nicht. Sie ist in einem wörtlichen Sinne radikal, weil für sie die Wurzel jeder humanen Gesellschaft die soziale Gerechtigkeit ist. Deshalb sagt sie: "Es ist gut, dass es eine Linke gibt." Punkt. Klarer Blick aus den Augen. Und keine Kompromisse gegenüber dem Bundesvorstand, der Bundestagsfraktion, Koalitionsspielereien oder irgendwelchen Annäherungen beispielsweise an Sahra Wagenknechts Flüchtlingspolitik samt CSU-Obergrenzen: "Geht gar nicht."

Renate Schiefer protestierte kürzlich gegen die Situation der Pflege in den Helioskliniken im Landkreis Dachau.

(Foto: Renate Schiefer/oh)

In einer nächtlichen Graffito-Aktion gegen Pflegenotstand malte sie am Donnerstag, 12. Juli, mit Kreide folgenden Slogan auf eine Eingangstür des Dachauer Klinikums und attackierte den Helios-Konzern mit 110 Kliniken in Deutschland. Dachau gehört dazu: "Helios gewinnt, Pflege verliert." Die Polizei verzichtete auf eine Anzeige, weil Renate Schiefer keine Spraydosen verwendete. Helios-Geschäftsführer Christoph Engelbrecht unterbreitete ihr schriftlich ein Gesprächsangebot. Sie lehnte ab: "Um die Beschäftigten in ihrem Widerstand gegen die miserablen und sich ständig noch verschlechternden Arbeitsbedingungen zu unterstützen, braucht es Öffentlichkeit und Organisation, keine bessere Kommunikation mit den Verursachern des Missstandes."

Auf der anderen Seite findet sie problemlos Kontakt mit Unternehmen in ganz Bayern, auch börsenorientierten. Denn die maßgeblichen wollen einen Kontrakt mit Mento in Bayern eingehen. Er könnte den Durchbruch gegen ein gesellschaftliches Tabu bedeuten. Die Unterzeichnung ist zugesagt. Renate Schiefer lacht und drückt beide Daumen.