Holocaust-Gedenktag Kindheit im Holocaust

Der Zeitzeuge Abba Naor berichtet sehr eindrucksvoll von seiner Verfolgung, dem Überleben und der Zukunft.

Von Helmut Zeller

"Ich werde vielleicht sterben, aber dann wie ein Mensch" - Worte eines 17-Jährigen an seinen Vater, der den Sohn von der Auswanderung in das umkämpfte Palästina abhalten möchte. München im Jahr 1946, in den Ruinen der Stadt nehmen Vater und Sohn voneinander Abschied. Sie sind die letzten der jüdischen Familie aus Litauen, die vor nur fünf Jahren noch fast einhundert Menschen umfasst hatte. Alle, auch die Mutter und die zwei Brüder des 17-Jährigen sind ermordet worden. "Verstehen Sie", sagt Abba Naor, "ich war erst 17, aber ich habe nicht vom Leben gesprochen". Im Thoma-Haus in Dachau lauschen dem Zeitzeugen am Holocaust-Gedenktag viele Jugendliche, die von der Zukunft träumen, die ihm in ihrem Alter schon geraubt worden war. Abba Naor hat sich sein Leben zurückgeholt - und der 83-jährige Shoa-Überlebende kämpft, seit nunmehr 20 Jahren schon, für eine Zukunft in Frieden.

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, hatte Abba Naor auch als einen Zukunftsgewandten vorgestellt: als einen Mann, der die Jugend für die Gefahren, die der Demokratie von Rechts drohen, sensibilisiert; der sich in der Internationalen Jugendbegegnung für eine deutsch-israelische Zukunft engagiert, der Vorurteile abbauen hilft und auch in der Presse klar Stellung bezieht, etwa gegen die Veröffentlichung von Auszügen aus Hitlers "Mein Kampf" in den "Zeitungszeugen". Dachaus Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) hatte noch von der großen Bedeutung der authentischen Zeugenschaft gesprochen. Wissenschaftlich ist der Holocaust, wie manche Zeithistoriker - vielleicht vorschnell - meinen, analysiert und eingeordnet. Aber für seine ethische und politische Dimension ist das authentische Zeugnis grundlegend: Das hörten dann die fast 200 Besucher während des zweistündigen Berichts Abba Naors, der, wie die Historikerin Gabriele Hammermann sagte, "mich immer wieder auf neue Aspekte bringt".

Aus der Geschichte der Verfolgung und des millionenfachen Mords an den europäischen Juden tritt das Gesicht eines 13-jährigen Jungen hervor, der einmal Schauspieler werden wollte. Alle Zukunftsträume Abba Naors enden jäh mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Sofort machen Litauer Jagd auf Juden, erschlagen Tausende in den ersten Tagen auf offener Straße. SS-Einsatzkommandos übernehmen das Morden - von ungefähr 250 000 litauischen Juden überleben das Kriegsende vielleicht fünf Prozent, wie Naor sagt. Abbas Familie muss in ihrer Heimatstadt Kaunas ins Ghetto, der ältere Bruder Chaim wird erschossen, als er Brot einzukaufen versucht. Nach der Räumung des Ghettos wird die Familie ins KZ Stutthof deportiert, dort sieht Abba Naor seine Mutter und den kleinen Berale zum letzten Mal. Sie werden am 26. Juli 1944 nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Der Vater kommt auf einen anderen Transport, Abba alleine nach Utting und schließlich Kaufering I, eines der schlimmsten der Dachauer KZ-Außenlager. In Kaufering schleppt der Junge zwölf Stunden am Tag im Laufschritt 50 Kilogramm schwere Zementsäcke. "Die Leichen haben sich gestapelt", sagt Abba Naor. Auf dem Todesmarsch wird er am 2. Mai 1945 bei Waakirchen von amerikanischen Soldaten befreit. 1946, nicht lange nach der Befreiung, erkennt er einen Münchner Polizisten, der im Ghetto Kaunas eingesetzt war. "Wenn diese Leute schon wieder . . ., dann bleibe ich nicht hier", sagt der 17-Jährige zu seinem Vater.

Abba Naor spricht am Ende von seiner großen Hoffnung: "Wenn wir den Kindern unsere Geschichten erzählen, dann werden sie, wenn sie einmal groß, ihren Kindern davon erzählen. Und als Erwachsene werden sie Dinge entscheiden müssen, vielleicht werden auch künftige Politiker darunter sein und menschlicher entscheiden."