Gewalt gegen Frauen Angst vor dem Ehemann

Im Landkreis Dachau trauen sich immer mehr Frauen, über häusliche Gewalt zu reden und Hilfe zu holen. Die meisten haben dann schon jahrelang psychische und physische Misshandlung ertragen.

Von Sophie Burfeind

Ihre Wohnungstür ist immer gut verriegelt. Sicherheitshalber. Sie ist nie allein zuhause. Dafür ist ihre Angst zu groß. Ihre Angst vor dem Ex-Mann, der noch immer im selben Ort wohnt und ihr schon mehrfach gedroht hat, sie umzubringen. Andrea Müller (Name von der Redaktion geändert) ist eines der zahlreichen Opfer von häuslicher Gewalt. Erst vor zwei Jahren hat sie sich getraut, über die psychische und physische Misshandlung zu sprechen, die sie in 30 Jahren Ehe täglich erfahren hat.

Statistisch gesehen ist jede vierte Frau in ihrem Leben häuslicher Gewalt ausgesetzt. Männer werden nach wie vor nur selten zu Opfern. Wie Andrea Müller erdulden die meisten Frauen die Misshandlung jahrelang. Im Landkreis Dachau aber zeichnet sich ein positiver Trend ab: "Die gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt nehmen zu", sagt Gertrud Schmidt-Podolsky, Leiterin der Frauen- und Familienberatung am Landratsamt Dachau. Das bedeute nicht, dass mehr Frauen misshandelt würden, sondern dass sie sich häufiger trauten, Hilfe zu suchen. "Das Thema ist in den letzten Jahren glücklicherweise mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt", erklärt sie. 2010 waren es im Landkreis Dachau noch 87 gemeldete Fälle, 2011 meldeten sich bereits 107 Opfer von häuslicher Gewalt. Bisher sind es schon mehr als 70 Fälle. Etwa zwei Drittel der Fälle werden der Beratungsstelle durch die Polizei vermittelt. Das andere Drittel meldet sich selbst bei der Beratungsstelle oder anderen Hilfseinrichtungen wie dem Frauenhaus oder dem Weißen Ring. Zwischen Stadt und Land gebe es dabei keinen Unterschied.

Besonders jetzt, wo die Nächte länger werden, es kalt und dunkel ist, häufen sich die gemeldeten Fälle. "Zurzeit haben wir ein bis zwei Fälle täglich", sagt Schmidt-Podolsky. Dennoch weist Sonja Strauch, Sachbearbeiterin des Bereichs häusliche Gewalt von der Polizei Dachau darauf hin, dass Umwelteinflüsse nur eine untergeordnete Rolle spielen: "Entscheidend ist, wie es dem Partner geht. Wenn er mehr Stress in der Arbeit hat, gibt das häufig den Ausschlag zu verstärkter Gewalt."

In der Regel gehe körperlicher Gewalt immer eine Periode von psychischer Gewalt voraus. Häufig versuche der Mann dabei, totale Kontrolle über seine Frau auszuüben. "Er bringt seine Frau zur Arbeit, das Telefon ist mit einem Schloss versperrt, Handylisten werden kontrolliert oder private Kontakte unterbunden", zählt Schmidt-Podolsky einige typische Beispiele auf. Das schaukele sich allmählich hoch, bis es auch zu körperlichen Übergriffen kommt. Bis dahin seien Kinder längst auch schon zu Opfern geworden: "Sie können sich aus den Verhältnissen nicht befreien und wissen nicht, zu wem sie halten sollen. Außerdem erleben sie fatale Rollenverhältnisse: Den Täter, der schlägt und das Opfer, das zu lange erduldet." Dem weitverbreiteten Irrtum entgegen existiert häusliche Gewalt gleichermaßen in allen Gesellschaftsschichten. Am stärksten sei die Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen betroffen. Immer aber gelte, so Schmidt-Podolsky: "Je kleiner sich die Frau macht, desto mächtiger wird der Mann."

Andrea Müller hat ihr Leid 30 Jahre erduldet. "Ich war keine Frau, sondern eine Sklavin", sagt sie und schwieg aus Angst vor ihrem Mann und weil sie sich schämte. Sie ertrug es, wenn ihr Mann sie schlug, trat, sexuell nötigte und mit dem Messer angriff. Blaue Flecken, offene Wunden und ausgeschlagene Zähne - einige Male musste sie den Arzt aufsuchen, weil sie am nächsten Tag nicht zur Arbeit gehen konnte. "Er war mit seiner Freundin im Haus, ich musste für die Freundin kochen. Sie saß mit am Tisch." Doch sie traute sich nicht, das Schweigen zu brechen: "Er hat gesagt, dass er mich umbringt." Stattdessen habe sie versucht, vernünftig mit ihm zu reden. Vergeblich. Als er sie wieder einmal körperlich bedrängte, war das Maß voll. Sie verließ die Wohnung und reichte die Scheidung ein.

Das war vor mehr als zehn Jahren. Doch als sie vor zwei Jahren ihre Schwiegermutter besuchte, kam es zum Eklat: "Er hat mich angezeigt, weil ich ihn belästigen würde. Damals habe ich der Polizei zum ersten Mal die Wahrheit erzählt." Seit zwei Jahren wird sie von der Frauenberatungsstelle betreut. Mittlerweile hat sie einen Täter-Opfer-Ausgleich erhalten. Das Verfahren gegen ihren Mann aber wurde eingestellt, weil die Straftaten schon verjährt waren.

"Der Fall von Frau Müller gehört in die Kategorie ,schwerer Fall'", sagt Schmidt-Podolsky. "Paradoxerweise schämen sich die Opfer oft für die Täter. Viele denken, dass sie auch schuld sind, weil sie sich anders hätten verhalten müssen." Das Wichtigste sei es, sich von Anfang an nicht einschüchtern zu lassen und Hilfe zu holen.