Geflügelmast in Dachau Masse statt Klasse

Die Bilder aus Wiesenhof-Ställen wühlen auf: Arbeiter treten Tiere, verletzen oder töten sie. Auch im Landkreis Dachau gibt es Geflügelmastbetriebe, der Wiesenhof-Skandal wirft einen Schatten auf sie.

Von Helmut Zeller

Zwei Wochen vor dem Beginn der Wiesn hat eine ARD-Sendung über brutale Tierquälerei in Wiesenhof-Betrieben dem Verbraucher den Appetit auf leckere Grillhendl gründlich verdorben. Der Fall, es geht um den Geflügelproduzenten Wiesenhof aus Visbeck, spielt zwar im fernen Niedersachsen, wirft aber seine Schatten auch auf Dachau: Die Broilermast eines Landwirts in Unterzeitlbach mit ungefähr 35.000 Hühnern ist einer von 800 Betrieben in Deutschland, die den Konzern nach eigener Darstellung beliefern.

Die ARD zeigte am Mittwoch zur besten Sendezeit um 21.45 Uhr schockierende Video-Bilder, die von der Tierrechtsorganisation Peta in Vertragsfirmen heimlich aufgenommen wurden. Die Broilermast aus dem Landkreis kam in dem Bericht nicht vor. Peta-Sprecher Edmund Haferbeck sagt dazu: "Alle Lieferanten unterliegen dem System Wiesenhof." Aber Anita Sprick-Sanjosé Messing, Leiterin des staatlichen Veterinäramts im Landkreis, erklärt: "Bei unseren Betrieben verläuft alles ordentlich."

Die Behörde prüfe einmal im Jahr die Mastbetriebe im Landkreis: zwei Putenfarmen mit jeweils 18 000 und 2500 bis 3000 Tieren sowie den Hähnchenmäster in Unterzeitlbach. Zusätzlich werden die Schlachttiere, wie Sprich-Sanjosé Messing sagte, alle paar Wochen von Amtstierärzten kontrolliert. Jeder Fall von Tierquälerei oder Erkrankung müsse dem Veterinäramt gemeldet werden. Haferbeck sagt: "Behörden stellen häufig Persilscheine aus." Er macht jedoch auch deutlich, dass bei der in Bayern und Baden-Württemberg noch vorherrschenden kleinbäuerlichen Landwirtschaft Missstände, wie die Fernsehsendung sie zeigte, keinesfalls an der Tagesordnung sind.

Wie allerdings im Landkreis die Ausstallung, also das Verladen der Tiere für den Transport zum Schlachthof abläuft, das kann Behördenleiterin Sprick Sanjosé Messing nicht sagen; auch Anton Kreitmair, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) und CSU-Kreisrat, weiß das nicht, wie er auf Anfrage sagt. Der Hühnermäster aus Unterzeitlbach war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Die TV-Bilder aus Wiesenhof-Ställen wühlen auf: Arbeiter treten Tiere, verletzen oder töten sie. Schwere, gemästete Puten werden am Hals gepackt und durch die Halle geworfen. Arbeiter schleudern die Tiere auf den Lkw, wobei Knochen brechen. Peta filmte heimlich auf einem Geflügelhof in Emstek-Halen bei Cloppenburg. "Das ist die völlige Normalität seit Jahrzehnten und kein Einzelfall", sagt Haferbeck.

Schon Ende 2009 filmte Peta auf einer Hühnerfarm des größten deutschen Geflügelfleischproduzenten mit 5000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als zwei Milliarden Euro. Mit ihm muss sich inzwischen die Justiz auseinandersetzen. Peta hat erneut Strafanzeige gestellt. Der Konzern hat unterdessen die für die Ausstallung zuständigen Subunternehmen aufgefordert, sofort die verantwortlichen Mitarbeiter zu entlassen.

Aber BBV-Sprecher Kreitmair wendet sich gegen die ARD: "Das Ganze ist gekauft und gestellt. Schade, dass ich es nicht gesehen habe." Er kenne, so Kreitmair, viele Hähnchenmäster, und ihnen liege das Wohlergehen der Tiere am Herzen. Vielleicht gebe es unter hundert mal einen Fall, aber so sei das kein objektiver Bericht gewesen, der die Verbraucher nur verunsichere. Doch es geht nicht allein um die Dienstleister, die ihren Mitarbeitern Billiglöhne von fünfeinhalb Euro die Stunde zahlen sollen. Im Blickfeld steht "Das System Wiesenhof. Wie ein Geflügelkonzern Tiere, Menschen und Umwelt ausbeutet." So lautet der Titel des ARD-Beitrags, dessen Ausstrahlung Wiesenhof mit einer Unterlassungserklärung vergeblich zu verhindern versucht hat.