Frisch auf den Tisch Agrar-Revolution in grünen Kisten

In Schönbrunn kooperiert die Werkstatt für behinderte Menschen mit dem Münchner Kartoffelkombinat, das sich eine solidarische Landwirtschaft auf die Fahnen geschrieben hat. Die Genossenschaft beliefert mittlerweile 600 Haushalte mit selbst angebautem Obst und Gemüse.

Von Henrike Kruse

Wandel beginnt meistens im Kleinen, sagt man. Im Lagerraum der Gärtnerei Schönbrunn jedenfalls passt er in 30 Zentimeter hohe Plastikboxen. Seit nämlich das Münchner Kartoffelkombinat Anfang des Jahres nach Schönbrunn umgezogen ist, werden hier die Kisten gepackt, mit denen die Mitglieder der Initiative mit Gemüse versorgt werden. An diesem verschneiten Dienstagnachmittag ist deswegen auch einiges los in der Gärtnerei; Packhelfer aus München und Mitarbeiter der Schönbrunner Werkstatt für behinderte Menschen wuseln durch die Lagerräume. Gemüse wird geputzt, gewogen und gepackt; Feldsalat, Knollensellerie, Schwarzwurzel und Rüben kommen in die grünen Kisten, und dazu noch ein bisschen Agrar-Revolution.

"München ist ein Dorf" - unter diesem Motto haben Simon Scholl und Daniel Überall das Kartoffelkombinat vor zweieinhalb Jahren gegründet. Für beide war es ein Quereinstieg in den Gemüseanbau. Sie haben sich eine solidarische Landwirtschaft auf die Fahnen geschrieben, in der Landwirte und Verbraucher eine Versorgungsgemeinschaft bilden. Für den Bauern bedeutet das eine Abnahme- und Preisgarantie, für den Verbraucher den unmittelbaren Zugang zu saisonalem Gemüse aus der Region, das ökologisch angebaut wird.

Sie packen gemeinsam an: Andrea Weidemann, Benny Schöpf, Simon Scholl, Barbara Reschenhofe und Aurelia Hajek (v.l.)

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"Gleichzeitig Erzeuger und Konsument sein" - so fasst Simon Scholl das Konzept zusammen. Deswegen ist das Kartoffelkombinat auch eine Genossenschaft. "So hat das Gemüse keinen Preis mehr", sagt Scholl und meint damit, dass die Kosten für Löhne, Saatgut und Logistik vom Kombinat schon im Vorhinein übernommen werden. So liegt der finanzielle Druck nicht mehr auf den Landwirten, sondern wird von den Genossen gemeinsam geschultert. Die bekommen dafür einmal in der Woche ihren Ernteanteil: in Jahren mit guter Ernte viel, in Jahren mit schlechter eben weniger.

Fast 600 Haushalte sind mittlerweile in der Genossenschaft, für sie werden in Schönbrunn gerade die Kisten zusammengestellt. Ein paar Kombinatsmitglieder sind dafür von München nach Schönbrunn gefahren - wie Andrea Weidemann. Einmal in der Woche packt sie in der Gärtnerei mit an, als Ergänzung zu ihrem Bürojob. Gerade schiebt sie eine Palette mit Zwiebeln durch den Kommissionier-Raum, wo eine Kollegin vom Franziskuswerk die Portionen auf einer Waage einteilt. Das Gewicht wird in Ampellichtern angezeigt: Gelb bedeutet zu wenig, Rot zu viel, Grün genau richtig. So wird das Abwiegen den Behinderten erleichtert. So langsam spielen sich die Abläufe ein.

In Schönbrunn kooperiert die Werkstatt für behinderte Menschen mit dem Münchner Kartoffelkombinat.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"Eine optimale Kombination" ist die Kooperation von Kombinat und Franziskuswerk für die Betriebsleiterin der Gärtnerei, Aurelia Hajek. Durch die gesicherte Vermarktung wissen sie jetzt konkret, wie viel sie anbauen können - und vor allem: für wen. Dadurch, dass die gesamte Ernte unter den Genossenschaftsmitgliedern aufgeteilt wird, landet kein Gemüse mehr im Abfall. Außerdem bringen die Städter neuen Schwung ins doch etwas abgelegene Schönbrunn. "In der Gärtnerei war der Winter immer eine tote Zeit", erzählt Hajek, doch seitdem das Kartoffelkombinat eingezogen ist, sei davon nichts mehr zu spüren.

Ein weißer Lieferwagen wartet auf dem Hof vor der Gärtnerei, er bringt die Gemüsekisten dann zu den einzelnen Verteilpunkten. Mehr als 40 gibt es davon im Raum München, einer davon ist das Architekturbüro von Dorothea Voitländer in der Dachauer Altstadt. Sie selbst ist seit einem Jahr Kombinatsmitglied, seit Januar holen sich acht Familien die Gemüsekisten einmal in der Woche in ihrem grünen Haus in der Gottesackerstraße ab.

Beim Kartoffelkombinat gehe es "um mehr als nur ums Gemüse", betont Simon Scholl. Deswegen läuft im Moment auch eine Gemeinwohl-Bilanzierung, bei der die Initiative nach Faktoren wie fairer Entlohnung, Geschlechtergerechtigkeit oder der Vertrauenswürdigkeit der Geschäftsbeziehungen bewertet wird. Für die Zusammenarbeit mit der Franziskuswerk-Gärtnerei ist 2015 eine Art Test-Jahr, danach möchte die Genossenschaft die Gärtnerei pachten. "Wir haben den Anspruch, betriebswirtschaftlich die volle Verantwortung zu übernehmen", sagt Scholl. Das Ziel sei eine komplett eigene Landwirtschaft, "vom Saatgut bis zur Selbstvermarktung". So wollen Simon Scholl und Daniel Überall ihre Idee von alternativer Landwirtschaft verbreiten. Kistenweise.