Faszination Briefmarken Die jungen Philatelisten

Marion und Lukas Drexler sammeln mit großer Begeisterung Briefmarken. Ihre Freunde finden das altmodisch. Und doch planen die Geschwister selbstbewusst eine eigene Ausstellung

Von Jana Rick, Dachau

Viele Jugendliche haben bestimmt schon lange keine Briefmarke mehr auf einen handgeschriebenen Brief geklebt. Die zehnjährige Marion und ihr 14-jähriger Bruder Lukas sind eine Ausnahme. Die beiden haben ein seltenes Hobby: Sie sind Philatelisten, also Briefmarkensammler. Damit zählen sie gleich zweimal zu einer Minderheit. In Deutschland gibt es immer weniger Briefmarkensammlervereine, und das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei circa 70 Jahren.

Die beiden Dachauer Hobbysammler stört das nicht, sie begeistern sich schon lange für die kleinen Bildchen und sind natürlich auch Teil der Jugendgruppe des Briefmarkensammlervereins in Dachau. Die Gruppe besteht aus sechs Kindern und Jugendlichen und wird von Marions und Lukas' Vater, Andreas Drexler, geleitet. Es erscheint also naheliegend, wie die beiden zu ihrem seltenen Hobby gekommen sind. Durch ihren Vater? "Anders rum!", rufen die beiden im Chor. "Wir waren in München auf der Spielzeugmesse und haben uns dort einen Briefmarkenstand angeschaut", erklärt Marion. "Wir haben uns sofort mit den Briefmarken angefreundet und haben zu Hause Papa dazu aufgefordert, seine alten Sammlungen auszukramen". So kam die Sammlerfreude in der Familie auf.

Marion, 10, ist eine echte Briefmarkenexpertin.

(Foto: Toni Heigl)

Die Jugendgruppe des Dachauer Vereins leitet Andreas Drexler seit etwa zwei Jahren, die Idee der Nachwuchsförderung bestand schon länger. "Mit der Jugendgruppe war es immer ein Auf und Ab. Es hing immer davon ab, wie viele Jugendliche im Verein waren und wer sich als Leitung bereit erklärt hat", sagt der jetzige Gruppenleiter.

Immer am ersten Samstag im Monat trifft sich die Jugendgruppe von 14 bis 16 Uhr in der Andreas-Vöst-Stube im Ludwig -Thoma-Haus. "Wir tauschen zum Beispiel untereinander neue Briefmarken", erklärt Marion. "Aber wir gehen auch mal Eis essen", wirft Lukas schmunzelnd ein. Im nächsten Jahr sind auch Ausflüge zu verschiedenen Briefmarkenmessen geplant. Am vergangenen Samstag veranstaltete der Verein einen Tag der offenen Tür, bei dem die Mitglieder ihre Sammlungen präsentierten. Natürlich hoffte der Verein auf Neumitglieder, vor allem im Nachwuchsbereich. Doch Marion ist enttäuscht: "Wir hatten einen Jugendstand, aber es kam kein Jugendlicher vorbei."

Ihr Vater bestätigt: "Es ist einfach schwer, junge Leute zum Briefmarkensammeln zu bringen." Grund dafür sei vor allem der zunehmende Freizeitstress, den Kinder täglich erleben: "Klavierunterricht, Fußball, Chinesisch-Sprachkurs", zählt Andreas Drexler auf. "Es gibt tausend Vereine. Plus Schule kriegt das doch kein Kind hin." Dabei sei das Briefmarkensammeln ein viel günstigeres Hobby als Tennis oder Golf. Außerdem fügt der Jugendleiter noch einen weiteren Vorteil der Sammlerfreude hinzu: "Kinder werden ruhig durchs Briefmarkensammeln", sagt er aus eigener Erfahrung. "Man fährt runter." Trotzdem bleiben Marion und Lukas mit ihrem Hobby im Freundeskreis allein. "Meine Freunde finden das altmodisch", gibt die Zehnjährige betreten zu. "Sie verstehen nicht, dass ich mich nicht mit anderen Sachen beschäftige."

Zur genaueren Untersuchung nimmt sich Lukas eine Lupe zur Hilfe.

(Foto: Toni Heigl)

Das Mädchen öffnet den Karton, der vor ihr auf dem Tisch steht. Sie hat sich bei ihrer Sammlung auf Pferdemotive spezialisiert, drei Alben sind schon voll. Ihr Lieblingsmotiv ist ein aufsteigendes Pferd auf einer Briefmarke aus Tansania. Ihre Briefmarken erhält sie auf Großtauschtagen, bei denen Erwachsene Briefmarken kaufen und verkaufen. Sie lächelt verschmitzt. "Aber wir Kinder bekommen die meisten geschenkt." Ihr Vater erklärt lachend: "Da stauben die Kinder oft richtig ab." Lukas sammelt Feuerwehrmotive, Briefmarken aus Österreich und die des "Deutschen Reiches" vor 1945. Das liegt unter anderem daran, dass sein Vater die Marken nach 1945 sammelt. So überschneiden sich die Vorlieben innerhalb der Familie nie. Die zwei jungen Sammler planen sogar in der nächsten Zeit eine eigene Ausstellung. Marion arbeitet bereits an der optimalen Aufstellung der Schautafeln und der Beschreibung ihrer Sammlung. Wenn die Zehnjährige von ihrer Sammlung spricht, leuchten ihre Augen. Man merkt, dass sie in ihrem Element ist. Fachbegriffe wie "Stockflecken", "Plattenfehler" und "Zähnung" fallen. Sie kennt sich aus.

An seiner Aufgabe als Jugendleiter gefällt Andreas Drexler, dass er dem Nachwuchs viel über die Briefmarkengeschichte beibringen kann. Auch seine Tochter betont, dass man beim Sammeln "viel über die Geschichte der Marken erfährt". Schließlich gibt es das alte Sammler-Sprichwort: "Briefmarkensammler sterben arm, aber schlau." Andreas Drexler fügt hinzu: "Bei uns im Verein gibt es viele laufende Lexika." Die Feststellung, dass Briefmarkensammler arm sterben, sieht jedoch jeder Sammler anders. Fragt man Marion, wie viel denn ein Album an Briefmarken wert ist, so antwortet sie keck: "Kommt drauf an, was drin ist!" Eine Kindersammlung kann schon mal bis zu 700 Euro wert sein, aber Marion sieht das locker. "Man muss sich ja nicht das Teuerste raussuchen." Schließlich geht es beim Sammeln um den Spaß. "Ich freue mich auf alles, was ich noch nicht habe", sagt das Mädchen. Angst, dass Briefmarkensammeln einmal aussterben wird, haben die beiden jungen Sammler nicht. Da sind sie sich einig: "Nein", behauptet Marion fest. "Wenn man dagegen arbeitet, dann nicht." Und das machen die Geschwister sehr überzeugend.