"Es hat etwas Stilles" Von harten Fakten zu Artefakten

Ines Seidel erschafft aus Zeitungspapier, das nüchterne Nachrichten des Weltgeschehens transportiert, kunstvolle plastische Werke mit betont weiblicher Note. Zu sehen sind ihre Arbeiten noch bis Sonntag im Dachauer Wasserturm

Von Christiane Bracht, Dachau

Nachrichten lesen, das tun viele. Darüber nachdenken auch. Doch kann man sie auch verändern? Die meisten schmeißen die Zeitung nach dem Lesen einfach weg und gehen zur Tagesordnung über. Ines Seidel nicht. Sie macht sich Gedanken, entwickelt die Nachrichten weiter, macht aus zweidimensionalen Texten, dreidimensionale Gebilde, ordnet Wörter neu, bringt sie in andere Zusammenhänge und wirft so Fragen auf. Fragen, die sich die meisten wohl gar nicht stellen, die aber durchaus berechtigt sind. Auf vier Ebenen hat die Papierkünstlerin nun ihre Werke im Dachauer Wasserturm ausgestellt. Und wer meint, die Zeitung von gestern sei nichts mehr Wert, der wird hier eines Besseren belehrt. Es ist eine Ausstellung, die sich auf jeden Fall lohnt, ja, die begeistert, denn dem Zeitungsleser eröffnet sich plötzlich ein völlig neuer Blick auf seine tägliche Lektüre. Oder hat sich schon einmal jemand darüber Gedanken gemacht, ob das Weibliche in der Zeitung fehlt?

Künstlerin Ines Seidel.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Für Ines Seidel ist es das zentrale Thema. "Alles dreht sich um Fakten und Krieg. Die Texte sind aktionsorientiert. Doch das Wachsende, Nährende, vor allem aber das Emotionale ist unterrepräsentiert. Es fehlt die Balance", klagt Ines Seidel. Sie hat sich lange mit Sprache beschäftigt, Kommunikations- und Medienwissenschaften studiert, analytische Fernsehforschung gemacht und sich erst 2013 ganz der Kunst gewidmet. Ihr Material ist "Papier mit Geschichte", wie sie sagt. Anfangs arbeitete sie vor allem mit Verpackungsmaterial und Büchern. Seit etwa zweieinhalb Jahren hat sie sich jedoch der Zeitung verschrieben. Eines der ersten Werke war ein Kleid, das sie aus Zeitung zusammengenäht hat. Nicht mit gewöhnlichen Schnittmustern, wie man sie aus einer Schneiderei kennt. Die Zeitung hatte sie nass um Steine gewickelt und später, als das Papier trocken und fest war, wieder gelöst. Die so geformten Zeitungshalbrunde wirkten aneinandernäht wie ein Panzerkleid. Die Idee dahinter: "Kann ich Nachrichten so nah an meinen Körper lassen, dass sie wie ein Kleid sind, das mich ständig umgibt?"

Papier mit Geschichte ist seit zwei Jahren Seidels Thema.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Ein Foto zeugt von diesem ersten Werk. Ein weiteres ist ein Kleid, das oben genauso aussieht wie das erste und sich unten immer mehr verflüchtigt bis es nur noch lose lange Fäden sind. "Wurzeln", wie die Freisingerin sagt. "Nachrichten sind auch das, was uns definiert."

Beeindruckend gleich im ersten Raum das riesig große organische Gebilde aus zusammengenähter Zeitung, das an der Decke hängt und von dem schwarze Bindfäden herabhängen. Darunter liegen ein paar Spiegelplatten. Die einen sehen darin ein "Gehirn", die anderen "Korallen", wer will, kann auch eine "Regenwolke" erkennen. Der Betrachter soll ganz frei sein, in seiner Fantasie. Wichtig ist der Künstlerin eher die Wirkung: Das Volumen, das Nachrichten annehmen können, ist doch beachtlich. Und wer in den Spiegel schaut, sieht sich vor der gigantischen Nachrichtenblase. Doch wo ist nun das Weibliche in diesem Werk? Das eigentliche Thema der Künstlerin: "Es sind die runden, naturnahen Formen und die Handarbeit, das Nähen und Häkeln. Ich bin Frau und arbeite so", erklärt Seidel.

Wie nah kann man Nachrichten an sich heranlassen? Das Kleid aus Zeitungstexten mit Wurzeln zeigt, wie wenig Abstand man oft hat.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Doch das Feminine, das Emotionale wird in späteren Werken immer deutlicher. So hängt in einem oberen Stockwerk eine schwarze Maske (in Tusche getränkte Zeitung), aus deren Augen dicke Tränen strömen - Tränen aus kleinen Zeitungskegeln, die an einem Bindfaden herunterhängen.

Dass Wörter nicht immer nur sachlich sind oder Fakten, sondern dass sie auch körperliche Auswirkungen haben, will Seidel in ihrem Werk "Akupressur" verdeutlichen. Auf der einen Seite stehen Wörter, die sich wie in einen Ball verknotet haben: Wörter wie "decision", "forces", "best you can" oder "watch". Rote Fäden führen zu einer weiblichen Figur und schaffen so eine Verbindung, nicht grundsätzlich, sondern zu ausgewählten Stellen am Köper, die durch rote Punkte gekennzeichnet sind: Herz, Bauch, Kopf, Hände, Sexualität oder auch zu Beinen und Füßen. Sie treffen auch emotional. Das Werk gehört zu einer Serie, die Seidel "Nachrichten von der Göttin" genannt hat.

Ines Seidel transformiert Nachrichten zu Gebilden wie der Regenwolke.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Es lohnt sich mit wachen Augen durch die Ausstellung zu gehen, die Werke auf sich wirken zu lassen und die Fragen dahinter zu erkennen. Dann sieht man die Details, wie etwa der Börsenkurs (eine schwarze Linie) langsam in den Herzschlag (rote Linie) übergeht und so den "Puls der Zeitung" markiert. Oder der Vergleich: Was passiert mit der Nachricht (in Form eines Papierknäuels) in einem Haus? Und was mit einer im Käfig? Welche entwickelt sich besser? Und wie wirken Wörter und Überschriften in neuem Kontext?

Auf das Thema "Fake News" ist Seidel schon oft angesprochen worden, doch das sei nicht ihr Thema, sagt sie. "Ich bin nicht die Instanz, die entscheiden kann, ob etwas wahr ist oder falsch. Ich versuche nur, etwas weiterzuentwickeln, zu transformieren." Und so kann man sich überlegen, wie es ist, wenn einen die Nachrichten zudecken oder wenn man sie atmet. Oder was von der Zeitung bleibt, wenn der Text fehlt. "Es hat etwas Stilles", sagt Seidel. Flattrig, luftig hängt der Text an einem Bindfaden daneben. An Ideen mangelt es der Künstlerin nicht. Es macht Spaß, sich überraschen zu lassen.

Bis zum Sonntag, 6. Mai, ist die Ausstellung mit dem Titel "Nachrichten verändern" noch im Wasserturm zu sehen. Jeweils freitags, von 16 bis 18 Uhr und samstags sowie sonntags von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.