Erinnerungen an eine schreckliche Zeit Überlebenswichtiger Zusammenhalt

Die Schauspielerin Lydia Starkulla liest an der KZ-Gedenkstätte Dachau aus dem Buch der ehemaligen Zwangsarbeiterin Kiky Gerritsen-Heinsius.

(Foto: Toni Heigl)

Die Schauspielerin Lydia Starkulla liest aus den Erinnerungen der ehemaligen Zwangsarbeiterin Kiky Gerritsen-Heinsius

Von Marie Groppenbächer, Dachau

Beispiellos war der Streik, der sich am 12. Januar 1945 im Agfa-Camerawerk in München-Giesing, einem Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, ereignete. So etwas hatte es unter KZ-Häftlingen noch nicht gegeben. "Wir streikten spontan, alle zusammen", schreibt die Niederländerin Hedrika Jacoba (Kiky) Gerritsen-Heinsius in ihrem Erinnerungsbericht "Die Welt war weiß". Am Dienstagabend las die Münchner Schauspielerin und Regisseurin Lydia Starkulla einzelne Passagen daraus vor. Die Lesung fand im Sonderausstellungsraum in der KZ-Gedenkstätte Dachau im Rahmen der neuen Sonderausstellung "Namen statt Nummern" statt. Der Raum war recht voll, das Publikum bunt gemischt, auch einige Schüler hörten zu.

Andrea Riedle, stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte, und Klaus Schulz, Diakon der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte, eröffneten den Abend. Besonderer Dank für ihr Engagement galt Lydia Starkulla und den Mitveranstaltern, Pfarrer Björn Mensing und Diakon Klaus Schulz. Letzterer schätzte die Lesung als Möglichkeit, der Ausstellung subjektive Blickwinkel zu verleihen. Sie seien es, die der nächsten Generation einen anderen Zugang verschaffen.

Im Agfa-Camerawerk München, dem heutigen Wohnkomplex Weißenseestraße 7-15, arbeiteten von Oktober 1944 an 550 niederländische und polnische Häftlinge, erzählt Jascha März, wissenschaftlicher Volontär der KZ-Gedenkstätte. Darunter auch Kiky Gerritsen-Heinsius und ihre drei Freundinnen Jops, Emmy und Tony. Irgendwie hatten es die vier geschafft, gemeinsam aus dem Konzentrationslager Ravensbrück in das Außenkommando Agfa-Werke München verlegt zu werden. Die vier teilten sich mit zwei anderen Niederländerinnen eine Wohngemeinschaft. In dieser Zeit wuchsen sie zu einer Art Familie zusammen. "Zusammenhalt war die beste Möglichkeit, um zu überleben".

Ihre Arbeit in der Fabrik bestand darin, Uhrwerke für Luftabwehrgranaten herzustellen. Während Lydia Starkulla diese Passagen mit fester, einfühlsamer Stimme liest, drehen ihre Finger in der Luft Schräubchen nach rechts und nach links. Immer wieder hält sie inne und blickt ins Publikum. "Dabei war Sabotage fester Bestandteil unserer täglichen Aufgabe geworden". Manche Häftlinge stellten die Granaten absichtlich falsch ein, andere stahlen Einzelteile, aus denen sie dann in ihren Unterkünften kleine Schmuckstücke bastelten.

Zur täglichen Arbeit gehörte auch regelmäßiger Bombenalarm. Die deutschen Arbeiterinnen versteckten sich in Luftschutzbunkern, Kicky und ihre "Kolleginnen" mussten in der Fabrik ausharren. Doch die Todesangst wurde überlagert von Hunger. "Wir konnten beinahe an nichts anderes denken als an Essen". Abends in ihren Betten träumten die Frauen von den reichhaltigsten Speisen, tranken imaginären Tee und ließen dabei in Gedanken ein Stück Schokolade im Mund zergehen.

Das Jahr 1945 fing schlecht an. Die Versorgung wurde immer dürftiger, viele Frauen fielen wegen Unterernährung aus. Um dem Ausfall entgegenzuwirken, versuchte der Kommandant, die Frauen mit Prämien an ihre Werkbänke zurück zu locken. Doch er hatte keine Chance. "Zusammengehörigkeit war unsere einzige Kraft", schreibt Kiky Gerritsen-Heinsius, "und das sollte auch so bleiben". Wie groß ihr Zusammenhalt tatsächlich war, sollte sich noch zeigen.

Am Morgen des 12. Januar legten die Zwangsarbeiterinnen ohne vorherige Absprache ihre Arbeit nieder, setzten sich auf den Boden und fingen laut an zu singen. Die Stimme des Kommandanten kam nicht dagegen an. Sie streikten, alle zusammen. Keine der Frauen verriet, wer zu dem Streik aufgerufen hatte. Kiky selbst konnte sich im Nachhinein nicht mehr daran erinnern. Die Niederländerin Mary Vaders wurde willkürlich zur Rädelsführerin erklärt und für einige Wochen mit Zellenhaft im KZ Dachau bestraft. Erreicht hatten die Frauen eine "ein kleines bisschen nahrhaftere Suppe, wenigstens für ein paar Wochen." Drei Monate später schloss das Werk. Kiky und ihre Freundinnen zogen weiter nach Wolfratshausen, wo sie am 30. April 1945 endlich von amerikanischen Alliierten befreit wurden. An diesem Morgen hingen weiße Flaggen aus den Fenstern, es lag Neuschnee. Kiky erinnert sich: "Diese Nacht hatte es geschneit. [...]Die Welt war weiß. Wir waren frei."