Ein Zeitzeuge fehlt Der Hass kehrt zurück

Die Gedenkfeiern zum 72. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau stehen im Schatten einer besorgniserregenden Entwicklung: Die Zahl der antisemitischen Straftaten und fremdenfeindlichen Delikte hat stark zugenommen.

Von Helmut Zeller, Dachau

Etwas ist anders in diesem Jahr: Erstmals seit mehr als 20 Jahren findet die jährliche Gedenkfeier zur Befreiung der Dachau-Häftlinge am 29. April 1945 ohne Max Mannheimer statt. Der großartige Zeitzeuge, Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees (CID), ist im September 2016 im Alter von 96 Jahren gestorben. "Natürlich", sagt der Holocaust-Überlebende Ernst Grube, "werde ich zuerst über Max sprechen". Der 85-Jährige hat von Max Mannheimer den Vorsitz der Lagergemeinschaft Dachau übernommen und spricht an seiner Stelle am 30. April. Die Rede Mannheimers vor dem ehemaligen Krematorium war jedes Jahr das zentrale Ereignis der Befreiungsfeierlichkeiten - nicht zuletzt deshalb, weil der Auschwitz-Überlebende kein Blatt vor den Mund nahm und bedenkliche Entwicklungen in Politik und Gesellschaft anprangerte. Das will Ernst Grube genauso machen. Die diesjährigen Gedenkfeiern stehen im Schatten eines wachsenden Antisemitismus in Deutschland.

Blick auf eine der beiden rekonstruierten Baracken auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau.

(Foto: Toni Heigl)

Als Kind überlebte Ernst Grube die Judenverfolgung in München und das Lager Theresienstadt bei Prag, aus dem er von Einheiten der Roten Armee befreit wurde. Der Zeitzeuge ist auch Vorsitzender des Kuratoriums der bayerischen Gedenkstättenstiftung. Nach 1945 wurde Grube in Deutschland erneut verfolgt und erhielt als DKP-Mitglied Anfang der 1970er Jahre Berufsverbot. Das wendete er jedoch ab, als er dem Sachbearbeiter im Münchner Rathaus seinen Judenstern auf den Schreibtisch legte. 2010 wurde Ernst Grube als Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) namentlich im Verfassungsschutzbericht genannt: Innenminister Joachim Herrmann (CSU) machte erst nach Protesten einen Rückzieher.

Abba Naor gehört zu den Überlebenden des Todesmarsches. Anlässlich der Gedenkfeiern zum 72. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau spricht er am Mahnmal.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In seiner Rede zum 72. Jahrestag der Befreiung will Grube, wie er sagt, auf die Zunahme von "Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass" eingehen. Das Dachau-Komitee, das die Gedenkveranstaltungen organisiert, habe ihn auf fünf Minuten begrenzt; nach ihm spricht noch Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD). Schon im vergangenen Jahr hatte Max Mannheimer die Rede einem anderen überlassen: dem 59-jährigen Augsburger Josef Pröll, Mitglied der Lagergemeinschaft. Er entstammt einer Familie, die im Widerstand gegen das Naziregime war und viele Angehörige in Konzentrationslagern verloren hat. Pröll warnte eindringlich vor dem Rechtsruck in Deutschland.

AfD bereitet dem Holocaust-Überlebenden Sorge

Das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen dürfte auch diesmal im Zentrum der Reden stehen. Ernst Grube spart nicht mit Kritik, wenn etwa CSU-Politiker eine härtere Abschiebepraxis für Afghanen oder eine sogenannte Obergrenze für Flüchtlinge fordern. Die AfD bereitet dem Holocaust-Überlebenden Sorge: "Auch wenn sie sich nach außen gerade vorsichtiger geben, die meisten denken doch wie Höcke." Der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke, gegen den ein Parteiausschlussverfahren läuft, hatte das Berliner Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" abgetan und eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad gefordert. Nach ihrem Parteitag am Sonntag in Köln sieht Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Rechtspopulisten "ganz klar auf dem Weg in den Rechtsextremismus", wie er der Jüdischen Allgemeinen sagte. Die AfD wolle ein chauvinistisch-nationalistisches Denken in Deutschland wieder salonfähig machen.

Der Holocaust-Überlebende Ernst Grube ist Vorsitzender des Kuratoriums der bayerischen Gedenkstättenstiftung.

(Foto: Stephan Rumpf)

Am Sonntag sprechen Josef Schuster und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, an der Jüdischen Gedenkstätte. Juden in Deutschland müssen sich abermals um ihre Sicherheit sorgen. Die Kriminalstatistik 2016 zählt bundesweit 8983 fremdenfeindliche Delikte (plus 5,3 Prozent) und 1468 antisemitische Straftaten (plus 7,5 Prozent). Dabei wurden allein im Internet 3177 Hasspostings erfasst. Internet und soziale Medien sind zu den Verbreitungsinstrumenten von Hassbotschaften und antisemitischer Hetze geworden. Am Montag legte ein unabhängiger Expertenkreis der Bundesregierung zum zweiten Mal nach 2012 seinen Antisemitismusbericht vor: Demnach sind fünf Prozent der Deutschen offen antisemitisch eingestellt, 20 Prozent hegen eine unterschwellige Judenfeindlichkeit, die sich häufig israelkritisch gibt. Charlotte Knobloch hat in einer Pressemitteilung dazu die Forderung der Sachverständigen nach einem nationalen Antisemitismus-Beauftragten unterstützt. Die Experten warnen vor der Verharmlosung judenfeindlicher Strömungen unter Rechtsextremen oder in der gesellschaftlichen Mitte. Neben dem Antisemitismus deutscher Prägung sei der Judenhass unter Muslimen ein wachsendes Problem, stellten die Experten fest. Josef Schuster will deshalb Antisemitismus zu einem zentralen Thema in Integrationskursen machen. Auch bei der Befreiungsfeier an der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen in Niedersachsen am Sonntag war das Wiederaufleben des Antisemitismus ein zentrales Thema, etwa in der Rede der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU).

Zum 70. Jahrestag der Befreiung vor zwei Jahren kamen noch ungefähr 2000 Besucher nach Dachau - darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer. Staatssekretär Georg Eisenreich vertritt diesmal die bayerische Regierung. Überhaupt laufen die Befreiungsfeiern in diesem Jahr viel bescheidener ab - es werden deutlich weniger Überlebende als noch vor zwei Jahren erwartet. 2015 waren es 138 aus 20 Ländern. Der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung in Dachau hat wieder ehemalige Häftlinge aus den Ländern der früheren Sowjetunion eingeladen. Es sind zwei: Volodymyr Dzhelali und Oleksandr Kulynych aus der Ukraine. Drei Gäste mussten aus gesundheitlichen Gründen die Reise absagen.

Zeitzeugen sind durch nichts zu ersetzen

Der Tod von Max Mannheimer, des Doyens der Erinnerungskultur, stellt einmal mehr die bange Frage, wie es mit der Gedenkstättenarbeit nach dem Ableben der Zeitzeugen weitergehen soll? Die Experten sind sich einig, dass die Zeitzeugen durch nichts zu ersetzen sind. Gerade wegen ihrer Authentizität wirken sie auch als moralisches Korrektiv in der Geschichtspolitik. Manche Überlebende hoffen auf ihre Kinder und Enkelkinder als Zeugen der Zeitzeugen. So wie Jean-Michel Thomas, Präsident des Internationalen Dachaukomitees, der auf der Gedenkfeier am ehemaligen Appellplatz sprechen wird. Sein Vater war als Résistance-Mitglied 1944 nach Dachau deportiert worden. Im Konzentrationslager Dachau litten in den zwölf Jahren seines Bestehens mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa. Mehr als 41 500 Häftlinge überlebten den Terror nicht.

Bereits am Samstag, 29. April, wird am Todesmarschmahnmal in Dachau neben einem Vertreter der Gewerkschaften und dem Dachauer Oberbürgermeister einer der aktivsten Zeitzeugen sprechen. Der Holocaust-Überlebende Abba Naor, 89, aus Israel war unter den Tausenden Häftlingen, die noch in den letzten Tagen vor der Befreiung von Dachau aus auf den Todesmarsch getrieben wurden. Als Kind überlebte er das Ghetto Kaunas, das KZ Stutthof und zwei Kauferinger Außenlager bei Landsberg am Lech. Abba Naor vertritt im Stiftungsrat der Gedenkstättenstiftung die israelischen Überlebenden und wurde im März zum neuen CID-Vizepräsidenten gewählt. In einem Interview mit der SZ hatte Abba Naor kürzlich gefordert, dass sich das CID künftig noch stärker gegen die rechtspopulistischen Strömungen in Europa engagieren müsse.