"Der Landkreis und das Lager" Der Wille zum Wissen

Dachauer Gymnasiasten beteiligen sich an dem landkreisweiten Projekt der Geschichtswerkstätten. Sie forschen unter dem Thema "Der Landkreis und das Lager" und schreiben spannende Biografien.

Von Viktoria Großmann

Die Überlebenden des KZ Dachau jubeln bei ihrer Befreiung 1945.

(Foto: DAH)

Zum Beispiel Jakob Schmid. Geboren wurde der Mann 1886 in Pipinsried. Von 1927 an war er Vorstand der Sozialdemokratischen Partei im Ortsausschuss Dachau. Das war ein Grund dafür, dass er 1933 einer der ersten Insassen im Konzentrationslager Dachau war. Als weiterer Grund genügte, dass Schmid zu jener Zeit arbeitslos war. Lucie Odoj wurde 109 Jahre nach Schmid geboren und sie hat sich daran gemacht, seine Lebensgeschichte zu erforschen und festzuhalten. Wie kommt man an Informationen über so einen Mann? Informationen, die über Geburtsdatum und Parteieintritt hinaus reichen? Die Schülerin des Ignaz-Taschner-Gymnasiums wandte sich an den heutigen SPD-Ortsverein, der Gemeinderat Volker C. Koch stellte den Kontakt zu einer Enkelin Jakob Schmids her - und die erzählte. Die 18-Jährige wirkt von neuem überrascht und begeistert, wenn sie von der Begegnung erzählt. "Sie hat mir Fotos und Dokumente anvertraut, einfach so. Einer eigentlich fremden Person."

Odoj mag eine Fremde gewesen sein, aber ihr Projekt ist den Dachauern bekannt: Es heißt Geschichtswerkstatt, und Jakob Schmids Geschichte ist nun eines von bereits mehr als 150 Gedächtnisblättern. Ein Projektseminar der Schule in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Dachau und dem Dachauer Forum hat sich auf die Suche nach jenen Lagerinsassen gemacht, die aus dem Landkreis Dachau kamen. Zwar wurden Menschen aus ganz Europa wegen ihrer politischen Überzeugungen oder weil sie Juden oder Sinti und Roma waren im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Jedoch war es auch eine reale Bedrohung für die hiesige Bevölkerung - das ist es, was das sogenannte "Teilprojekt 3, Das Lager und der Landkreis", vermitteln will. Aus ihren Erkenntnissen konzipierten die Schüler eine Ausstellung, die am Mittwochabend in der Aula des Ignaz-Taschner-Gymnasiums eröffnet werden wird.

Im Landkreis verhaftet zu werden bedeutete auch während der Nazi-Zeit nicht immer, ins KZ gebracht zuwerden. Philomene Wallner ist eine der Schülerinnen, die den Lebensläufen von Menschen nachspürte, die in örtlichen Gefängnissen festgehalten und drangsaliert wurden. So wie Albert Steigenberger. Der katholische Pfarrer hatte einigen Arbeitern zu bedenken gegeben, dass Hitler sich um ihre Belange nicht kümmere. Das reichte, um den Mann zwei Monate in Haft zu bringen. Wo genau, er festgehalten wurde, das hat Philomene Wallner nicht herausgefunden - obwohl sie die mehr als 200 Seiten umfassende Personalakte des Pfarrers studierte, die im Archiv der Erzdiözese liegt. Zuletzt war Steigenberger Pfarrer in Großberghofen gewesen. Die 18-Jährige suchte dort nach Menschen, die sich an ihn erinnern, von ihm erzählen können. Unter anderem interviewte sie den früheren Landtagsabgeordneten Blasius Thätter, der von Steigenberger noch unterrichtet wurde.

"Die Schüler haben nicht einfach irgendwo abgeschrieben", sagt Geschichtslehrerin Hedwig Bäuml. "Die mussten ganz tief graben." Und geduldig suchen. Philomene Wallner wollte herausfinden, wo das Grab des Pfarrers ist, der 1963 verstarb. Sie lief über die Friedhöfe des Landkreises, doch sie fand es nicht. Lediglich auf einer Gedenktafel auf dem Friedhof in Schönbrunn wird der Pfarrer erwähnt. Immerhin.

Angeleitet hat die Schüler neben den Lehrerinnen Hedwig Bäuml und Angelika Neumayer auch Sabine Gerhardus, die das Projekt Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau leitet. Die etwa 20 Gedächtnisblätter, die aus den Schüler-Facharbeiten entstanden sind, sollen ein Wert für die Ewigkeit sein. Erstmals werden sie nun als Teil der Wanderausstellung zunächst am Taschner- und dann am Effner-Gymnasium zu sehen sein, dessen Schüler ebenfalls an dem Projekt beteiligt sind.

Und was wurde aus Jakob Schmid? Der wurde aus der sogenannten Schutzhaft wieder entlassen - und fand danach erst recht keine Arbeit. Niemand wollte den "Roten" einstellen. Nach dem Krieg gründete er mit anderen den SPD-Ortsverein neu und wurde Mitglied im Antifaschistischen Arbeitsausschuss. Er starb 1957.

Ausstellung "Das Lager und der Landkreis", Aula des Ignaz-Taschner-Gymnasiums, Eröffnung: Mittwoch, 11. Dezember, 19 Uhr, bis 19. Dezember. Montag bis Donnerstag 8 bis 15.30 Uhr, Freitag 8 bis 14 Uhr, Wochenende 14 bis 17 Uhr.