Das Comite International de Dachau Das Vermächtnis der Häftlinge

Die KZ-Gedenkstätte Dachau steht im Fokus der Arbeit des Internationalen Dachau-Komitees gegen das Vergessen

Von Helmut Zeller, Dachau

Über Luthers Antisemitismus, den laschen Umgang von Facebook mit Hasskommentaren, die Inhaftierung des Journalisten Deniz Yücel in der Türkei oder über die Einstellung der Ermittlungen gegen den Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke nach seiner Dresdener Hetzrede - wann immer Geschichte verbogen, Erinnerung getrübt und Menschenrechte mit Füßen getreten werden, das Internationale Auschwitz-Komitee erhebt seine Stimme dagegen. Das tut das Comité International de Dachau (CID) kaum - nur sein früherer Vizepräsident Max Mannheimer schwieg nie zu neonazistischen Umtrieben oder Fehlentwicklungen in der Politik. Sein Nachfolger Abba Naor will es ihm gleich zu tun.

Das ganze Dachau-Komitee soll aber offensiv in der Öffentlichkeit gegen Bedrohungen der Demokratie und Freiheit, gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus auftreten. Das CID kann das und hat Gewicht: Es ist das Sprachrohr der ehemaligen Häftlinge aus 37 Ländern, Deutschland inbegriffen. Das Dachau-Komitee wurde von Häftlingen des Konzentrationslagers noch vor dem 29. April 1945, dem Tag der Befreiung, gegründet. Im April 1955 kam es zum ersten internationalen Treffen der Überlebenden, die sich im Dachau-Komitee zusammenschlossen. Ihnen ist die Entstehung der KZ-Gedenkstätte im Jahr 1965 im wesentlichen zu verdanken. Politiker in Dachau und in Bayern hätten nur zu gerne die Erinnerung an das Lager getilgt, der damalige Landrat etwa versuchte den Abriss der authentischen Krematorien durchzusetzen.

Im Auftrag des CID und seines langjährigen Präsidenten, des belgischen Generals Albert Guérisse, begann die Frankfurter Jüdin Ruth Jakusch (1914-1991) mit dem Aufbau der ersten Ausstellung, drei Jahre bevor die Gedenkstätte offiziell eröffnet wurde. Sie leitete die Gedenkstätte bis 1975. Ihr folgte ihre ehemalige Mitarbeiterin Barbara Distel nach, Gedenkstättenleiterin bis Juli 2008, die in enger Verbindung mit dem CID und in unzähligen nervenaufreibenden Auseinandersetzungen mit der Politik die Gedenkstätte zur bedeutendsten neben Auschwitz machte. Ihre Nachfolgerin Gabriele Hammermann ist seit fast zehn Jahren im Amt.

Albert Guérisse hatte bei der Einweihung des Internationalen Mahnmals am ehemaligen Appellplatz im Jahr 1968 erklärt, dass das Naziregime, das sich in Dachau selbst enthüllt habe, zwar ehrlos untergegangen sei. Aber der Friede sei nicht eingekehrt, noch immer gebe es Unrecht und Unterdrückung. Das galt auch für die Amtszeit seines Nachfolgers André Delpech, des französischen Generals, der das CID von 1991 bis 2006 anführte. In diesen Jahren nahmen Außenstehende das CID fast nur noch bei den jährlichen Feierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers wahr, wenn Überlebende in Häftlingsuniformen auftraten.

Tatsächlich hatte das CID an der Neugestaltung des Gedenkorts und der Dauerausstellung großen Anteil. Delpech hatte mit Barbara Distel auch die Öffnung des historischen Zugangs über das "Jourhaus" gegen alle Proteste durchgesetzt. Die Wahl seines Nachfolgers Pieter Dietz de Loos setzte eine Zäsur: Der Holländer, Sohn eines Widerstandskämpfers und Dachau-Häftlings, war der erste Vertreter der Nachkommen in diesem Amt. Dietz de Loos wollte den Einfluss des CID auf die Gedenkstätte und die bayerische Erinnerungspolitik ausbauen - das führte zu Konflikten mit der Gedenkstättenstiftung und dem Freistaat Bayern aber auch innerhalb der Häftlingsvereinigung. Nach massiven Protesten gegen seinen Führungsstil zog sich Pieter Dietz de Loos im September 2015 zurück. Sein Nachfolger Jean-Michel Thomas und Abba Naor setzen auf eine friedliche Kooperation mit allen Beteiligten.

Das CID verfügt einer bilateralen Konvention mit dem Land Bayern zufolge über Mitspracherechte in der Gedenkstätte und der Erinnerungsarbeit. Auf dieser Grundlage will das CID eine intensivere Zusammenarbeit entwickeln.