Dachau/Pullach Aufbruch zur Erinnerung

In 22 Gemeinden des Münchner Umlands steht die Skulptur des Bildhauers Hubertus von Pilgrim, der heute seinen 85. Geburtstag feiert.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Todesmarsch-Denkmal von Hubertus von Pilgrim hat die Auseinandersetzung mit den Naziverbrechen vorangetrieben

Von Helmut Zeller, Dachau/Pullach

Die berühmte Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker gegen die Versuche, einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit zu ziehen, war 1989 gerade mal vier Jahre alt. Da verlangte ein 49-jähriger bayerischer Bürgermeister nach aktiver Erinnerung an die NS-Verbrechen. Ekkehard Knobloch, heute Altbürgermeister von Gauting, regte in einem Rundbrief an 25 Kollegen in der Region Denkmäler entlang der Todesmarsch-Strecke an. Tausende völlig geschwächter Dachauer KZ-Häftlinge wurden am 26. April 1945, drei Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers, nach Süden getrieben. Trotz Weizsäcker, die Neigung zum Vergessen war stärker - nur sieben Kommunen folgten zunächst dem Aufruf des Gautinger Gemeindechefs. Der Pullacher Bildhauer Hubertus von Pilgrim schuf eine beeindruckende Skulptur der Holocaust-Erinnerung, die 1989 in Gauting eingeweiht wurde. Heute wird der Künstler 85 Jahre alt.

Das Denkmal, mit dem der gebürtige Berliner weltweit Beachtung fand, ist auch ein Beispiel für den schwierigen Umgang mit der Nazivergangenheit und dem Massenmord an den europäischen Juden. Auch in Dachau: Kommunalpolitiker sperrten sich gegen die Pläne für ein Internationales Jugendgästehaus für Besucher der KZ-Gedenkstätte und feindeten die KZ-Gedenkstätte an. Auf von Pilgrims Denkmäler wurden anfangs gar Anschläge verübt. Die widerstrebenden Bürgermeister gaben mit der Zeit nach: Bis zum Jahr 2009 wurden identische Skulpturen in weiteren 21 Kommunen entlang der Strecke des Todesmarsches aufgestellt - in Dachau im Jahr 2001. Fast jedes Jahr spricht der Israeli Abba Naor vor der Skulptur nahe dem Kennedy-Platz. Für die Überlebenden ist das Denkmal von großer Bedeutung. Auch für Hubertus von Pilgrim. Er schloss Freundschaften mit Überlebenden, die bis heute andauern. Zu seinem Geburtstag erhielt er Briefe aus Israel, am Sonntag Besuch von Peter Johann Gardosch, einem 84-jährigen Auschwitz-Überlebenden. "Dass die Überlebenden meine Arbeit anerkannt haben, hat mein Leben geprägt", sagt von Pilgrim. Das stärkte ihn auch gegen die Kritik, die er neben so mancher Ehrung wegen der figürlichen Darstellung des Mahnmals erntete. Das Figürliche war verfemt. Aber gerade seine Werke sprengen die Konventionen der herkömmlichen Denkmalsprache. 1992 war ein besonderes Jahr: Yad Vashem nahm ein Exemplar seines Werkes. Von Pilgrim ist als erster deutscher und christlicher Bildhauer in der Gedenkstätte bei Jerusalem vertreten. Eine Version der Skulptur steht im NS-Dokumentationszentrum in München.

Bekannt geworden ist Hubertus von Pilgrim auch durch seinen 1982 geschaffenen Monumentalkopf Konrad Adenauers in Bonn. Von ihm stammt auch ein Denkmal für Wolfgang Amadeus Mozart in München. Nach einer Lehre als Böttcher studierte er Kunst- und Literaturgeschichte und Philosophie an der Universität Heidelberg. Gleichzeitig nahm er künstlerischen Unterricht bei Erich Heckel. Schließlich studierte er Bildhauerei bei Bernhard Heiliger an der Hochschule der Künste in Berlin. 1963 bis 1977 war er Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, dann erhielt er einen Ruf an die Akademie der Bildenden Künste in München. 1995 wurde er emeritiert und im selben Jahr in den Orden Pour le merite für Wissenschaften und Künste aufgenommen. Seitdem ist er freischaffend tätig - Kunst kennt keinen Ruhestand.