Dachauer Redoute Kreation eines Lebensgefühls

230 Gäste besuchen die fünfte Redoute im Dachauer Schloss - prächtige Kostüme, unsterbliche Musik und alte Tänze lassen im Renaissance-Festsaal eine längst vergangene Zeit wieder aufleben.

Von Dorothea Friedrich

Unter den Kommandos und dem strengen Blick des Tanzmeisters Erich Müller (links) tanzten sich die Gäste der Redoute einen Abend lang in eine Traumwelt, für die der prachtvolle Renaissancesaal des Dachauer Schlosses eine unvergleichlich märchenhafte Kulisse lieferte.

(Foto: © joergensen.com)

"Dirndl, tanz ma oan", mag er bei ländlichen Vergnügungen das eher bürgerliche "Darf ich bitten" ins Bairische übersetzt haben. "Nicht nachlassen", mag sie sich gedacht oder ihm zugeflüstert haben - bei welcher Gelegenheit auch immer. Vielleicht sogar am Samstagabend bei der Redoute, wenn beim Galopp, der den beziehungsreichen Titel "Nicht nachlassen" trägt, die Kräfte schon ein wenig dahin schwanden. Schließlich hatten die 230 Gäste im Renaissance-Festsaal des Schlosses schon unter den wachsamen Blicken von Tanzmeister Erich Müller die vollen körperlichen und mentalen Einsatz fordernde Festpolonaise hinter sich, auch den Walzer aller Walzer, "An der schönen blauen Donau", und eine Tour mit Polka und Wiener Walzer. Drei Touren, bei denen aufwendige oder schlichte Bekleidung, gute Laune, ein Glas Sekt und die mitreißende Musik des Orchesters Karl Edelmann gerne akzeptierte Dopingmittel waren.

Schließlich versteht man bei einer Redoute unter dem Begriff Tour eine Tanzrunde und nicht ein Fahrradrennen. Doch ein wenig Wettbewerb war bei der inzwischen fünften Redoute in Dachaus guter Stube auch angesagt, zumindest, was die Roben der Damen betraf. Und die Männer mussten sich alle Mühe geben, hinter ihren Partnerinnen nicht zurückzustehen. Frack, Cut, Lederhose, Smoking, festlicher dunkler Anzug aber auch höfische Kostüme bildeten den Hintergrund für Krinolinen, Dirndl, Abendroben, viel Biedermeierliches, ebenso viel Barockes, verwegenen Zwanziger-Jahre-Look, schwarze Spitze, beigefarbenen Taft, (unechten) Pelz oder Samt und Satin in allen Schattierungen von Rot. Auf den Köpfen schwebten Hutkreationen, die selbst in Ascot ihre Bewunderinnen gefunden hätten, kunstvoll geschlungene Dutts, wallende Perücken. Die Füße steckten in Tanzschuhen, hochhackigen Schnürstiefelchen, High Heels oder Haferlschuhen. Bezirkstagspräsident Josef Mederer und seine Frau erschienen als kurfürstliches Paar, Oberbürgermeister Peter Bürgel hatte sich für den "Business-Anzug" des ausgehenden 19. Jahrhunderts entschieden, so wie Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler. Kreisheimatpflegerin Brigitta Unger-Richter trug nobles Schwarz.

Gesprächsthema Nummer eins: Woher stammen all die Kreationen, die sich so harmonisch zu einem bunten Tableau unter den Kronleuchtern des Saals zusammenfügen? "Ausgeliehen", verrieten einige Ballbesucherinnen. Umgehend wurden da die Adressen von Kostümverleihen ausgetauscht und Preise verglichen, die an dieser Stelle leider nicht genannt werden können. Christel Buksch, in einen über und über mit Rosenblüten geschmückten Traum in Beige und Braun gewandet, und ihr stilgerecht gekleideter Mann Walter gaben eine andere Antwort: "Selbst genäht." Das Ehepaar war mit Freunden aus Freising zur Redoute gekommen. Alle meisterten die "tänzerischen Herausforderungen" glänzend, die Tanzmeister Müller den Ballbesuchern abverlangte. "Ich leite seit 25 Jahren einen Tanzkreis, und da gehört auch die Münchner Francaise zum Standard", sagte Buksch. Was der Tanzkreis beim Höhepunkt, der Fledermaus-Quadrille, zu der die Francaise getanzt wird, souverän demonstrierte.

Stichwort Fledermaus: Damit ist natürlich die unsterbliche Operette von Johann Strauß gemeint. Und die spielte auf diesem Fest eine große Rolle. Hatten doch Sopranistin Anna Maria Bogner und Tenor Bernhard Schneider neben anderen Hits aus der Operettenwelt, Arien und Duette aus diesem musikalischen Leckerbissen gewählt. Die beiden zeigten sich einmal mehr als Dream-Team der Klassikszene in der Region. Mit ebenso viel Witz wie Können begeisterten sie ihr Publikum, schenkten ihm ungetrübtes musikalisches Vergnügen - und Zeit für die eine oder andere innige Umarmung. "Das ist genau das, was mir so gut gefällt", sagte ein perfekt gestylter Herr, der mit seiner Begleiterin für Furore sorgte. Als "Kaiserin Hexana und Fürst Adelar" stellte sich das Paar vor.

Die Kaiserin hätte in ihrer auf den Leib geschneiderten, feuerroten, selbst entworfenen Kreation jeder Operninszenierung Glanz verliehen. Und der Fürst? Der gestattete einen Blick hinter den Spiegel des schönen Scheins. "Wir lieben diese Bälle. Die sind für uns ein Fluchtpunkt aus dem Alltag", sagte er. Warum? "Hier gelten noch Höflichkeit und Freundlichkeit, die es nicht mehr so oft gibt. Und dann die Atmosphäre im Schloss. Schon wenn man die Treppe hochgeht, wird man ein anderer Mensch. In der Zeit hätte ich leben wollen." Sprach's und entschwand, um sich den Kommandos des Tanzmeisters bei der Francaise zu unterwerfen: "Und wenn die Herren a Schmoiz habn, lassen's die Damen beim zweiten und vierten Karussell aufsitzen." Die Herren hatten Schmoiz, und die Damen schwebten engelsgleich Richtung Kronleuchter, beseelt von dem Wunsch: Nicht nachlassen!