Dachau "Wir leben ewig"

Esther Bejarano hat im Mädchenorchester Auschwitz gespielt und in Ravensbrück Zwangsarbeit für Siemens geleistet - heute singt sie mit ihrem Sohn und zwei Rappern gegen das Vergessen an.

Von Viktoria Großmann

Mit Rap-Musik will die bald 89 Jahre alte Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano Jugendliche erreichen.

(Foto: Toni Heigl)

Esther Bejarano ist eine kleine Frau, vielleicht einen 1,50 Meter groß. Das hat es ihr schon als 18-Jähriger zusätzlich schwer gemacht, die entwürdigenden Toilettenanlagen im Arbeitslager Auschwitz-Birkenau zu benutzen, die nur aus einer Rinne und einem endlos langen Balken bestanden, auf den die Häftlinge klettern und dann in Reihen sitzen mussten. "Die SS-Männer waren immer anwesend und ließen auch hier keine Gelegenheit für zusätzliche Quälereien aus", erinnert sie sich in ihrem Buch "Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts". Aufgeschrieben hat ihre Erinnerungen die Turiner Journalistin Antonella Romeo, übersetzt aus dem Italienischen ist das Buch soeben auf Deutsch erschienen.

Am Freitag las Bejarano, die im Dezember 89 Jahre alt wird, im Freiraum in Dachau daraus vor, etwa eine Dreiviertelstunde. Danach stand sie noch einmal so lange mit Kutlu Yurtseven und Pennino Rossi von der Kölner Hiphop-Band Microphone Mafia auf der Bühne. Seit etwa fünf Jahren tourt sie mit ihnen, mit dabei ist immer ihr Sohn Joram. Yurtseven und Rossi rappen auf Deutsch, Türkisch und Italienisch. Bejarano singt deutsch, hebräisch, jiddisch. Ihre Stimme trägt noch immer, sie braucht keine Bässe und keine Synthesizer. "Bitte mehr Hall auf Muttis Stimme", ruft ihr Sohn den Technikern zu. "Ich hab' doch genug Hall", sagt Bejarano nur und beginnt. Sie singt Bertolt Brechts "Die Ballade von der Judenhure Marie Sanders", geschrieben kurz nachdem die Nürnberger Rassegesetze erlassen worden waren, nach denen es sogenannten Ariern verboten war, Juden zu heiraten.

Dass Bejarano, die in Saarlouis als Esther Loewy geboren wurde, überlebt hat, liegt zum Teil an ihrer musikalischen Ausbildung. Ihr Vater war Kantor in verschiedenen jüdischen Gemeinden. Die Tochter lernte Klavier und Blockflöte, konnte gut singen. In Birkenau musste die zierliche Frau Steine schleppen. Als Musikerinnen für ein Häftlingsorchester gesucht wurden, erklärte sie, sie könne Akkordeon spielen. Obwohl sie noch nie eines in der Hand gehabt hatte, klappte das Vorspielen. Sie durfte bleiben. In ihren Erinnerungen beschreibt sie jedoch die Qualen, die es ihr bereitete, bei der Ankunft neuer Häftlinge zu spielen. Unter den Klängen des Orchesters wurden Menschen für den Tod in den Gaskammern selektiert.

Auf der Bühne des Freiraum singt Bejarano nun ein jiddisches Lied von einem Jungen, der gern ein Vögelchen geworden wäre. "Da hat mir mal jemand gesagt, das haben Sie aber schön gesungen, so auf Kölsch", erzählt sie belustigt dem Publikum. Ab und zu lässt sie ihre Kollegen allein und lärmend über die Bühne rappen, dann setzt sie sich kurz. Ja, nickt sie am Ende, die beiden dürften noch eine Zugabe machen. Die alten antifaschistischen Partisanen-Kampflieder "Bella Ciao" und "Bandiera Rossa" müssen noch gesungen werden. Bei der wirklich letzten Zugabe steht Bejarano auf und tanzt.

Eigentlich aber ist das Konzert zu Ende, nachdem sie "Wir leben ewig" gesungen hat. Ein Lied auf Jiddisch, das während des Krieges im Ghetto von Vilnius geschrieben wurde. Ein trotzig-fröhliches Lied aus einer Zeit der größten Verzweiflung. Wenn Bejarano es singt, ist das so anrührend und beeindruckend, dass es danach keine Töne und Worte mehr braucht. Das Gedenken an die Opfer darf nicht aufhören, nie dürfen die Verbrechen vergessen werden, nie sich wiederholen. Das alles ist mit dem Auftritt der kleinen, alten Dame gesagt.

Sicherheitshalber entrollen die Band-Mitglieder vor den etwa 90 Zuhörern trotzdem noch ein Transparent "Nie wieder Krieg". Esther Bejarano hat das Kriegsende 1945 gemeinsam mit amerikanischen und russischen Befreiern erlebt. Sie hat gesehen, wie die später so verfeindeten Parteien sich auf dem Marktplatz einer kleinen mecklenburgischen Stadt weinend in die Arme gefallen sind. Wie sie gemeinsam ein überlebensgroßes Hitler-Porträt verbrannten. Bejarano war kurz zuvor einem Todesmarsch entkommen. 1944 war sie zusammen mit etwa 70 anderen Frauen ausgewählt und zur Zwangsarbeit in das Frauenlager Ravensbrück geschickt worden, wo sie für Siemens arbeiteten. Bejarano galt wegen einer christlichen Großmutter plötzlich als Viertelarierin. In Ravensbrück waren die Haftbedingungen ein klein wenig besser, sehr langsam erholte sie sich von den Krankheiten, an denen sie während der Unterernährung in Birkenau gelitten hatte. Im April 1945 räumten die SS-Männer das Lager wegen der anrückenden alliierten Truppen. Auf dem Fußmarsch gen Norden erschossen die Soldaten jede, die hinfiel oder nur stolperte. Nach einigen Tagen gelang es Esther und einigen Freundinnen zu entkommen, ein Bauer ließ sie in seiner Scheune übernachten, brachte ihnen einen Eimer gekochter Kartoffeln. "So etwas hatten wir Jahre lang nicht gegessen", sagt Bejarano.

Erst nach dem Krieg erfährt sie, dass ihre Eltern 1941 ermordet, dass eine Schwester auf der Flucht getötet wurde. Zwei ältere Geschwister hatten sich gerade noch rechtzeitig ins Ausland gerettet. Bejarano, die bei Kriegsende gerade 20 Jahre alt war, verließ Deutschland auch. Sie ging nach Palästina. Beteiligte sich nun als Musikerin in der paramilitärischen Hagana, die nach Gründung Israels in der Armee aufging. Hier lernt sie ihren Mann kennen, gründet eine Familie. Doch Anfang der sechziger Jahre kehren die beiden zurück nach Deutschland. Seit Jahrzehnten engagiert sich Bejarano nun mit Musik, Auftritten, Reden und auf Demonstrationen gegen Rechts. Nach dem Konzert bleibt sie einen Moment auf ihrem Stuhl auf der Bühne des Freiraum sitzen, während die Männer um sie herum aufräumen. Sie hat nicht viel Zeit zum Ausruhen. Am nächsten Tag fährt sie weiter zu einem Auftritt in Koblenz. Wie viele Auftritte sie im Jahr hat? "Oh, viele." Wozu die Auftritte mit den Rappern? "Um die jungen Leute zu erreichen", sagt Esther Bejarano. "Das ist eben gerade in." Sie tritt auch in anderen Formationen auf. Nur Klavier spielt sie nicht mehr auf der Bühne. "Nur noch für mich selbst", sagt sie.