Dachau Vor den Trümmern ihres Lebens

Die Menschen aus der abgebrannten Wohnanlage an der Mittermayerstraße wissen nicht, wie es weitergeht. Einige sind völlig verzweifelt, doch Schaulustige interessiert das nicht. Plünderer stehlen sogar ein Fernsehgerät.

Von Christine Heumann

Vier der insgesamt elf Wohneinheiten in der Mittermayerstraße sind bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Flammen haben alles zerstört, was den Menschen dort gut und teuer war. Der Dachstuhl ist nahezu komplett eingestürzt.

(Foto: Toni Heigl)

Die Zufahrt in die Wohnanlage an der Mittermayerstraße ist mit hohen Bauzäunen versperrt. Dunkelblaue Folie ist über die Gitter gespannt und schützt die Bewohner vor Neugierigen, die einen Blick in den Innenhof des Anwesens werfen wollen, das am Freitagnachmittag von einem Großfeuer teilweise völlig zerstört worden ist. "Von Gaffern haben die Menschen hier genug", sagt Lydia Dizdar. "Die Leute haben alles verloren, sie stehen vor dem Nichts." Sie selbst hatte großes Glück, ihre Wohnung blieb von den Flammen verschont.

Der gesamte Wohnkomplex liegt hinter dem Bürogebäude des Bauunternehmens Otto Reischl. Er besteht aus mehreren Häusern, die um einen kleinen Innenhof angeordnet sind. Vier der insgesamt elf Wohneinheiten sind bis auf die Grundmauern niedergebrannt, eine fünfte ist von Löschwasser stark in Mitleidenschaft gezogen. Entlang der Außenmauer einer sechsten zeugt eine kohlrabenschwarze Rauchspur, die sich bis unter das Dach zieht, von der Katastrophe.

"Es ist unvorstellbar, was sich hier seit Freitag abspielt", sagt Lydia Dizdar. Sie erzählt von Gaffern, die sich durch die Büsche schlagen, um über versteckte Pfade auf das Grundstück zu gelangen. "Wir kommen uns vor wie Tiere im Zoo", sagt der Hausmeister. Er ist erschüttert. Und entsetzt zugleich. Entsetzt darüber, dass manche Menschen ihre Sensationslust auf eine Art und Weise stillen, die keine Rücksicht auf Schicksale nimmt. Mit dem Hausmeister erscheint auch ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes D+T aus Altomünster. Er versucht, den Menschen, die noch in der Anlage wohnen, wenigstens ein Stück Privatsphäre zu verschaffen. Sie vor den Blicken der Gaffer zu schützen. Und die Abgebrannten vor Plünderern. Unentgeltlich. Denn schon in der ersten Nacht nach dem Brand ist aus einer der zerstörten Wohnungen ein angekokelter Flachbildfernseher geklaut worden. "Das kann doch gar nicht sein", sagt Dizdar. "Wie kann man aus dem Leid anderer Kapital schlagen wollen."

Dann erscheint die vierköpfige Familie, die in der von Löschwasser beschädigten Wohnung lebte. Die Vier wollen nicht namentlich in der Zeitung genannt werden. Nicht, weil sie scheu sind. Sondern weil sie hoffen, nicht ganz so schlimm wie ihre Nachbarn betroffen zu sein. "Bei uns in der Wohnung stinkt es fürchterlich nach Rauch, und Vieles ist durchnässt", sagt die Mutter. "Aber wir können vielleicht noch ein paar Stücke unseres Inventars oder einiges an Kleidung retten - die anderen Menschen hier haben gar nichts mehr." Dann wendet sie sich ab und weint. Mit tränenerstickter Stimme erzählt sie, dass die Familie eigentlich am Samstag den 18. Geburtstag der Tochter feiern wollte. Stattdessen leben sie seit Freitagabend in einer Wohnung im benachbarten Pflegeheim Kuranum. Aber sie klagen nicht, denn sie sind froh und dankbar, ein Dach über dem Kopf zu haben. Der Malteser Hilfsdienst hat ihnen diesen Ort der Zuflucht vermittelt. "Bis Montag können wir dort bleiben", sagt der Vater. Wie es dann weitergeht, weiß er nicht. Vermieter Wolfgang Reischl hat für Montag am Spätnachmittag eine Krisensitzung anberaumt. "Er war sehr nett und hat uns gesagt, wir sollen uns nicht allzu große Sorgen machen. Er werde uns helfen."

Im Garten vor einem der unbeschädigten Gebäudeteile sitzt eine Frau mit ihren zwei Kindern. Sie hat bei einer Nachbarin Unterschlupf gefunden. Sie lebte bislang in einer der ausgebrannten Wohnungen. "Wir sind hier eine ganz tolle Gemeinschaft", sagt die Mutter der vierköpfigen Familie. "Jeder schaut auf den anderen. Und ich weiß das, denn wir leben hier seit 15 Jahren."

Ordelheide Schwindt bestätigt den Zusammenhalt unter den Mietern. Sie wohnt mit ihrem Mann seit mehr als 20 Jahren hier. Jetzt stehen beide vor den Trümmern ihres Lebens und versuchen, wenigstens noch ein paar Erinnerungsstücke zu retten. Wie die Haarlocke ihres Sohnes, als er noch ein kleines Kind war. Sie hat in dem ganzen Chaos auch noch ein Fotoalbum gefunden. Die angekokelten und durchnässten Bilder trocknet sie auf der Wiese im Freien.

Der Innenhof mit seiner Grünfläche war bis zum Tag des Feuers Treffpunkt der Bewohner. Hier steht eine Wäschespinne und ein Gartenhaus, ein rotes Bobbycar und ein Minitrampolin. Stumme Zeugen eines fröhlichen Miteinanders. Doch seit Freitagnachmittag ist alles anders. Der Anblick der Ruine treibt den Menschen hier immer wieder Tränen in die Augen. "Da hat ein Mann gewohnt, seit neun Jahren", sagt Lydia Dizdar. "Dort eine Frau, die gerade im Urlaub ist." Im Vorgarten der ausgebrannten Wohnungen stehen ein angesengter hellblauer Sessel, daneben geschmolzene Blumenkübel und angekokelte Gartenzwerge. Die Idylle war einmal. Jetzt geben die geplatzten Fenster den Blick frei in eine Ruine. Und die durchgebrochenen rauchschwarzen Dachbalken tauchen das ganze Elend dieser Menschen in eine gespenstische Atmosphäre.