Dachau Vom aufrechten Gang

Die Journalistin Karin Friedrich gehörte der Berliner Widerstandsgruppe "Onkel Emil" an und half Juden und anderen Verfolgten des NS-Regimes - darüber erzählt die Zeitzeugin jetzt in Dachau.

Von Helmut Zeller

Karin Friedrich spricht in der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte.

(Foto: DAH)

Es sind nur wenige Deutsche gewesen, die dem Hitlerregime widerstanden, und gerade deshalb ist ihr Zeugnis so wichtig. Eine von ihnen ist die 87-jährige Journalistin Karin Friedrich, die der Berliner Widerstandsgruppe "Onkel Emil" angehörte. Im Rahmen der "Weiße-Rose-Gedenktage" der Evangelischen Kirche in der Münchner Region kommt Karin Friedrich am Donnerstag, 21. Februar, (19.30 Uhr) zu einem Zeitzeugengespräch in die Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Vor 70 Jahren, am 18. Februar, wurden die Geschwister Hans und Sophie Scholl verhaftet, nachdem sie im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München Flugblätter von der Galerie abgeworfen hatten. Kurz darauf wurden die Mitglieder der "Weißen Rose" zum Tode verurteilt und hingerichtet. Am 18. Februar 1943 wurde Karin Friedrich 18 Jahre alt. Ihre Mutter Ruth Andreas-Friedrich vervielfältigt kurze Zeit später das letzte Flugblatt der Weißen Rose und verteilt es in Berlin. Ihre hübsche Tochter ist von der Ermordung der Münchner Widerständler so bestürzt, dass sie schwört, die mutigen Scholls und ihre Mitstreiter nie zu vergessen.

Mutig war und blieb ihr Leben lang auch Karin Friedrich. Das Mädchen gehörte dem Widerstandskreis "Onkel Emil" an, in dem auch ihre Mutter, eine Journalistin, und deren Lebensgefährte, der Dirigent Leo Borchard, Mitglieder waren. Eine Ausstellung im Gesprächsraum der Versöhnungskirche ist dem Wirken der Berliner Nazigegner gewidmet. Die Gruppe machte die Aktivitäten der Weißen Rose in München auch im Ausland bekannt. 1938 war der Kreis zur Unterstützung von NS-Verfolgten gegründet worden. Er blieb im Untergrund gut vernetzt und bis 1945 unentdeckt. Die Ausstellung der Weißen Rose Stiftung, die im Januar 2012 in München gezeigt wurde, präsentiert Tafeln mit Tagebuchaufzeichnungen, Fotos und Dokumenten. "Onkel Emil" war damals nicht der Name der Widerstandsgruppe, sondern ihr Warnruf, wenn regimetreue Deutsche und Spitzel in Hörweite kamen. Schon als Neunjährige wurde Karin Friedrich von ihrer Mutter, die 1931 mit Abscheu Hitlers "Mein Kampf" gelesen hatte, über die Nationalsozialisten aufgeklärt.

Als 15-Jährige besorgte Karin Friedrich mit gefälschten Papieren Essensmarken. Die Gruppe hilft untergetauchten Juden, versteckt sie und versorgt sie mit Lebensmitteln, schafft Verfolgte und ihre Wertgegenstände ins Ausland. Von ihren mutigen Taten machte Karin Friedrich nie Aufhebens - für sie war es normal, den Opfern und Verfolgten beizustehen. "Wir hatten viele Juden als Freunde", sagt sie. Dennoch kommt in Zeitzeugengesprächen immer wieder die Frage auf: Woher nahm Karin Friedrich den Mut, dem Hitlerregime zu widerstehen? Sie sei, sagt sie bescheiden, da einfach hineingewachsen. Aber die Frage müsste an die anderen gestellt werden: Wie konnte die überwiegende Mehrheit die verbrecherische Politik des Regimes billigen oder gar aktiv daran teilnehmen? Die Lüge, davon habe man nichts gewusst, lässt Zeitzeugin Karin Friedrich nicht gelten: Der Terror gegen Juden sei bereits am 1. April 1933, als die Nazis zum Boykott aller jüdischen Geschäfte und Einrichtungen aufriefen, deutlich sichtbar geworden. Auch zur Zunahme neonazistischer Aktivitäten vertritt sie eine dezidierte Meinung: Das ist eine Folge der Weigerung in den fünfziger Jahren, sich mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen, eine Folge auch des raschen Friedens mit den Tätern .

Karin Friedrich hat sich immer eingemischt: gegen Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit. Als Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, 39 Jahre lang, hat sich die engagierte Journalistin sozialer Themen angenommen und die SZ-Hilfsaktion "Adventskalender für gute Werke" mit aufgebaut. Sie engagierte sich in der Weiße Rose Stiftung und für Pro Asyl - ihr Leben steht für das, was einmal in der Vision von einer menschlichen Zukunft als aufrechter Gang verheißen wurde. Im Jahr 2004 wurde sie von der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als Gerechte unter den Völkern geehrt.