Dachau Fachärzte kritisieren Terminservicestelle

Die Wartezeiten für Kassenpatienten werden sich durch die neue Einrichtung effektiv nicht verkürzen, bemängeln die Mediziner.

Von Franziska Hofmann, Dachau

Rückenschmerzen, Hals- oder Ohrenentzündung, Hautprobleme oder Augenleiden - bisher warten Kassenpatienten wochenlang auf einen Termin beim Facharzt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will die teils absurd langen Wartezeiten abbauen, aber die Ärzte im Landkreis halten nur wenig von seinen "Terminservicestellen", die gesetzlich Versicherten mit einer Überweisung innerhalb von einem Monat einen Termin beim Facharzt vermitteln. "Ich bin nicht besonders glücklich darüber, sagt Hans-Ullrich Braun, Vorsitzender des ärztlichen Kreisverbandes Dachau. Der Mediziner befürchtet: Nur die, die am lautesten schreien würden, bekämen schneller Termine und blockierten akute Fälle. Braun sieht das Problem bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), denn die sei dafür zuständig, Ärzte zuzulassen und "hält die Sitze knapp".

Viele Kassenärzte würden nun einige zusätzliche Termine anbieten, um dem Andrang gerecht zu werden. Trotzdem ist sich Braun sicher: "Das Gesundheitssystem wird nicht zusammenbrechen. Die Termine, die von den neuen Servicestellen vermittelt werden, werden nur etwa zehn Prozent der Gesamttermine ausmachen." Seine größte Befürchtung ist jedoch, dass die Patienten von sofort an zwar schneller einen Termin im richtigen Fachgebiet bekommen, aber keinen Spezialisten für ihr Problem vorfinden. Denn die Servicestellen kennen die Stärken und Schwächen der Ärzte nicht. Auf seine eigene Praxis in Karlsfeld hat die Neuregelung keine große Auswirkung, da alle Patienten noch am selben Tag dran kommen, wie Braun sagt.

Patienten mit "brutal hohen Ansprüchen"

Orthopäde Frank Sommerfeld hält die Neuregelung für "absoluten Blödsinn", da bei ihm auch kein Patient länger als vier Wochen warten müsse. Er sieht als eine Ursache langer Wartezeiten auch die "brutal hohen Ansprüche der Patienten". "Wenn sie anrufen und sagen, sie hätten nur montags zwischen 13 und 15 Uhr Zeit, ist es klar, dass sie länger warten müssen, bis in dem Zeitraum ein Termin frei wird." Und genau diese unzufriedenen Patienten, befürchtet er, werden die Hotline anrufen.

Gröhes neuer Wurf werde überhaupt nichts ändern, meint Frank Menauer vom Hals-Nasen-Ohren-Zentrum in Dachau. Er kenne kein Problem mit der Wartezeit: "Wenn bei uns jemand anruft, wird kein Unterschied zwischen Privat- und Kassenpatient gemacht, sie bekommen alle gleich schnell einen Termin." Außerdem bietet seine Praxis tägliche Sprechstunden und sogar Notfallsprechstunden für akute Probleme an. Über die Terminservicestellen sagt Menauer: "Ich wüsste nicht, wer das bräuchte, die meisten Fachärzte lachen nur darüber."

Ähnlich sieht das der Chirurg Franz Mogl. Das Ganze hält er für einen "Schmarrn" und eine politische Aktion, bei der die kassenärztliche Vereinigung halt mitmachen muss. Für ihn selbst wird das kaum Auswirkungen haben, vermutet er, da die Patienten direkt ihren Wunscharzt anrufen würden. Die Anzahl an Patienten, die über die Servicestellen kommen, sei irrelevant, liege bei vielleicht nur zwei bis drei pro Quartal. "Und ein Münchner Patient wird nicht nach Dachau kommen, nur weil der Service dort einen Termin für ihn bekommen hat."

Längere Wege für die Patienten

Die Dachauer Ärzte sind sich sicher, das bringt nichts - weder den Patienten noch den Ärzten. Auch wenn die Servicestelle innerhalb von vier Wochen einen Termin bei einem Facharzt organisiert, hat das doch Tücken. Die Praxis kann etwa eine Stunde Fahrzeit entfernt liegen. Es werden Fachärzte im weiteren Umkreis vom Wohnort des Patienten vermittelt; das und zusätzlich 30 Minuten Fahrtzeit muss ein Patient in Kauf nehmen, wenn er spezialisierte Fachrichtungen in Anspruch nimmt. Bei Internisten, Radiologen oder Kinder- und Jugendpsychiatern kann es sogar bis zu einer Stunde mehr werden. "Ist der nächste Augenarzt 15 Minuten entfernt, kann es also sein, dass man bis zu 45 Minuten fahren muss", sagt Birgit Grain, Pressesprecherin der KV Bayern.

Am Montag wurden die Terminservicestellen geöffnet. Etwa 30 Mitarbeiter wurden dafür geschult. "Es sind aber keine Vollzeitstellen, und sie werden noch nach dem Bedarf angepasst", sagt Grain. Aber sogar sie versteht den Sinn nicht und weist auf ein weitere Folge hin: "Die Facharztdichte ist geringer, aber es sollen Termine in vier Wochen vergeben werden. Das ist schon fast paradox, finden sie keinen Termin, wird der Patient an ein Krankenhaus weitergegeben, das stärkt den stationären Sektor und schwächt den ambulanten."

Die Terminservicestelle ist wochentags von 8 bis 13 Uhr und Montag, Dienstag und Donnerstag bis 17 Uhr unter Telefon 0921 / 78 77 65 -5 50 20 erreichbar. Für Gehörlose gibt es ein Fax: 0 921 / 78 77 65 -5 50 21.