Dachau Paten der Ärmsten

Warum sich Torsten und Gabi Starig aus Dachau entschlossen haben, dem gemeinnützigen Verein "Schritt für Schritt" beizutreten.

Von Sophie Burfeind

Noch immer kann nur etwa jeder vierte Inder lesen oder schreiben. 35 Prozent der Bevölkerung lebt von weniger als einem US-Dollar pro Tag; 46 Prozent der Kinder sind mangelernährt. Kinder aus Slums oder verarmten Familien können häufig nicht zu Schule gehen, weil die Eltern das Schulgeld nicht zahlen können. Um den ärmsten Familien Indiens, besonders den Kindern, zu helfen, hat das Ehepaar Josef Gaßner (80 Jahre) und Ida Gaßner (79 Jahre) aus Landshut 1995 die Hilfsorganisation "Schritt für Schritt e.V." gegründet. Mit Unterstützung von 20 Mitgliedern in Deutschland und in Indien arbeitet der Verein auf rein ehrenamtlicher Basis. In den vergangenen Jahren hat er zahlreiche Hilfsprojekte in verschiedenen Regionen Indiens ins Leben gerufen. Dazu zählt der Bau von Schulen, Kinderkrankenhäusern, Waisenheimen oder Hospizen. Für ihr ehrenamtliches Engagement wurden Ida und Josef Gaßner vor drei Jahren von Bundespräsident Horst Köhler mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Bei "Schritt für Schritt e.V." soll das gespendete Geld ohne Abzüge den Hilfsprojekten zugute kommen. So befindet sich die Verwaltung im ausgebauten Dachgeschoss der Gaßners. Reisen zu den Einsatzorten werden aus eigener Tasche bezahlt. "An einem Armen braucht man nicht zu verdienen", lautet Ida Gaßners Motto. Diese Einstellung überzeugte Torsten und Gabi Starig aus Dachau vor einem Jahr, dem Verein beizutreten. "Wir haben lange nach einem Hilfsprojekt gesucht, bei dem wir wissen, dass jeder Euro ankommt", erklärt Torsten Starig. Das Ehepaar hat sodann Patenschaften für fünf indische Kinder aus Kerala übernommen. Kinderpatenschaften für jeweils 15 Euro im Monat gehören zu den zentralen Projekten des Vereins.

Für Kinder aus armen Familien ist ein Schulbesucht meist unmöglich, weil die Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können. "Durch die Kinderpatenschaften wird der Schulbesuch ermöglicht", sagt Ida Gaßner. Der gespendete Betrag werde auf ein für jedes Kind eigens eingerichtete Konto überwiesen. "Davon wird in Absprache mit den Eltern genommen, was das Kind für den Schulbesuch braucht. Für manche Kinder ist eine Mahlzeit wichtiger, andere brauchen das Geld für die lange Busfahrt." Auch eine Schuluniform werde für die Kinder angeschafft.

Für die Eltern grenze es häufig an ein Wunder, wenn ihre Kinder Lesen und Schreiben lernten. Lachend bemerkt Ida Gaßner: "Sie sagen ganz stolz ,Mein Kind studiert', wenn es die Vorschule besucht." Mittlerweile konnte der Verein so schon fast 5 600 Kindern den Zugang zu Schulbildung ermöglichen. Einige werden auch nach Abschluss der Schule in ihrer weiteren Ausbildung unterstützt.

Die Schulen, wie auch die anderen Institutionen, konnte "Schritt für Schritt" mithilfe von Spendengeldern aus Deutschland, Österreich und Holland erbauen lassen. Auch die Instandhaltung der Gebäude und die Bezahlung des Personals werde so finanziert. Viele der Lehrkräfte seien ehemalige Patenkinder. "Aber am Schulbau knabbert man schon lange", gibt Ida Gaßner zu bemerken. Erschwerend komme hinzu, dass die Grundstücke nach der Tsunami-Katastrophe 2001 viel teurer geworden seien.

Damit die Spender wissen, dass ihr Geld ohne Verlust und sinnvoll investiert wird, verschicken die Gaßners jedes Jahr einen ausführlichen Geschäftsbericht. "Doch die beste Reklame für uns ist, wenn die Paten selbst nach Indien fliegen, um ihre Kinder zu besuchen. Dann können sie sich vor Ort überzeugen, dass mit ihrem Geld wirklich geholfen wird." Trotz fortgeschrittenen Alters lassen es sich die Gaßners nicht nehmen, jedes Jahr für einige Wochen nach Indien zu fliegen. Sie kontrollieren, dass alles nach Plan läuft.

In diesem Frühjahr wurden sie von den Starigs begleitet, die sich ein Bild der Situation ihrer Patenkinder aus Kerala machen wollten. "Das hat uns darin bestätigt, dass den Menschen dort sehr mit den Projekten geholfen wird", sagt Torsten Starig. Mit ihren authentischen Eindrücken möchten sie andere Menschen von der großen Wirkungskraft der Projekte überzeugen.

In besonders dramatischen Fällen unterstützt der Verein ganze Familien. "Kurz bevor wir dieses Jahr abreisen wollten, kamen vier Frauen mit ihren Kindern auf uns zu, deren Männer beim Kokosnusspflücken schwer verunglückt waren. Sie hatten nichts mehr zu essen und die anderen Familienmitglieder konnten ihnen nicht länger helfen", erzählt Ida Gaßner. Die Frauen wollten ihre Kinder nicht zum Betteln schicken, fanden als Analphabetinnen jedoch keine Arbeit. "Wir haben die Kinder in die Schule aufgenommen und beschlossen, dass wir die Frauen als Busbegleiterinnen brauchen könnten. Das Ein- und Aussteigen in die Schulbusse an den vollen Straßen ist sehr gefährlich." Dennoch seien die finanziellen Möglichkeiten zu solcher Hilfe begrenzt.

Ida und Josef Gaßner denken noch lange nicht daran, beim Thema Indienhilfe in den Ruhestand zu gehen: "Wir wollen helfen, wo wir können und solange wir können."

Weitere Informationen zum Verein unter: www.wirhelfenindien.de