Nazi-Kommandant in Dachau Organisator des Grauens

Als Inspekteur der Konzentrationslager organisierte Theodor Eicke die Mordstätten nach dem sogenannten Dachauer Modell.

(Foto: Toni Heigl)

Theodor Eicke baute das Dachauer KZ zu einem nationalsozialistischen "Musterlager" aus. Der Historiker Niels Weise beschreibt ihn als eine ehrgeizige und skrupellose Gewaltnatur.

Von Johannes Korsche, Dachau

Bevor Niels Weise, Historiker am Institut für Zeitgeschichte in München, seinen Vortrag beginnen kann, müssen noch mehr Stühle ins Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte gebracht werden. Der Publikumsandrang ist größer als erwartet, etwa 75 Dachauer sind zur Vorstellung von Weises Buch "Theodor Eicke - Eine SS-Karriere zwischen Nervenklinik, KZ-System und Waffen-SS" gekommen. Eicke, der von Heinrich Himmler im Frühjahr 1933 als Lagerkommandant des Dachauer Konzentrationslagers eingesetzt wurde, prägte den menschenverachtenden Häftlingsalltag. Da er von 1934 an als Inspekteur der Konzentrationslager eingesetzt war, beeinflusste er maßgeblich den Ausbau und die Reorganisation der Lager im gesamten "Reich". Im Februar 1943 starb "Papa Eicke", wie er damals - und heute in der Nazi-Szene - glorifiziert wurde, bei Charkiw in der Ukraine, als sein Flugzeug abgeschossen wurde.

Eicke machte die KZ-Wachverbände zu den späteren "SS-Totenkopfverbänden"

Eicke baute das KZ Dachau zum "nationalsozialistischen Musterlager" aus, die KZ-Wachverbände zu den späteren "SS-Totenkopfverbänden". Er prägte die später so bezeichnete "Dachauer Schule", die in den KZ-Häftlingen "Feinde hinter dem Draht" sah. Eine Einstellung, die eine Generation von KZ-Kommandeuren formen sollte, wie der Historiker Weise sagt. Eicke und seine KZ-Wachverbände nahmen außerdem bei der Niederschlagung des sogenannten Röhm-Putsches im Sommer 1934 eine zentrale Rolle ein. Eicke erschoss den angeblich putschenden SA-Stabschef Ernst Röhm eigenhändig.

Den Schwerpunkt in seinem Buch und Vortrag setzt Weise auf Eickes zehnwöchigen Aufenthalt in einer Würzburger Psychiatrie im Frühjahr 1933. Dass der spätere Inspekteur der Konzentrationslager unter dem Verdacht der "gemeingefährlichen Geisteskrankheit" gestanden habe, "ist nicht allgemein bekannt", sagt Weise. Ihm war dabei sehr wichtig, dass Eicke mitnichten im medizinischem Sinne geisteskrank war. Für dessen Einweisung in eine Psychiatrie im Frühjahr 1933 gab es andere Motive. Viel eher war sie Folge einer Intrige des pfälzischen NSDAP-Gauleiters Josef Bürckel. So kam der behandelnde Arzt Werner Heyde, später als Leiter des "Euthanasie"-Programms für mehr als 100 000 Morde mitverantwortlich, zur Diagnose: "normaler Mensch. Durch besondere Milieu-Konstellation in die Klinik gekommen." Wobei Weise die Einschätzung des "späteren Euthanasiemörders Heyde unreflektiert" nicht übernehmen möchte.

Der Historiker rückte bei dem Vortrag Heinrich Himmlers Rolle in den Vordergrund

In dem Vortrag rückte der Historiker Heinrich Himmlers Rolle bei der Einweisung und Entlassung Eickes in den Vordergrund. An diesem Beispiel verdeutlichte Weise die Bedeutung von "Verpflichtung und Erziehung" innerhalb des SS-Systems. Denn Himmler habe schon früh von den Umständen gewusst, die zu Eickes Einweisung geführt haben. Trotzdem habe er ihn zehn Wochen lang aus Kalkül in der Nervenklinik sitzen lassen, sagt Weise. Erst als die Stelle des Kommandanten im Dachauer Konzentrationslager vakant wurde, erwirkte Himmler seine Entlassung und setzte ihn in der freigewordenen Stelle ein.

Eicke war wegen der Kommandantenstelle zur "unbedingten Treue" gegenüber Himmler verpflichtet, stand er doch wegen des Klinikaufenthalts "im Frühsommer 1934 vor den Trümmern seiner Existenz", beschreibt Weise. Die Verpflichtung zu Dank und Loyalität in Verbindung mit einer Mischung aus Drohung und Belohnung sei charakteristisch für Himmlers Führungsstil in der Schutzstaffel gewesen. Das Abhängigkeitsverhältnis spiegle deswegen die Situation vieler anderer SS-Soldaten im Umfeld Himmlers wider.

Eicke wurde in die Psychiatrie eingewiesen - Himmler wollte ihn damit erziehen

Außerdem hat Himmler eine "regelrechte Erziehungsmanie" gegenüber seinen Untergebenen gehabt, sagt Weise. Den Aufenthalt Eickes in der Würzburger Psychiatrie interpretiert der Historiker dementsprechend als eben dies: einen Versuch, den unbeherrschten, cholerischen Mann zu erziehen. Dieser übernahm später Himmlers Erziehungsgedanken. Das sei so weit gegangen, dass Eicke Wachmänner, die allzu freundschaftliche Beziehungen mit den Häftlingen gepflegt hätten, vorübergehend in Häftlingskitteln im Konzentrationslager habe inhaftieren lassen. Diese "Erziehung" der Wachmänner sollte vor allem einem Ziel dienen: Sie sollte "scharf machen gegen die Häftlinge", sagt Weise.

Die innerhalb der SS so wichtige ideologische Erziehung sollte aber nicht auf das Verhältnis zu den Häftlingen übertragen werden, warnt der Historiker. Hier ging es um "überwiegend vollkommen sinnlose Schikane", sagt Weise. Die Konzentrationslager als "Besserungsanstalten" für die Häftlinge zu verkaufen, sei NS-Propaganda gewesen, nicht Realität. Eickes Motto für den Umgang mit den Häftlingen ist kurz, aber eindeutig: "Toleranz bedeutet Schwäche".

Bei der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Person hinter den Verbrechen. Eickes Charakter? "Er war ehrgeizig, cholerisch, voll Hass, eine skrupellose Gewaltnatur; gleichzeitig konnte er eine herzliche und warme Art gegenüber seinen Untergebenen haben." Ein "normaler Mensch" mit zwei Seiten, der für das KZ-Vernichtungssystem der Nationalsozialisten maßgeblich mitverantwortlich war.