Dachau Krach ums Gold

Das Geschäft boomt, der Wettbewerb wird schmutziger: Weil es in Dachau mehr und mehr Ankäufer gibt, bekämpfen sich die Konkurrenten mit immer schärferen Methoden. Eine Bestandsaufnahme.

Von Andreas Glas

"Ich bin kein Querulant, aber wenn ich denke, ich bin im Recht, gehe ich einem Streit nicht aus dem Weg": Juwelier und Goldankäufer Ludwig Stöckl klagt gegen zwei seiner vielen Mitbewerber.

(Foto: © joergensen.com)

- Jedes Mal wenn Ludwig Stöckl aus dem Fenster schaut, muss er sich ärgern: "Wenn der da drüben das nicht freiwillig ändert, gehe ich dagegen vor." Der, den Stöckl "den da drüben" nennt, heißt Khaldun Al-Mindawy. Seit zwei Monaten betreibt Mindawy ein Juweliergeschäft in der Augsburger Straße, schräg gegenüber von Stöckls Laden. Seit zwei Monaten gibt es Krach in der Straße. Krach ums Gold.

"Ich habe doch keinen Fehler gemacht", sagt Juwelier Mindawy, der den Laden von Uhrenmacher Hans Rinderle übernommen hat. Den Namen Rinderle hat er an der Fassade gelassen, den Dachauern ist der alte Familienbetrieb ein Begriff. Dem eigenen Geschäft kann das nicht schaden, findet Mindawy. Dem der Konkurrenz aber schon, findet Ludwig Stöckl vom gleichnamigen Juwelierladen auf der anderen Straßenseite. Vier Tage nach der Eröffnung bekommt Mindawy Post - von Stöckls Anwalt. Die Forderung: Die Fassadenaufschrift muss weg!

Wie lange ein Goldankäufer überleben kann, hängt von seinem Ruf ab. Die beste Waffe im Konkurrenzkampf ist es, seriös zu wirken, vertrauenswürdig. Denn wenn es um Geld geht, ist immer Misstrauen im Spiel. Wenn es um Gold geht, erst recht. Auch Mindawys Geschäft ist vom guten Ruf abhängig - und vielleicht muss er härter darum kämpfen als andere: Mindawy ist Iraker und neu in Dachau - ein fremder in doppelter Hinsicht, findet er selbst. Er ist Goldschmiedemeister und stammt aus einer Juwelierfamilie - doch am Anfang habe er Angst gehabt, dass Kunden seinen Laden meiden könnten, weil er kein Deutscher ist. Und dann kam auch noch die Anklagepost: "Das hat mich viele Nerven gekostet. Ich habe lange überlebt, ob ich hier überhaupt bleiben soll. Aber dann habe ich mir gesagt: Ich muss kämpfen."

Weiter kämpfen will auch Ludwig Stöckl, obwohl der Richter die Klage gegen die Fassadenaufschrift inzwischen abgewiesen hat. "Das Goldgeschäft ist eben ein Geschäft", sagt Stöckl, "und ich muss meine Position verteidigen." Dass der Konkurrenzkampf zugenommen hat, liegt auch an der Wirtschaftskrise. Weil Gold in Krisenzeiten als relativ wertstabile Anlage gilt, verkaufen immer mehr Menschen ihren Schmuck oder ihr Zahngold. Wie viele Ankäufer es in Dachau gibt, kann nicht einmal mehr die Stadt überblicken. Der Grund: Viele kaufen nur nebenbei an, auch Stöckl und Mindawy verkaufen in erster Linie Uhren oder Schmuck.

Ausschließlich Goldankauf betreibt die Firma Bruno Munding GmbH, die jede Woche für drei Tage eine Art fliegenden Händler in einen Laden in der Martin-Huber-Straße schickt. Auch die Munding GmbH hat Post von Ludwig Stöckl bekommen - eine Abmahnung, weil sie in Anzeigenblättern mit den "fairsten Preisen in Dachau" warb. Stöckl stört das Wort "fair": "Ein normaler Kunde könnte darunter verstehen, dass er die höchsten Preise bekommt." Eine falsche Behauptung, sagt Stöckl, das könne er nicht zulassen. In Paragrafendeutsch ausgedrückt: Wettbewerbsverstoß gemäß §§ 3,5 Abs. 1 UWG und § 823 Abs. 1,2 BGB. Kurzum: Der Dachauer Goldstreit ist längst ein Paragrafenstreit.

Bruno Munding ist ein ehrenhafter Geschäftsmann. Sagt er. Also habe er auf die Abmahnung bereits reagiert. Seit dieser Woche wirbt sein Unternehmen nicht mehr mit den "fairsten" Goldpreisen, sondern nur noch mit "fairen" Preisen. Ob er aber Stöckls Unterlassungserklärung unterschreiben wird, muss er sich noch überlegen, denn: "Wir haben uns rechtlich ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt mit dieser Formulierung. Aber die fairsten Preise heißt ja nicht unbedingt in Euro und Cent die höchsten Preise. Fair heißt, dass das Gesamtpaket fair ist: von der Beratung über die Bewertung. So sieht es aus." Besser gesagt: So sieht es Bruno Munding.

Und dann erzählt Munding etwas, das einiges aussagt über die Mittel in einem Konkurrenzkampf, in dem die Vorurteile mancher Kunden offenbar genutzt werden, um die eigene Vertrauenswürdigkeit zu steigern. Er erzählt von zumeist älteren Kunden die "zu uns kommen und sagen: Wir wissen, dass der Türke oder der Araber - entschuldigen Sie, ich will das nicht herabsetzen - anscheinend zwei Euro mehr zahlt aufs Gramm, aber wir kommen lieber zu Ihnen, weil es hier fair abläuft und es erscheint uns seriöser. Mittlerweile springen Leute auf den Zug auf, die da wirklich nichts verloren haben." Da ist sie wieder, die goldene Regel des Goldankäufers: Der Anschein der Seriosität ist die beste Waffe im Kampf um den Kunden.

"Ich finde das nicht schön", sagt Khaldun Al-Mindawy, der früher in München Gold angekauft hat: "Was gerade in Dachau passiert, habe ich in München nie erlebt." Deshalb wolle er sich nicht mehr so sehr vom Goldankauf abhängig machen, sondern mehr auf sein Kerngeschäft konzentrieren: Schmuck und Uhren verkaufen und reparieren: "Ich habe am Anfang Angst gehabt. Aber jetzt bin ich zufrieden, langsam kommen die Kunden. Alles braucht eben Zeit." Der Goldkrach, sagt Mindawy, interessiere ihn jetzt nicht mehr.

Auch Bruno Munding sagt: "Wir planen keinen Krieg gegen unsere Mitbewerber. Und wir planen keinen Rechtsstreit gegen den Herrn Stöckl und der Herr Stöckl plant auch keinen Rechtsstreit von ihm aus, so wie ich das Schreiben von seinem Rechtsanwalt verstehe."

Gut möglich, dass Munding da etwas falsch verstanden hat, denn Ludwig Stöckl wartet noch auf eine Unterschrift auf der Unterlassungserklärung. Falls Bruno Munding nicht unterschreibt, will Stöckl "vor Gericht ziehen, gar kein Problem. Ich bin kein Querulant, aber wenn ich denke, ich bin im Recht, gehe ich einem Streit nicht aus dem Weg." Der Goldkrach in Dachau geht weiter.