Dachau Jubel nach Merkels Besuch

Oberbürgermeister Bürgel und CSU-Landesgruppenchefin Hasselfeldt würdigen die Visite der Kanzlerin an der KZ-Gedenkstätte als großen Schritt für die Erinnerungspolitik der Stadt Dachau.

Von Helmut Zeller und Robert Stocker

Die Kritik an der Dachau-Visite der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verklingt in der Begeisterung über ihren Auftritt in der KZ-Gedenkstätte und im Bierzelt. Sie hat die Stadt Dachau weit nach vorne gebracht. So urteilten am Mittwoch Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) und die Bundestagsabgeordnete, CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt . Grüne und der Historiker Wolfgang Benz hatten im Vorfeld die Kombination, Besuch der KZ-Gedenkstätte und dann Wahlrede im Bierzelt, scharf kritisiert. Aber die Kanzlerin meisterte am Dienstag den Spagat, der zum Schluss auch in der CSU Bedenken ausgelöst hatte. Das Internationale Dachau-Komitee (CID), Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinden Oberbayern und München, verteidigten Merkel.

"Er ist ein glaubhaftes, beeindruckendes und berührendes Signal", sagte Knobloch. Auch der Zentralrat der Deutschen Juden nahm Merkel in Schutz. Noch nie hatte ein deutscher Regierungschef den Gedenkort aufgesucht, an dem die Nationalsozialisten 1933 das Modellager für alle anderen Konzentrationslager errichtet hatten. Mehr als 206 000 Menschen aus ganz Europa waren gefangen, mehr als 41 000 überlebten im Stammlager und seinen Außenlagern den Terror nicht. "Merkels Besuch", sagt CID-Präsident Pieter Dietz de Loos, "ist ein Zeichen für Deutschland, für die ganze Welt, dass Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus inakzeptabel sind". CID-Vizepräsident Max Mannheimer, der die Kanzlerin in die Gedenkstätte eingeladen hatte, sprach von einem historischen Schritt.

Zugesagt hatte die Kanzlerin auf Drängen der CSU-Landesgruppenchefin Hasselfeldt, ihre langjährige Vertraute. Ursprünglich war nur der Wahlkampfauftritt im Festzelt auf der Thoma-Wiese geplant. Auch die CSU machte sich Sorgen, wie Merkel den Spagat meistern könne. "Wir sind übereingekommen", so sagte Hasselfeldt der SZ, dass die Kanzlerin im Bierzelt nicht sofort eine Wahlrede halten könne. Tatsächlich sprach Merkel vor etwa 5000 Besuchern zunächst über ihre unmittelbar vorausgegangene Visite an der Gedenkstätte und zitierte aus einem der Bücher Max Mannheimers: "Aus der Finsternis eine Brücke in die Zukunft bauen." Hasselfeldt hatte das Thema in ihrem Grußwort bereits eröffnet. Sie lobte das große Engagement des Oberbürgermeisters für eine Erinnerungs- und Aussöhnungskultur der Stadt Dachau. Wie Hasselfeldt sagte, knüpft Bürgel ein für die Stadt enorm wichtiges Netz internationaler Kontakte und Freundschaften. Zuletzt wurde Anfang des Jahres eine Kooperation zwischen der Dachauer Klinik und einem Krankenhaus in Rechovot bei Tel Aviv begründet. Dass Dachaus Name weltweit weiter mit dem Naziterror und dem Holocaust verbunden bleiben wird, ist Bürgel klar. Aber er wirbt um Anerkennung für die Bemühungen, Dachau zu einem Lernort für das 20. Jahrhundert zu machen. Genau darin hat ihn nach Ansicht von Hasselfeldt nun die Bundeskanzlerin bestätigt. "Das war Wahnsinn. Ich habe so eine Freude empfunden", sagte Bürgel am Mittwoch über Merkels Auftritt und die positiven Reaktionen der Bierzeltbesucher.

Schon bei ihrem Einzug ins Festzelt gegen 20 Uhr waren Hunderte auf ihre Sitzbänke gestiegen und brachten Merkel stehende Ovationen dar. Die Kanzlerin hielt insgesamt eine ungewöhnliche Wahlkampfrede, die auf großen Beifall stieß. Sie referierte über die Lage in Europa und Deutschland, setzte sich für Mindestlöhne in Bereichen ohne Tarifverträge ein und lehnte höhere Steuern für Besserverdienende ab. Anhaltenden Applaus erhielt sie auch für die Absicht, Änderungen beim Länderfinanzausgleich vorzunehmen. Damit unterstützt sie den Vorstoß des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der den Finanzausgleich für ungerecht hält. Für die CSU-Landesgruppenchefin Hasselfeldt war sie voll des Lobes: "Sie haben eine tolle Bundestagsabgeordnete. Sie bringt die Anliegen der CSU offen vor, geht immer einen geraden Weg und verliert sich nicht in Nebensächlichkeiten."

Auch in der Gedenkstätte waren die Reaktionen durchweg positiv. Leiterin Gabriele Hammermann hatte schon im Vorfeld die große Bedeutung des Besuchs für die Gedenkstättenarbeit und die Überlebenden gewürdigt. Sie erinnerte bei der Begrüßung der Kanzlerin daran, dass die Überlebenden jahrelang für diese Gedenkstätte hätten kämpfen müssen. Heute sei sie fast selbstverständlich und werde von einem breiten Konsens getragen. Merkel sagte: Dachau habe durch das KZ traurige Berühmtheit erlangt. Von Gedenkstätten wie dieser gehe eine Mahnung aus. "Wir müssen entschieden gegen Antisemitismus und Rassismus vorgehen."