Dachau "Hell, without a sense of soul"

Dorothea Heiser und die englische Übersetzung der Sammlung von Gedichten von KZ-Häftlingen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Dorothea Heisers Gedichtsammlung ist auf Englisch erschienen

Von Leonie Sanke, Dachau

Acht Jahre lang hat Dorothea Heiser Zeilen von Opfern und Überlebenden des Dachauer Konzentrationslagers gesammelt - Zeilen in zehn verschiedenen Sprachen, voller Trauer und Traumata. Seit Ende vergangenen Jahres ist ihre 1994 erschienene Sammlung von Gedichten ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau auf Englisch erhältlich. Dass es nach 20 Jahren schließlich zu dieser Übersetzung kam, hat viel mit Heisers Biografie zu tun.

Aufgewachsen ist Dorothea Heiser im württembergischen Göppingen. Schon als junges Mädchen entwickelte die heutige Publizistin ihre Leidenschaft für das Englische. "Einmal kamen Verwandte aus Amerika zu Besuch. Ich war völlig fasziniert davon, dass diese Leute eine Sprache sprachen, die sonst keiner verstand." Als sie dann noch im Fernsehapparat eines Geschäfts die pompöse Krönung von Königin Elisabeth II. sah, stand ihr Entschluss fest: Sie musste nach England. Ihr großer Wunsch ging nur wenige Jahre später in Erfüllung: Als eine von wenigen ausgewählten Schülerinnen durfte sie für vier Monate in das Land ihrer Träume reisen und dort zur Schule gehen. Noch heute glänzen ihre Augen, wenn sie von dieser Zeit erzählt.

Untergebracht war sie im nordenglischen Leeds - einer Stadt, die sich für sie als schicksalsträchtig erweisen sollte. Dieser damals besondere Auslandsaufenthalt habe ihr Leben geprägt und ihr etwas bewusst gemacht: "Leeds hat eine große jüdische Gemeinde. Ich wurde oft auf meine Herkunft und meine Sicht auf die deutsche Geschichte angesprochen. Da wurde ich mir meiner Rolle und meiner Verantwortung als Deutsche bewusst."

Im Jahr 2011 reiste Heiser zum ersten Mal seit ihrer Studienzeit nach Leeds. Während ihres Urlaubs hielt Heiser eine Lesung zu "Mein Schatten in Dachau" vor Studenten der Universität, an der sie während ihres Deutsch- und Englisch-Studiums selbst einmal ein Semester verbracht hatte. Die Teilnehmer waren Feuer und Flamme, verfassten eigene Übersetzungen und fragten, warum es das Buch nicht längst in ihrer Muttersprache gebe. Nach und nach übertrug sich ihr Enthusiasmus auf Professor Stuart Taberner und verdrängte schließlich seine Bedenken - er wusste um den Aufwand eines solchen Projekts.

Unterstützt von drei seiner Studenten und 13 Übersetzern, die umsonst arbeiteten, realisierte Taberner schließlich Heisers lang gehegten Traum einer Ausgabe, die auch international Leser erreicht und bewegt. Durch die direkte Übersetzung der Originaltexte nahm Taberner den gleichen Weg wie Heiser und schuf so eine möglichst authentische Fassung. In seinem Vorwort schreibt Taberner, seine Motivation sei gewesen, persönliche Zeugnisse der Nazi-Gräuel zugänglich zu machen, die die wenigen verbliebenen Zeitzeugen überdauern.

Ihr Interesse für das ehemalige KZ und die damals noch unpopuläre Erinnerungsarbeit entwickelte Heiser, als sie sich als junge Frau mit ihrer Familie in Dachau niederließ, da ihr Mann dort eine Praxis eröffnete. Ihr Besuch des Friedhofs Leitenberg sei ein einschneidendes Erlebnis gewesen, erzählt sie. Dort liegen mehr als 7000 ermordete Häftlinge, und nicht ein einziger Name war zu finden. "Dabei waren viele Namen bekannt. Das fand ich entwürdigend." Bei einer Gedenkfeier im Jahr 1985 überreichte Heiser der Italiener Mirco Camia, der als junger Mann nach Dachau deportiert worden war, das Gedicht, das den Grundstein für ihre spätere Veröffentlichung legte: "La mia ombra a Dachau", "Mein Schatten in Dachau", verfasst vom damals 16-jährigen, schwer traumatisierten KZ-Überlebenden Nevio Vitelli.

Damit begann für Heiser eine jahrelange Suche nach Gedichten und Übersetzern aus der ganzen Welt - ohne finanzielle Mittel und in Eigenregie. "Die Begegnungen, die dadurch entstanden, haben mich unheimlich bereichert", sagt sie heute.

"Die Gedichte sollen den Lesern bewusst machen, wie lebenslang prägend diese Erlebnisse waren. Diese Menschen konnten nie wieder diejenigen sein, die sie vorher waren", sagt Heiser. Die ersten Zeilen Nevio Vitellis lassen das schmerzlich präsent werden: "Mama, I am not coming back, / God told me so. / Hell, / without a sense of soul, /I have seen it like this / as I touch my painful body / not even in words, / Mama, I can tell you / because I cannot repeat / the mark of terror."

"La mia ombra a Dachau" war das einzige Gedicht, das der junge Italiener in seinem Leben schrieb. Zwei Jahre später, mit 18 Jahren, starb er an den Folgen seiner Gefangenschaft.