Musik in Dachau Heiß, heißer, Musiksommer

Luxuslärm, Jupiter Jones, Sinkane und José Gonzalez heizen dem Publikum auf den Rathausplatz ein. Bis zum Ausrasten. Am Freitag und Samstag strömen 2300 Besucher zu den Höhepunkten der Konzertreihe in die Dachauer Altstadt

Von Julian Erbersdobler, Dachau

Manchmal öffnen sich im Leben Fenster, die in eine andere Welt führen. Da spielt gerade die deutsche Pop-Band Luxuslärm auf dem Rathausplatz, als sich ein solches Fenster öffnet. Gegenüber im Wohnhaus. Sängerin Janine Meyer baut die Szene direkt in ihre Show ein, das Timing: perfekt. "Denn wir sitzen hier auf dem Dach der Welt und wir halten uns fest, niemand kann uns erreichen, unsere Träume stehlen", singt sie und zeigt auf das offene Fenster und die beiden tanzenden Mädchen. Ein Moment, der als Metapher für die Magie des Musiksommers in Dachau herhält. Für ein Wochenende mit Luxuslärm und Jupiter Jones, Sinkane und José Gonzalez - und ganz viel Sonne.

Der Freitag gehört den Teenies, ihren Freunden und Eltern. Blumenkleider und Chucks vor der Bühne, Lederleggins und Jeansweste im Rampenlicht: Luxuslärm-Frontfrau Janine Meyer weiß sich in Szene zu setzen. Das Publikum zieht mit, die Zutaten stimmen: deutsche Texte, eingängige Melodien, Lieder zum Mitklatschen. Und dann immer wieder Janine Meyer, die auf der Bühne abgeht wie einst Jürgen Klopp nach einem BVB-Tor. "Wie lange kennen wir uns jetzt schon? Sieben Minuten? Das muss reichen, um komplett auszurasten!"

2011 wurden Luxuslärm noch als "erfolgreichste Newcomer des Jahres national" ausgezeichnet, mittlerweile haben sie vier Alben produziert und gehören zur festen Deutsch-Pop-Elite. Und damit spielen sie auch fast in einer Liga mit dem Hauptact am Freitag: Jupiter Jones. Mit Open-Air-Auftritten kennt sich auch die Band aus der Eifel aus, zuletzt auf dem Southside-Festival, das jährlich um die 60 000 Besucher anlockt. Für Luxuslärm und Jupiter Jones kommen an diesem Samstag 800 Fans vor das Dachauer Rathaus. Und das bei tropischen Temperaturen, selbst um zehn Uhr am Abend.

"Alter Schwede, ist das heiß hier." Sven Lauer trägt Hut und Jeansjacke und schwitzt. Seit 2014 ist er das neue Gesicht von Jupiter Jones. Den alten Sänger, mit dem die Band groß geworden ist, zwang eine Angststörung zum Austritt - in den meisten Fällen gehört dann auch die Gruppe der Vergangenheit an. Nicht so bei Jupiter Jones. Und darüber freuen sich natürlich auch die Dachauer. Trotz drückender Hitze wird getanzt und geklatscht, wenn der Sänger dazu einlädt.

Zwei ältere Damen - gerade läuft ein dynamischer Song - schrecken sogar nicht vor Headbanging zurück. Ein Tanzmove, den man sonst eher auf Metal-Konzerten bestaunen kann. Dazu passend fragt der Sänger: "Habt ihr Bock auf Gymnastik?" Warum nicht. Die Masse geht in die Knie, bis Trompete und Posaune einsetzen, dann wird wild getanzt. Das ist die eine Seite von Jupiter Jones. So könnten sie auch als Fanmeilen-Band durchgehen. Mit dieser Beschreibung wird man ihnen aber nicht gerecht. Jupiter Jones ist mehr. Jupiter Jones ist vor allem: "Still". Der Song, der im April 2011 das meistgespielte deutschsprachige Lied im Radio war und noch heute regelmäßig läuft. Natürlich spielen sie ihn auch an diesem Abend, als die Bühne in ein rotes Licht getränkt wird. "Wenn ich auch tausend Lieder vom Vermissen 'schreib', heißt das noch nicht, dass ich versteh', warum dieses Gefühl für immer bleibt." Mit diesen Zeilen endet der Song. Es geht um den Tod der Mutter des Sängers, des alten Sängers. Und auch wenn es absurd klingt, Sven Lauer, der Neue, bringt die Emotionen authentisch rüber. Der Song bewegt, obwohl er eigentlich ein anderer ist. Die letzten Lieder sind dann wieder rockiger und wilder. Für das Finale schwingt sich der Sänger auf sein Surfbrett "Lucie" und gleitet getragen von den Händen des Publikums über den Rathausplatz.

Dann, ein neuer Tag, ein neues Publikum vor der Bühne. Diesmal sind deutlich mehr Jutebeutel und Bärte zu sehen, weniger Teenies und Zahnspangen. Das wird auch an der Getränkewahl sichtbar. Dachau trinkt an diesem Sonntag Bier statt Spezi. Was gleich bleibt, sind die tropischen Temperaturen - würdige Bedingungen für das Highlight des diesjährigen Dachauer Musiksommers: Singer-Songwriter José González. Er wuchs als Sohn argentinischer Einwanderer in Göteborg auf. Die spannende Mischung hört man nicht nur seiner Musik an, man sieht sie auch: Ein Gesicht wie Räuber Hotzenplotz, die Frisur von Jimi Hendrix. Sein Sound: melancholisch, hymnisch, fesselnd. Während am Samstag Luxuslärm die Vorband gegeben hat, wird González von Sinkane aus Brooklyn supportet. Eine Gruppe, die sich in kein Genre pressen lässt, wie sich nach wenigen Minuten zeigt. Psychedelische Elemente, luftige Gitarren, zwei Soulsängerinnen und vor allem: jede Menge tanzbarer Beats.

Open Air

Im Landkreis finden noch drei größere Open-Airs statt, die teilweise legendären Ruf genießen. Am Samstag, 18. Juli, startet das Puch-Festival (www.puch-openair.de) um 16 Uhr. Das Riding Higher als alternatives und caritatives Festival in Odelzhausen startet am Samstag, 25. Juli, ist aber bereits ausverkauft. Eine Art Pop-Rock-Serenade Open Garden beginnt in Prittlbach am Samstag, 1. August, um 20 Uhr (prittlstock.blogspot.com). sz

Trotz des großartigen Auftritts der Vorband geht es an diesem noch heißeren Samstag natürlich in erster Linie um José González, den die Stadt Dachau als einen der "weltweit bekanntesten Singer-Songwriter" angekündigt hat. Mit Erfolg. 1500 Menschen wollen den Auftritt des Schweden nicht verpassen. González war schon einmal hier. Nach einem Song zeigt er auf die gegenüberliegende Sankt Jakobs-Kirche und sagt: "Good to be back. Last time I played in that church". Jubel.

Dieser Mann braucht nicht viele Worte, er pfeift auf Selbstinszenierung. González macht ehrliche Musik. Und vielleicht klettert ein junger Fan auch deshalb extra auf einen Baum, um ihn über der Absperrung sehen zu können. Das Fenster im gegenüberliegenden Haus bleibt am Samstag geschlossen.