Dachau Gedenkstätte erweitert Ausstellung

Ein interaktiver Teil widmet sich der Topografie der Zeitgeschichte, um die Dimension des ehemaligen Konzentrationslagers zu verdeutlichen.

Von Wolfgang Eitler, Dachau

Die KZ-Gedenkstätte Dachau will die Geschichte des Konzentrationslagers umfassend visualisieren und die bestehende Ausstellung um einen interaktiven Beitrag zur Topografie der Zeitgeschichte ergänzen. Dazu haben jetzt die Forschungen begonnen, an denen sich auch die Bürger von Stadt und Landkreis beteiligen sollen. Sie sind aufgerufen, nach Informationen und Bildmaterial zu suchen, das die Vor- und Nachgeschichte des ersten Konzentrationslagers erläutern hilft. Damit rückt die ehemalige Pulver- und Munitionsfabrik für den Ersten Weltkrieg in den Vordergrund, die 1915 gebaut und 1916 in Betrieb genommen wurde. Die Gedenkstätte möchte deren gesamtes Areal, zu dem auch das Gelände der Bayerischen Bereitschaftspolizei zählt, und das für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, in die Ausstellung einbeziehen.

Die erweiterte Ausstellung könnte das geplante Museum der Industrie- und Arbeiterkultur ergänzen, das der Bezirk Oberbayern gemeinsam mit Stadt und Landkreis Dachau auf dem ehemaligen MD-Gelände plant und das bereits von den Ausschüssen im Bezirkstag, Stadtrat und Kreistag einstimmig beschlossen wurde. Dort soll vermutlich in vier bis fünf Jahren am Brennpunkt Dachau die industrielle Entwicklung Oberbayerns dargestellt und erforscht werden.

Ein imposantes Baudenkmal ist die alte Holländerhalle - wenn auch inzwischen sehr verfallen. Früher stellte man hier Munition für den Ersten Weltkrieg her.

(Foto: Toni Heigl)

Schießwollfabrik zur Pulverproduktion

Während die Maschinen in der ehemaligen Dachauer MD-Papierfabrik zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Grundstoff für bekannte Zeitschriften wie den Simplicissimus herstellten, lieferten die Maschinen der Holländerhalle nicht weit davon entfernt den Stoff für Bomben. Die Maschinen haben unter der Fachbezeichnung "Holländer" der Schießwollfabrik zur Pulverproduktion den Namen gegeben, unter dem sie heute noch in Dachau geläufig ist.

Im Jahr 1915 hatte man begonnen, die Pulverfabrik zu errichten, und in diesem Zusammenhang Holländerhalle und Wasserturm in kürzester Zeit fertiggestellt. 1916 wurde die Industrieanlage durch eine Munitionsfabrik erweitert, und noch vor Jahresende waren beide Betriebe funktionierender Bestandteil der Kriegsmaschinerie.

Die Niederlage des Jahres 1918 und die Bestimmungen des Versailler Vertrages setzten der Produktion ein Ende. Aus Schwertern wurden Pflugscharen, als von 1920 bis 1924 die Deutschen Werke in den bestehenden Fabrikanlagen Dreschwagen herstellten. Das Areal war ins Eigentum des "Deutschen Reiches" übergegangen, bevor es 1926 vom Land Bayern übernommen wurde. Die ehemalige Pulver- und Munitionsfabrik wurde von der nationalsozialistischen Diktatur vereinnahmt, und am 22. März 1933 kamen die ersten Häftlinge in das Konzentrationslager Dachau.

Hineingehen kann man in die Holländerhalle schon lange nicht mehr, vor 20 Jahren war das anders: Fotografien von damals zeigen das Innenleben.

(Foto: Niels Jørgensen)

Wie Historiker Michael Störk von der Gedenkstätte ausführt, hatte die SS das ehemalige Gelände der Pulverfabrik genutzt. Ein Großteil der Gebäude, die noch heute entlang der Straße der KZ-Opfer zu sehen sind, stammen aus der Zeit der Pulverproduktion in Dachau. Das Hauptgebäude der Fabrik, die dreischiffige "Holländerhalle", ist Bestandteil der Industriegeschichte und zudem ein baulich bemerkenswertes Gebäude. Die Halle, heute auf dem abgeschlossenen Gelände der Bereitschaftspolizei gelegen, ist zusammen mit einem markanten Wasserturm und den Restbeständen des Heizkraftwerks letzter Bestandteil aus der ersten Planungs- und Bauphase der Pulver- und Munitionsfabrik Dachau.

Umfassende Topografie der Zeitgeschichte

Störk startete nun einen Aufruf an die Bevölkerung. Sie soll in ihren Archiven, Dachstühlen und Kellern nach Bildmaterial zur Vor- und Nachgeschichte des ehemaligen Konzentrationslagers stöbern. Vorfahren vieler Dachauer sind hier als Arbeiter in der Munitionsfabrik und danach in der Fabrikation von Dreschwagen heimisch geworden. Leichter dürfte es werden, Bildmaterial über die Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu finden. Damals wurden Flüchtlinge in dem Lager untergebracht. Vor zwei Jahren versuchte die stellvertretende Dachauer Landrätin Marianne Klaffki (SPD) die Diskussion über die Zukunft dieser Baudenkmäler neu zu entzünden. Neben dem Areal der ehemaligen Pulverfabrik richtete sich ihr Augenmerk auf den Kräutergarten. Sie hofft nun darauf, dass die "vortreffliche Idee der Gedenkstätte" zu einer umfassenden Topografie der Zeitgeschichte ihr Anliegen untermauert. Dabei setzt sie auf die Hilfe des CSU-Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath und meint vielsprechend: Zurzeit könne sie nur sagen, dass ihr Anliegen in "guten Händen" sei. Die fraglichen Gebäude und Areale befinden sich ausschließlich im Besitz des Freistaats. Seidenath berichtete der SZ von zahlreichen Gesprächen, die noch ohne Ergebnisse verlaufen seien. Aber explizit über die Zukunft der Holländerhalle äußert er sich zuversichtlich: "Da ist viel Bewegung drin."

Wer über Dokumente verfügt, die zu einer Topografie der Geschichte des ehemaligen Konzentrationslager beitragen können, wendet sich an Michael Störk in der KZ-Gedenkstätte: 08131 / 66 99 71 17, Mail: stoerk@kz-gedenkstaette-dachau.de.