Biwi-Schafkopfturnier Gedächtnis-Gaudi

In Erinnerung an den legendären ehemaligen Kochwirt, organisieren die Schloßbergler regelmäßig ein Schafkopfrennen. Ein Selbstversuch mit ausgefuchsten Mitspielern.

Von Johannes Korsche, Dachau

Das Weißbier ist gekühlt, der Platz ausgelost. Noch liegen die Schafkopfkarten original verpackt auf den Tischen. Es ist Samstagmittag, 14 Uhr, das Biwi-Gedächtnis-Schafkopfrennen im Dachauer Drei Rosen kann beginnen. Die Schoßbergler erinnern damit an den legendären Wirt Josef Erhorn des Kochwirts in der Altstadt, mit dem es nur dann gut Karteln war, wenn er den Gast mochte. Jeden Donnerstag traf sich dort ganz Dachau. Und weil die Wirtschaft für solch eine Gedächtnis-Gaudi mit 28 Spieltischen viel zu klein ist, weicht der Veranstalter eben an den Fuß der Altstadt aus. Dort werden in den nächsten viereinhalb Stunden 112 Spieler schafkopfen. Traditionell dauert ein solches Rennen zwei Durchgänge, mit je 30 Spielen. Am Ende werden insgesamt 1740 Hände gegeben, angesagt, ausgespielt und bezahlt sein. Mittendrin: ein 25-jähriger Student aus München. Ein Selbstversuch.

"Servus, hock di her." - "Hallo, danke." Wer nicht Bairisch spricht, fällt auf. Noch dazu, wenn man jünger als 45 Jahre ist - beides macht einen zum Exoten im Drei Rosen. Da helfen auch acht Jahre Spielerfahrung und ein wöchentlicher Schafkopfstammtisch nicht: "Was bist'n für a Landsmann?" Aha, soso.

Was zählt, ist Lebenserfahrung

Manfred Klein, 69, Veranstalter des Turniers, steht in Festtracht im Saal: grauer Hut, weißes Hemd, kurze Lederhose und grauer Trachtenjanker. Das Outfit ist aufeinander abgestimmt, der Schnurrbart an beiden Seiten nach oben gezwirbelt. Er schafkopft selbst seit der dritten Grundschulklasse: "Watt'n lernt man im Kindergarten, Schafkopfen in der Schule." Soll heißen: Schafkopfen hat einfache Regeln, ist aber schwer zu meistern. Watten ist das zweite traditionelle bayerische Kartenspiel, der kleine Bruder vom Schafkopfen.

Es kann helfen, zu wissen, dass Schafkopfen erstmals in den 1840er Jahren in Franken schriftlich belegt ist. Dass zunächst unorganisiert um kleinere Geldbeträge gespielt wurde und Turniere nicht verbreitet waren. Dass deswegen erst 1989 einheitliche Regeln festgelegt wurden. Aber was sind schon theoretisches Wissen und 25 Jahre Lebenserfahrung gegen ein Vielfaches an Jahren Schafkopferfahrung, wie sie die Mitspieler am ersten Tisch vorweisen. Sie mögen diese Fakten nicht kennen, aber wissen, dass man auf Turnieren alles probieren muss, auch wenn es Glück braucht, um die Hand zu gewinnen.

In der Gaststätte Drei Rosen wird zum zehnten Mal das Biwi-Schafkopfturnier ausgetragen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die 32 Karten eines Schafkopfspiels sind in Trumpf- und Farbkarten eingeteilt, jeweils in einer festen Reihenfolge, die von dem angesagten Spiel abhängt. Ziel ist, Stiche zu machen, um sich die "Augen", die jede Karte Wert ist, zu sichern. Man spielt zu viert. Wer am Ende die meisten Augen sticht, gewinnt. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Spielformen: das Rufspiel, bei dem man einen Partner hat, und das Solo oder den Wenz, bei dem alleine gegen den Rest des Tisches spielt. Ein gewonnenes Spiel gibt Plus-, ein verlorenes Minuspunkte. Nach 30 Spielen wird bilanziert, die Plätze für den zweiten Durchgang werden neu verlost. Nach weiteren 30 Spielen hat der gewonnen, der die beste Differenz zwischen guten und schlechten aufweist.

Die Konzentration lässt mit der Zeit nach

Erst nach einigen Runden reichen Karten und Mut aus, um etwas zu wagen: "Ich würde spielen, einen Graswenz", sagt der Student. Für dieses Spiel stechen Unter und alle Karten der Farbe Gras, einer gegen alle. Von der Seite kommt ein herausforderndes: "Mei, wirst scho was ham, ge?" Acht Stiche später stehen die ersten sechs Pluspunkte hinter dem Namen des Studenten, so viel ist ein gewonnener Wenz wert. Trotzdem will sich der Punktestand nicht dem positiven Bereich annähern, im Gegenteil: Nach den ersten 30 Spielen stehen zehn Minuspunkte zu Buche.

In der Pause gibt es Kaffee und Kuchen, Bier und Zigaretten. Einige lassen die erste Halbzeit vor der Tür Revue passieren. "I hab' 34 guade g'schrieben", sagt ein Spieler beim Anzünden seiner Zigarette. Ein anerkennendes Raunen geht durch die Runde, scheinbar ist das ein sehr guter Wert. "Aber a 34 schlechte." Gelächter und noch ein Tipp für den Neuling: "Soli san schee und guad aber bei de Rufspiele musst a mitschreib'n. Da machst laufend Punkte."

Kochwirt Josef Erhorn, genannt Biwi, beim Servieren.

(Foto: oh)

Neuer Tisch, neues Glück. Das Ziel steht fest: sich dieses Mal in die positiven Punkte retten, irgendwie. Aber an diesem Tisch wird extrem schnell gespielt - fast reflexartig - scheinbar müssen die anderen Spieler beim Herauslegen der Karten gar nicht nachdenken. Sie zählen bereits gespielte Karten und Trümpfe unterbewusst mit. Das erfordert Konzentration. Und die lässt mit der Zeit nach. 45 Spiele später hat sich der erste grobe Schnitzer eingeschlichen. Bereits beim Legen der Karte wird heftig geschnauft und kommentiert: "Da verziagt's mir ja 'as G'sicht." Ein teurer Fehler, das Spiel - wie die Reputation - ist nicht mehr zu retten und geht verloren.

Mit dem Mute der Verzweiflung gegen skeptische Blicke anspielend schlagen noch zwei Wenzen positiv aufs Konto. Doch es hilft nichts, acht weitere Minuspunkte kommen nach dem zweiten Durchgang dazu, insgesamt sind es 18 geworden. Manfred Schuster, Gewinner des diesjährigen Biwi-Gedächtnis-Schafkopf, hat 68 Pluspunkte erspielt, der Zweitplatzierte Josef Westermeier 66 und die Dritte Hannelore Brandl 65. Immerhin, nur zwei gewonnene Soli mehr und es hätte gereicht, um einen Gewinn mitzunehmen. Nach der Siegerehrung ist Manfred Klein zufriedener als so mancher Spieler: "Des Schafkopfrennen is' immer a Gaudi." Zumindest, wenn man gewinnt.