Jugendbegegnung in Dachau Fragen an die Geschichte

100 Jugendliche aus 19 Ländern nehmen an der Internationalen Jugendbegegnung teil. Darunter sind erstmals zwei algerische Studenten und eine neunköpfige Gruppe aus dem Landkreis Oświęcim, der seit einem Jahr mit dem Landkreis Dachau eine Partnerschaft pflegt

Von Tobias Roeske

Am Ende sind dann doch fast alle polnischen Gäste gekommen. Zehn Jugendliche aus dem Landkreis Oświęcim, mit dem der Landkreis Dachau eine Partnerschaft pflegt, sollten ursprünglich an der 34. Internationalen Jugendbegegnung in Dachau teilnehmen. Einer sprang ab. "Die polnischen Medien berichten häufig, dass es in Deutschland wegen der großen Zahl an Flüchtlingen nicht mehr sicher sei", erklärt der 18-jährige Schüler Oskar Płonka. "Viele Eltern sorgten sich um die Sicherheit ihrer Kinder." Die anderen neun haben sich nicht abschrecken lassen von der Hetze gegen Flüchtlinge in ihrem Land. Sie folgten der Einladung von Oświęcims Landrat Zbigniew Starzec. Gemeinsam mit 100 anderen Jugendlichen aus 19 Nationen setzten sie sich mit der Geschichte des Konzentrationslagers Dachau, dem Nationalsozialismus und der Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus der Gegenwart auseinander.

Die Besuchergruppe aus Oświęcim im Jugendgästehaus.

(Foto: Toni Heigl)

Politische Verwerfungen

Die jungen Polen freuen sich darüber, dass sie sich nun mit Jugendlichen anderer Länder treffen und über die deutsch-polnische Geschichte und aktuelle Ereignisse in Europa sprechen können. Das tun sie, so oft es möglich ist. Gerade weil ihre rechtspopulistische Regierung einen fremdenfeindlichen und nationalistischen Kurs fährt. Die EU-Kommission stellt die Rechtsstaatlichkeit Polens in Frage. Nach den Herbstwahlen 2015 schaltete die allein regierende PiS den Verfassungsgerichtshof aus und schränkte die Unabhängigkeit der Medien und Journalisten ein. Zigtausend Polen gehen gegen die Regierungspolitik auf die Straße. All dies beschäftigt die polnischen Jugendlichen. Vor allem weil Oświęcims Landrat Starzec Mitglied in eben der Partei PiS ist. "Glücklicherweise merkt man von dem Rechtsdruck in Oświęcim noch nicht viel", sagt der 18-jährige Maciej Kolosa. Bisher mache Starzec einen vernünftigen Eindruck. Das sagt auch Bernadetta Czech-Sailer vom Landratsamt Dachau. Sie reiste im Juni mit Dachaus Landrat Stefan Löwl (CSU) nach Oświęcim.

Aus Dachaus italienischer Partnerstadt Fondi kamen Piera Quadrino und Maria Morena.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Die Jugendlichen machen sich Sorgen

Was soll sie sonst auch sagen. Löwl hält Starzec für einen patenten Mann, Gespräche über die politischen Verwerfungen vermied er weitgehend, und der Besuch der Polen bei der Jugendbegegnung ist wichtig, um die ein Jahr alte kommunale Partnerschaft mit Leben zu erfüllen. Die Jugendlichen aber sorgen sich wegen der Entwicklung in ihrer Heimat. "Gerade wenn es um den Holocaust geht, schweigt die Regierung in Warschau. Niemand spricht über die große Zahl von polnischen Juden, die von antisemitischen Polen getötet wurden", sagt Kolosa. Die Regierung versuche, die Polen als heldenhafte Nation und Opfer zu glorifizieren, sagt er weiter, und kehre alles andere unter den Tisch. Die Gespräche mit Zeitzeugen seien deshalb für sie sehr wichtig. "Jeder Zeitzeuge hat eine eigene Geschichte und die Dinge, die sie uns erzählt haben, ermöglichen uns einen anderen Blickwinkel. Vor allem von den Geschichten der deutschen Überlebenden kann man viel lernen", sagt Oskar Płonka.

Für die Jugendlichen gab es ein abwechslungsreiches Programm.

(Foto: Niels Jörgensen)

Esther Bejarano begeistert

In ihrer Heimat haben sie im Schulunterricht hauptsächlich mit polnischen Zeitzeugen gesprochen. Vor allem die deutsch-jüdische Holocaustüberlebende Esther Bejarano beeindruckt die jungen Männer und Frauen. "Obwohl sie schon über 90 Jahre alt ist, erzählt sie ihre Geschichte sehr detailliert und hat noch unglaublich viel Energie", meint Dagmara Hrapkowicz. Neben Esther Bejarano sind Peter Perel, Walter Joelsen aus München, Anastasia Gulei aus der Ukraine und Noah Klieger aus Israel gekommen. Fast andächtig lauschen die einhundert Jugendlichen den Frauen und Männern, die ihnen ein Bild von den Nazi-Verbrechen aber auch dem Mut, Optimismus und der Empathie der Überlebenden vermitteln.

Wassim Magraoui und Mohamed Anes Djeradi (re.) aus Algerien.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Der Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau bietet den polnischen Jugendlichen dagegen kaum Neues. Sie alle haben das bei Oświęcim liegende ehemalige Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz besucht. Ungefähr eine Million Juden wurden dort von den Nazis ermordet, außerdem Sinti und Roma, Russen - und viele Polen. Auschwitz ist das Symbol für den Holocaust. "Wenn man einmal in Auschwitz war, schockt einen das Dachauer KZ nicht mehr so sehr", erklärt die 18-jährige Schülerin Klaudia Bracha. "Die Eindrücke die man in Auschwitz bekommt, sind sehr viel schrecklicher." Dennoch sei es interessant, ein anderes Lager zu sehen. Im KZ Dachau waren in der gesamten Zeit 41 000 polnische Häftlinge, die größte nationale Häftlingsgruppe. "Nicht alle unsere Freunde haben die Möglichkeit nach Dachau zu reisen."

Für die Zukunft lernen

Die Internationale Jugendbegegnung in Dachau bietet den Teilnehmern einen Ort, an dem sie sich mit Jugendlichen anderer Nationen austauschen können. Gemeinsam setzen sie sich mit Fragen zur NS-Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinander. Der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit hat die Veranstaltung im Jahr 1983 ins Leben gerufen. Jedoch hat es lange gedauert, bis sie dafür einen angemessenen Ort gefunden hatten. Der Förderverein hatte mit großem Widerstand seitens der Politik und des Dachauer Stadtrats zu kämpfen - allen voran die Fraktionen von CSU und Überparteilicher Bürgergemeinschaft (ÜB).

Erst 1998 wurde das Jugendgästehaus eröffnet. Bis dahin mussten die Jugendlichen in Zeltlagern unterkommen. Doch seitdem ist es jeden Sommer der Treffpunkt für Jugendliche aus bis zu 25 Ländern. Gemeinsam beschäftigen sie sich 14 Tage lang mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Dachauer Konzentrationslagers. Dazu unternehmen sie Exkursionen, besuchen die KZ-Gedenkstätte oder besichtigen eine Synagoge in München. Zeitzeugen schildern ihnen ihr Verfolgungsschicksal. Das Gespräch mit den KZ-Überlebenden ist der Höhepunkt: Ihr authentisches Zeugnis vermittelt den Jugendlichen am besten die Zeit des Hasses. In den zwei Wochen nehmen sie an mehrtägigen Workshops teil und befassen sich so genauer mit dem Nationalsozialismus. Dabei können sich die Jugendlichen auf bestimmte Bereiche spezialisieren: Sie erfahren, wie nach Kriegsende mit Kriegsverbrechern und Alt-Nazis umgegangen wurde. Sie beschäftigen sich mit den medizinischen Experimenten, die in den Konzentrationslagern an Häftlingen durchgeführt wurden. Sie lernen wie die Bildung in Schulen und Universitäten während der NS-Zeit ausgesehen hat. Zusätzlich beschäftigen sie sich mit Themen der Gegenwart: der Umgang mit Flüchtlingen, der erstarkende Rechtsextremismus und Antisemitismus oder die Diskriminierung von Sinti und Roma, die im Naziregime verfolgt waren.

Auch Gruppen aus Israel sind jedes Jahr im Rahmen eines Schüleraustauschs dabei, den der Holocaust-Überlebende Abba Naor organisiert. Nur Dachauer Jugendliche sind, wie die Organisatoren jedes Jahr beklagen, so gut wie nicht vertreten. Troe

Zukunft gestalten

Die Schulen wählten die Jugendlichen persönlich aus. "Nur wer die entsprechenden Noten und das nötige Interesse in der Geschichte vorweisen konnte, durfte mitreisen", erklärt Betreuerin Katarzyna Żmudka. Außerdem wollten die Schulen sichergehen, dass sich die Schüler im Ausland zurechtfänden. Jedoch gab es im Vorfeld laut der Betreuerin Komplikationen: "Nach dem Amoklauf in München und dem Anschlag in Ansbach sorgten sich viele Eltern um die Sicherheit ihrer Kinder." Die neun Jugendlichen haben sich trotz aller Warnungen entschieden, nach Dachau zu kommen. "Das war eine gute Entscheidung", sagen sie . "Jetzt sehen wir auch mal die andere Seite und können unsere eigenen Schlüsse ziehen", erklärt Oskar Płonka.

Schwer in Worte zu fassen

Auch die Jugendlichen aus Armenien, Serbien, Slowakei, Italien, Frankreich und Israel sowie vielen anderen europäischen Ländern werden die Jugendbegegnung lange in Erinnerung behalten. Seit dem 30. Juli beherbergte das Jugendgästehaus in der Roßwachtstraße die Teilnehmer, die unter dem Motto "erinnern, begegnen, verstehen, Zukunft gestalten" zwei Wochen lang Lehren aus der Geschichte für die Zukunft zogen. Zum ersten Mal besuchten zwei junge Männer aus Algerien die Jugendbegegnung. Sie sind von ihren Eindrücken überwältigt. "Das Gefühl, das man bekommt, wenn man zum ersten Mal das ehemalige Konzentrationslager betritt, lässt sich sehr schwer mit Worten beschreiben", sagt der 20-jährige Wassim Magraoui und blickt Hilfe suchend zu seinem Freund Mohamed Anes Djeradi. "So einen Ort persönlich zu betreten ist etwas ganz anderes, als nur darüber zu lesen. Man kann die Leiden der damaligen Zeit beinahe spüren", meint der ebenfalls 20-jährige Algerier.

Die Vergangenheit nicht vergessen

Wassim Magraoui und Mohamed Anes Djeradi stammen beide aus der nordöstlich gelegenen Stadt Batna und studieren an der dortigen Universität. Beide interessieren sich seit ihrer Schulzeit für das Thema Nationalsozialismus, das ihrer Meinung nach im algerischen Schulunterricht zu wenig behandelt wird. "Natürlich haben wir viel über den Ersten und Zweiten Weltkrieg gelernt. Aber wir haben uns nie richtig mit dem NS-Regime und dem Holocaust beschäftigt", erklärt Djeradi. Die beiden Studenten meinen jedoch, dass es sehr wichtig sei, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Deshalb beschlossen sie, nach Deutschland zu reisen und dort eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen. Durch den älteren Bruder von Djeradi haben sie von der Jugendbegegnung erfahren und bewarben sich im vergangenen Dezember. "Viele unserer Freunde interessieren sich ebenfalls für die deutsche Geschichte und wären gerne mitgekommen. Leider hatten nur wir beide die Möglichkeit dazu", sagt Djeradi. Der 20-Jährige studiert im dritten Jahr Medizin. "Ich habe zum Beispiel erst jetzt erfahren, dass das NS-Regime unzählige Experimente an den Häftlingen durchgeführt hat", sagt der junge Algerier.

Beeindruckt von den Zeitzeugen

Sowohl Djeradi als auch Magraoui betonen immer wieder, wie bestürzt sie seien, dass Menschen zu solchen Grausamkeiten in der Lage sind. Bisher hatten sich die beiden zahlreiche Internetdokumentationen über die Nazizeit angesehen. "Es ist etwas ganz anderes mit Leuten zu reden, die diese Zeit miterlebt haben und von Experten Hintergrundinformationen zu erhalten", erklärt Magraoui. Ob diese Erfahrung ihr Bild von Deutschland verändere, verneinen beide: "Mittlerweile lebt doch eine ganz andere Generation in Deutschland, die nichts mit den damaligen Gräueltaten zu tun hatte", sagt Djeradi. "Das Bild, das die Menschen in Algerien von Deutschland haben, ist weiterhin sehr gut", bestätigt Magraoui.

Besonders beeindruckt waren die beiden Algerier von den Zeitzeugen. Für sie steht fest: Damit so etwas in Zukunft nicht noch einmal geschehe, dürfe man die Vergangenheit nicht vergessen. Magraoui sagt: "Ich glaube Bildung und Aufklärung sind die einzigen Wege, wie man vermeiden kann, dass so etwas Schreckliches noch einmal passiert."