Dachau Ende der Eiszeit

Bayerns Ministerpräsident Seehofer und der tschechische Regierungschef Petr Necas besuchen die KZ-Gedenkstätte.

Von Gregor Schiegl und Helmut Zeller

Tschechiens Ministerpräsident Petr Necas wird vom Präsidenten der Dachauer Lagergemeinschaft, Max Mannheimer, in Empfang genommen.

(Foto: Toni Heigl)

Die sudetendeutschen Hardliner waren nicht gekommen, um gegen die Dachau-Visite des tschechischen Ministerpräsidenten Petr Necas an der KZ-Gedenkstätte zu protestieren. Der Europaabgeordnete Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, versuchte die angedrohte Aktion herunterzuspielen. Das seien Randfiguren, sagte er. Und fügte hinzu, dass man auch den Schmerz und die Verbitterung der Vertriebenen verstehen müsse. Aber Posselt selbst war erleichtert, schließlich hätte eine Protestkundgebung einen Affront sondergleichen dargestellt: Gegenüber dem tschechischen Staatsgast, der gekommen war, um die Eiszeit zwischen Prag und München zu beenden; gegenüber auch dem 93-jährigen Auschwitz-Überlebenden Max Mannheimer, der den Karlspreis der Sudetendeutschen empfangen hat und den Politiker aus Prag und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) am Mittwoch in der Gedenkstätte empfing. Seehofer, der Max Mannheimer von einer früheren Israel-Reise gut kennt, stellte ihn als "ganz bemerkenswerte Persönlichkeit vor", die sehr viel für die Aussöhnung der Menschen getan habe.

Dass die Verständigung auch ganz wörtlich zu nehmen ist, erfuhr der erstaunte Petr Necas, als Max Mannheimer ihm auf Tschechisch antwortete. Mannheimer ist im mährischen Neutitschein geboren, von seiner Familie überlebten nur er und sein Bruder Edgar die Shoah, nachdem die deutsche Wehrmacht 1939 - von der Mehrzahl der Sudetendeutschen frenetisch bejubelt - in seine Heimatstadt einmarschiert war.

Um wessen Leid es ging, wurde deutlich, als Max Mannheimer, Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees und Ehrenbürger der Stadt Dachau, ein Kapitel aus seinem "Späten Tagebuch" auf Tschechisch las - die Erinnerungen aus seiner Zeit als KZ-Häftling: "Gegenüber der Zahnstation ist der Sezierraum. Gleich nebenan die Leichenkammer. Ein tschechischer Häftlingsarzt, Dr. Bláha, fragt: Willst du Brot? Ich will. Brot aus dem Sezierraum. Was macht das schon?" Der 93-Jährige liest im Stehen, draußen unter freiem Himmel bei Minusgraden auf dem ehemaligen Appellplatz.

Es gab viele tschechische Häftlinge, darunter auch sudetendeutsche Antifaschisten, im KZ Dachau, wie Stiftungsdirektor Karl Freller dem Gast aus Prag erklärt. 6257 Häftlinge seien aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, dem heutigen tschechischen Staatsgebiet, verzeichnet gewesen. 1558 kamen ums Leben.

Aus der Familie des Staatsgastes selbst litt niemand in dem ehemaligen Konzentrationslager. Im Archiv der Gedenkstätte findet sich, wie auf Anfrage mitgeteilt wurde, nur einmal die Erwähnung des Namens Necas: Der bezieht sich aber auf einen österreichischen Häftling.

Dennoch zeigte sich der tschechische Regierungschef tief berührt - schließlich stand er an dem Ort, an dem Tausende von tschechischen Häftlingen den Nazi-Terror erfuhren. Darunter auch der spätere Historiker Stanislav Zamecnik, der nach der Befreiung am 29. April 1945 und der Rückkehr nach Prag das grundlegende Werk über die Geschichte des Konzentrationslagers - "Das war Dachau" - geschrieben hatte. Die Stadt Dachau hat dem 2011 gestorbenen Historiker posthum ihren Zivilcourage-Preis verliehen.

Dachau wurde nun zu einer Station in dem Aufbruch zu einer besseren Beziehung zwischen Bayern und Tschechien. Und die Benes-Dekrete, auf deren Grundlage die Sudetendeutschen nach Kriegsende vertrieben wurden? Die bleiben, wie Max Mannheimer sagt. Aber vielleicht werde die nächste Generation der Tschechen anders darüber denken.