Dachau Die Vertreibung

In Dachau gab es keine Pogromnacht: Die 14 jüdischen Bürger wurden bereits am Tag zuvor vertrieben. Was mit ihrem Vermögen geschah, ist bis heute nicht genau geklärt

Von Helmut Zeller

In der Nacht vom 9. November 1938 plünderten und zerstörten Nazi-Schergen jüdische Geschäfte. Hier eine historische Aufnahme aus einer ungenannten Stadt. (Archivfoto)

(Foto: AP)

Irgendwo muss das Eigentum der Dachauer Juden ja geblieben sein, manches wird den Krieg überdauert haben und steht nun vielleicht als "Erbstück" in der Ecke eines Wohnzimmers oder in einem Keller. Etwa die Barockvitrine und die Biedermeierstanduhr der Familie Wallach. Auf jeden Fall wurde den 14 Dachauer Bürgern jüdischer Herkunft alles, was sie auf ihrer Flucht nicht mitnehmen konnten, geraubt - Geld, Grundstücke, Häuser, Mobiliar und Geschirr. Am 8. November 1938, einen Tag vor der Pogromnacht, wurden sie aus der Stadt vertrieben, eine Woche später begannen NSDAP-Kreisleiter Hans Eder und Bürgermeister Hans Cramer in Dachau mit der sogenannten Arisierung, also dem im ganzen Reich organisierten Raub jüdischen Vermögens. Genaues über seinen Verbleib und dessen Nutznießer will man noch heute gar nicht wissen - würde doch unter Umständen Unangenehmes ans Licht kommen.

Die Stadt Dachau hat am 9. November 2005 an drei Stellen Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig verlegen lassen. Sie erinnern an die früheren jüdischen Bewohner in der Oskar-von-Miller-Straße 1 und in der Hermann-Stockmann-Straße 10 und 27, benannt nach jenem Professor und langjährigen Vorsitzenden des Museumsvereins, der das Wohnungsinventar der Vertriebenen begutachtet hatte. Seit 1988 gedenkt die Stadt Dachau jedes Jahr offiziell der Pogromnacht am 9. November und ihrer jüdischen Bürger. Seit den dreißiger Jahren wurden die etwa 450 000 Juden im Deutschen Reich zunehmend aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben verdrängt. So wurden etwa auf der Grundlage des Berufsbeamtengesetzes von 1933 jüdische Beamte aus dem Dienst entfernt. 1935 gaben die Nationalsozialisten mit den Nürnberger Rassegesetzen dem Antisemitismus eine juristische Grundlage. Die Pogromnacht bildete den Auftakt zur zweiten Phase der Judenverfolgung, die mit dem Massenmord an den europäischen Juden endete.

Die Führung der NSDAP feierte in München, der Hauptstadt der Bewegung, am 7. November den Jahrestag von Adolf Hitlers gescheitertem Putsch aus dem Jahr 1923. Der Anschlag auf den deutschen Botschaftssekretärs Ernst von Rath am nächsten Tag in Paris war der willkommene Anlass. Joseph Goebbels rief zu dem Pogrom auf. Mindestens 91 jüdische Männer und Frauen werden in ihren Wohnungen, am Arbeitsplatz, auf offener Straße oder in Synagogen ermordet. Fast alle Synagogen im Reich gehen in Flammen auf oder werden beschädigt, 7000 Geschäfte jüdischer Einzelhändler sowie Wohnungen werden zerstört und geplündert. SS und Gestapo verschleppen ungefähr 26 000 jüdische Männer und Jugendliche in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen.

Die Bevölkerung schwieg in der Pogromnacht, auch Polizei und Feuerwehr schauten weg: Hätte es Protest gegeben, wäre die Geschichte vielleicht anders verlaufen. Im Herbst 1941 mussten die Münchner Juden auf einen Transport zum angeblichen Arbeitseinsatz im Osten gehen. Sie wurden bei Massenerschießungen in Kaunas in Litauen ermordet. Von den 14 aus Dachau vertriebenen Juden gelang sieben noch rechtzeitig die Flucht ins Ausland. Einer, der Schriftsteller Hermann Gottschalk, versteckte sich in München und starb kurz nach Kriegsende. Heinrich Hirsch starb vor der Deportation in einem israelitischen Altenheim in München. Die fünf anderen wurden in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet. In seinem Buch "Vor Sonnenaufgang" erzählt der SZ-Journalist Hans Holzhaider die Lebenswege der Dachauer Juden.

In den Tagen nach der Pogromnacht wurden 10 911 jüdische Männer in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Die jüdischen Häftlinge wurden nach einigen Wochen oder Monaten wieder aus der Dachauer Haft entlassen. Die SS wollte durch die KZ-Haft die jüdischen Männer dazu treiben, das Deutsche Reich nach ihrer Haftentlassung zusammen mit ihren Familien fluchtartig zu verlassen - unter Zurücklassung ihres Vermögens und Eigentums. Die Opfer wurden von der SS im KZ Dachau brutal misshandelt, einige Hundert sind schätzungsweise an den Folgen gestorben oder wurden ermordet. Der SA-Standartenführer Hans Cramer, Bürgermeister von Dachau, erklärt in einem Brief vom 20. Januar 1939 an den Kreisleiter, dass Dachau "heute völlig judenfrei" sei. Das zu einem Zeitpunkt, als mehr als 10 000 Juden im Konzentrationslager gefangen gehalten wurden.

Der Schock der überlebenden Opfer saß tief. Die assimilierten Juden, die im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatten, im Kulturleben der Weimarer Republik eine herausragende Rolle gespielt hatten, als Wissenschaftler, Kaufleute, Ärzte und Juristen große Verdienste um Deutschland erworben hatten, sahen sich nach Jahren der Diskriminierung der völligen Schutzlosigkeit preisgegeben. Die Ausschreitungen des Novemberpogroms in einem Land, das sie als ihre Heimat verstanden, konfrontierten sie mit dem mörderischen Judenhass der Nationalsozialisten - und der Gleichgültigkeit der überwiegenden Mehrzahl der Deutschen, wenn nicht sogar mit ihrer Billigung der Verbrechen.

Margarete Limberg und Hubert Rübsaat haben den Einbruch der Katastrophe in den Alltag deutscher und österreichischer Juden anhand von Selbstzeugnissen in zwei Büchern bewegend beschrieben: "Nach dem Anschluss" und "Sie durften nicht mehr Deutsche sein". Darin schreibt die Münchner Jüdin Aralk (Pseudonym): "Da, als der Zug über die Brücke von Kehl ist, fällt mein Mann mir schreiend und weinend um den Hals. Krampfhaft klammert er sich an mich, und wir weinen und weinen. Erst in Straßburg, als wird das erste Mal Station machten, besinnen wir uns, was mit uns eigentlich geschieht."