Dachau Die Scheu nehmen

Auf dem ersten Dachauer Palliativtag sind sich die Experten und auch die Zuhörer einer abschließenden Podiumsdiskussion einig, dass vor allem die Angehörigen von Sterbenden besser informiert sein müssen

Von Petra Schafflik, Dachau

Wie soll die Gesellschaft umgehen mit den Nöten von schwerstkranken Menschen, die ihrem Leiden ein Ende setzen möchten? Eine Frage, die in den vergangenen Monaten die bundesweite, öffentliche Debatte unter dem Stichwort Sterbehilfe intensiv beschäftigt hat. Auch beim ersten Dachauer Palliativtag, der am vergangenen Samstag als Fachkongress für Mediziner, Pflegekräfte und ehrenamtlichen Hospizbegleiter im Ludwig-Thoma-Haus stattfand, widmete sich eine Podiumsdiskussion den ethischen und rechtlichen Aspekten des ärztlich assistierten Suizids.

Die Teilnehmer waren sich einig, dass es sich um eine Problematik handelt, die in einer zweistündigen Debatte nicht erschöpfend erörtert werden kann. Umso mehr betonten sie die Bedeutung von Veranstaltungen wie dem Palliativtag. Aber auch darüber hinaus müsse die Diskussion weitergehen, so der Berliner Pflegeexperte und Moderator Christian Petzold: "Im Familien- und Freundeskreis sollte diskutiert werden."

Im Gegensatz zur Debatte im Bundestag und den entsprechenden Gesetzesentwürfen, halten die Experten auf dem Podium die aktuelle Rechtslage für klar und ausreichend. "Wir brauchen keine neue gesetzliche Regelung, vor allem keine, die Ärzten die Suizidassistenz zur Aufgabe gibt", sagte Heiner Melching, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP). Dabei sei die Beihilfe zum Suizid, wie Medizinrechtsexperte Wolfgang Putz darlegte, jedermann - ob Arzt oder Laie - bereits jetzt dezidiert erlaubt. Voraussetzung sei, dass der Sterbewillige "frei verantwortlich und wohlerwogen diese Entscheidung trifft". Mediziner dürften, müssten aber nicht beim Suizid unterstützen, so der Rechtsexperte weiter. Dennoch müsse "nicht alles, was erlaubt ist, auch getan werden".

Landrat Stefan Löwl (rechts) unterzeichnet die Palliativ-Charta.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In der Praxis sei er als Hausarzt noch nie in die Situation gekommen, dass ein Patient "gefordert hat, ihm zu helfen", berichtete der in Karlsfeld niedergelassene Ulrich Braun, Vorsitzender des Dachauer Ärzteverbands. Die Palliativmedizin, da war sich Braun mit Gunter Kachel, Chefarzt und Palliativmediziner am Helios-Amperklinikum in Dachau, einig, böte erfolgsversprechende Möglichkeiten, Leiden zu lindern. Bis hin zur palliativen Sedierung, "wenn die Schmerzen anders nicht in den Griff zu bekommen sind", so Kachel.

Menschen, die einen Suizid erwägen, wünschten sich oft nicht zu sterben, sondern wollten nur so nicht mehr weiterleben, ergänzte Moderator Petzold. Mit einer guten palliativen Versorgung verschwinde der Gedanke an die Selbsttötung vielfach, bestätigte Hausarzt Braun. Dennoch, das betonte Palliativmediziner Kachel ausdrücklich, "ist der selbstbestimmte Freitod zu akzeptieren." Auch wenn der erfahrene Mediziner einräumt: "Als Arzt zu helfen, würde mich persönlich überfordern."

Die Expertenrunde auf dem Podium (v. l.): Hans-Ulrich Braun, Wolfgang Putz, Moderator Christian Petzold, Chefarzt Gunther Kachel und Heiner Melching.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Weg von der theoretischen Debatte hin zum Pflegealltag führten Beiträge aus dem Publikum. Denn im Saal saßen fast ausschließlich Teilnehmer der Fachtagung, nur wenige Bürger waren zu der explizit als öffentliche Veranstaltung geplanten Podiumsdiskussion ins Thoma-Haus gekommen. Eine Hospizhelferin berichtete von dem jungen Mann, der an der immer tödlich verlaufenden Nervenerkrankung ALS leidet. Was soll geschehen, wenn dieser Patient beschließt, durch Nahrungsverweigerung seinem Leben ein Ende zu setzen? "Die Autonomie des Patienten ist zu wahren, niemand wird gegen seinen Willen behandelt oder ernährt", sagte Chefarzt Kachel. Von einer krebskranken Patientin erzählte eindringlich die Leiterin eines ambulanten Pflegedienstes. Die Frau leide furchtbar und müsse zusehen, "wie ihr Unterleib langsam verfault." Immer wieder erlebten Pfleger und Ärzte doch derartige aussichtslose Fälle, "da hilft die beste Palliativversorgung nichts". Diese Menschen müssten das Recht haben, den Wunsch nach Unterstützung beim Suizid zu äußern. "Es geht nicht um unser Befinden", sagte die Pflegedienstleiterin unter dem Applaus des Publikums. "Es geht um die Menschen, die unserer Hilfe bedürfen." Aber wie diese Unterstützung geben? Auch als Krankenschwester wüsste sie nicht, "wie ich es hinbekomme, ohne mich strafbar zu machen", sagte eine Teilnehmerin.

Laien hätten doch erst recht keinen Zugang zum "gnädigen Medikament", ergänzte eine andere Zuhörerin. Viel häufiger als der Wunsch nach Hilfe beim Suizid seien im Pflegealltag Situationen, wo Todkranke gegen ihren ausdrücklichen Willen behandelt werden, weil Angehörige die Verfügungen der Leidenden nicht vertreten und durchsetzen, betonte Jurist Putz. Familien blieben untätig, weil diese Fragen die Angehörigen überforderten, so eine Zuhörerin. "Die Unsicherheit ist enorm, die Verantwortung zu schwer." Auf dem Palliativtag unterzeichneten Vertreter der Ärzte und der Politik die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen: so Ulrich Braun, Vorsitzender des Dachauer Ärzteverbands, Landrat Stefan Löwl (CSU) und Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD). Der Dachauer Kreistag setzt sich bekanntlich dafür ein, dass am Klinikum eine eigene Palliativstation eröffnet wird. Die Kreisräte fordern Angebote, welche eine "aktive Sterbehilfe" als unnötig erscheinen lassen. Das Klinikum arbeitet mit dem Dachauer Palliativteam zusammen, das sich um schwerkranke Menschen im Landkreis und auch in Unter- sowie Oberschleißheim kümmert. Ihm gehören Arzt Herbert Michalczyk und fünf festangestellte Pflegekräfte an.

Palliativteam Dachau: Augsburger Straße 39, Information und Beratung: Telefon: 08131/27 49 911.