Unternehmernetzwerk BNI Die Frühstücksshow

Christian Tannek applaudiert, als Schatzmeisterin Susanne Reichl (links) das passende Schild hebt - das Ende einer Unternehmer-Präsentation.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Networking für Frühaufsteher: Unternehmer präsentieren ihre Firma morgens um sieben bei Kaffeeduft. Sie hoffen auf Empfehlungen, die das Geschäft am Laufen halten. Manche warten jahrelang auf eine Mitgliedschaft.

Von Julian Erbersdobler, Dachau

Freitag, halb acht in Dachau. Die Tische sind gedeckt, der Kaffee aufgesetzt. Frischer Omelett-Duft verteilt sich im Raum. Dann passiert es. Eine dunkelhaarige Frau springt sehr dynamisch von ihrem Stuhl auf, wirft sich die dunkle Anwaltsrobe über das Sommerkleid und beginnt mit ihrer Improvisationsnummer. Sie spielt sich selbst und einen Angeklagten, die Geschichte sei so vor dem Gericht passiert, erzählt die Rechtsanwältin hinterher. Es geht um einen Betrunkenen, der ihren rechtlichen Beistand nach einer wilden Spritztour mit dem Auto bitter nötig hatte.

Warum erzählt sie das? Um diese Uhrzeit? Die Antwort heißt BNI (Business Network International) Rhodonit, ein lokales Unternehmernetzwerk, das sich jede Woche um sieben Uhr in den Räumen des ASV Dachau zum Frühstücken und Netzwerken trifft. "Unser Ziel ist mehr Geschäftsvolumen", sagt der Teamdirektor und Optikunternehmer Christian Tannek. Die Philosophie: "Wer gibt, gewinnt." Im Prinzip geht es einfach darum, sich im Netzwerk gegenseitig zu empfehlen und dadurch den Umsatz zu steigern.

Diese Apothekerin wirbt für Behandlung nach Maß. Genau wie die anderen Unternehmer hat auch sie für ihre Präsentation nur eine Minute Zeit.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Mückenschwarm aus einem Marmeladenglas

Die Zahlen sprechen für sich: Eine Woche, 28 Empfehlungen, 98 257 Euro Umsatz allein in diesem Chapter, so nennen sich die lokalen Gruppen. Christian Tannek, Brille, feiner Anzug, ist auch der Mann, der schon um kurz nach sieben den zweiten Tagesordnungspunkt ankündigt: die Vorstellungsrunde - eben jene Zeit, in der die Rechtsanwältin ihre schauspielerische Leidenschaft ausleben kann.

Und damit ist sie an diesem Freitagmorgen nicht allein: Georg Schuhbauer, ein Fachmann für Rollläden und Zubehör, setzt ebenfalls auf eine pfiffige Idee. Er lässt einen Mückenschwarm aus einem Marmeladenglas. Dann präsentiert er seinen Slogan: "Wir lassen Taten stechen, äh, sprechen." Der Unternehmer kennt sich mit Insektengittern aus - und mindestens genauso gut mit dem BNI Rhodonit. Er trägt ein schwarzes Schild mit der Aufschrift "acht Jahre Mitgliedschaft" auf der Brust.

870 Euro Jahresbeitrag

Die rund 30 Frühaufsteher johlen nach seiner Vorstellung, die Show zieht - gerade weil jeder nur eine Minute Zeit hat, sich in Szene zu setzen. Und das können nicht alle. Genauso ist das mit der Teilnahme. "Aus jeder Branche darf nur ein Unternehmer pro Team am Frühstück dabei sein", sagt Medienkoordinator Thomas Roßmann, der selbst drei Jahre auf einen Platz im Dachauer Chapter wartete. Dafür müsse man sich bewerben, erzählt er. "Ein Mitgliederausschuss entscheidet dann, ob die Aufnahme ins Netzwerk Sinn macht." Kriterien? Einige Referenzen, Zuverlässigkeit, regelmäßige Anwesenheit und das Bezahlen der Gebühren: 150 Euro zur Aufnahme, 870 Euro Jahresbeitrag.

Und damit ist es noch nicht getan. "Jedes Jahr muss man sich neu für den Platz im 30-köpfigen Netzwerk bewerben", erklärt Roßmann. Ob man sich dadurch ein wenig unter Druck gesetzt fühlt? Anstrengend sei das schon, am Ende komme einem das aber als Unternehmer selbst zugute, sagt er. Obwohl Roßmann noch nicht lange dabei sei, funktioniere das System für ihn. Weltweit netzwerken bei BNI rund 175 000 aktive Mitglieder in mehr als 6000 Teams. Im Internet wird das Unternehmen immer wieder mit einer Sekte verglichen. Christian Tannek geht damit humorvoll um: "Für mich ist BNI schlimmer als eine Sekte. In eine Sekte kommt man schnell rein, aber nur schwer wieder heraus." In diese Gruppe komme man schwer rein, aber jederzeit wieder raus, sagt er. "Wer seine Hausaufgaben macht, bleibt auch drinnen."

Rhodie heißt der netzwerkinterne Oscar

Wie so oft kommt das Konzept aus den USA - die Spielregeln lassen sich allerdings auch anpassen. Im BNI Rhodonit darf die Vorstellung jedes Unternehmers nicht länger als eine Minute dauern. Als ein Teilnehmer die Zeit bei seiner Präsentation fast überschreitet, ermahnt ihn ein Schild, dass er nur noch zehn Sekunden sprechen darf. "Wer länger als eine Minute braucht, wird mit einem warmen Applaus darauf hingewiesen", sagt Tannek. Und es gibt eine weitere Tradition: den Rhodie. Das ist der netzwerkinterne Oscar für die beste Präsentation, ein in Glas eingelassener Rhodonit-Kristall. Damit wäre auch der Name des Teams geklärt. Umliegende Netzwerke nennen sich Opal oder Bergkristall, andere Chapter geben sich Tiernamen.

Es ist kurz nach acht, als eine kleine braune Schatztruhe die Runde macht - für Zettel mit Empfehlungen und Umsatz-Danksagungen. Irgendwoher müssen die 98 257 Euro Umsatz ja kommen. Und auch hier gibt es einen Brauch: "Ab drei Empfehlungen wird applaudiert, bei fünf gibt es Standing Ovations und wer neun schafft, bekommt eine La-Ola-Welle", erläutert Christian Tannek. Nur einmal erheben sich die Unternehmer an diesem Morgen, um Beifall zu klatschen. Das muss an diesem Freitag reichen. Schließlich geht der Arbeitstag für alle jetzt erst richtig los. Dann können sie sich eine Woche lang erholen, bis zum nächsten Freitag, wenn es auch da wieder heißt: Der frühe Vogel fängt den Wurm.