Dachau Der zweite Besuch

Bei der zweitägigen Antrittsvisite in München besichtigen der neue US-Botschafter John B. Emerson und seine Frau die KZ-Gedenkstätte Dachau - und gedenken nicht nur der Opfer.

Von Viktoria Großmann

Es war der erste offizielle Besuch eines amerikanischen Botschafters in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Für die Privatperson John B. Emerson und seine Frau war es jedoch bereits der zweite. Emerson, der erst am 15. August nach Berlin gezogen ist, um sein neues Amt anzutreten, hatte das ehemalige Konzentrationslager bereits 1975 als Student besichtigt.

Emerson war mit seiner Frau Kimberly Marteau Emerson am Mittwoch zu einem zweitägigen Antrittsbesuch nach München gekommen. Zwar traf er Ministerpräsident Horst Seehofer nur zwischen Tür und Angel am Flughafen, jedoch konnte er nach Aussage seiner Begleiter jede Menge anderer diplomatischer Termine wahrnehmen und war schließlich auch zu Gast auf dem Oktoberfest. Nur zufällig aber am selben Tag wie Oberbürgermeister Peter Bürgel, der dem Botschafter beim Empfang im Rathaus auf die Sprünge hilft, als der sich zu erinnern versucht, welches Zelt es war. "Käfer?" - "Ja, genau. Käfer!"

Emerson spricht etwas deutsch. Wie er selbst immer wieder sagt und schreibt, hat er es nur gelernt, weil er verstehen wollte, was der Vater mit der Großmutter spricht. Sie war aus Norddeutschland nach Amerika ausgewandert. Seine Frau Kimberly hat neben ihren französischen ebenfalls deutsche Vorfahren. Während ihrer Zeit in Deutschland wollen die beiden ihren Familien nachspüren.

Nachdem das Botschafterehepaar den Ausblick vom Dachauer Rathaus gelobt und Peter Bürgels Kunstsammlung im Bürgermeisterbüro bewundert hat, nehmen sie sich nach dem Mittagessen fast eine und eine halbe Stunde Zeit, die Gedenkstätte zu besichtigen. Ab und zu erinnern die Mitarbeiter an den nächsten Termin; Emerson und seine Frau hören jedoch mit ungeteilter Aufmerksamkeit den Erklärungen des Historikers Dirk Riedel zu. Fragen nach, bleiben stehen. Irgendwann vertieft sich selbst das stets wachsame Sicherheitspersonal in die Berichte der KZ-Insassen auf den Museumstafeln. Was aus dem und jenem Arzt geworden sei, der für einen der grausamen medizinischen Versuche verantwortlich gewesen ist, will Emerson wissen. Ob die Öffentlichkeit von diesen medizinischen Versuchen gewusst habe.

Schließlich bleibt er vor Farbfilmaufnahmen aus der Zeit der Befreiung des Lagers im April 1945 stehen. Die Aufnahmen hat George Stevens gemacht, der bereits vor seiner Zeit in der US-Army mit seinen Spielfilmen in Hollywood zu großem Ruhm gelangt war. "Sein Sohn ist ein enger Freund von uns", sagt Emerson. Zuletzt lebten das Ehepaar und seine drei Töchter in Beverly Hills. Kimberly Marteau Emerson arbeitete vor ihrer politischen Laufbahn in der Filmbranche; eine der Töchter, Jacqueline, singt und dreht Filme, unter anderem spielte sie in der Science-Fiction Produktion "The Hunger Games" mit.

John und Kimberly Emerson, beide Juristen, arbeiteten bereits für Präsident Bill Clinton und waren erfolgreiche Spendensammler in der Kampagne für Barack Obama - wohl ein Grund, warum die Wahl auf Emerson fiel, als es galt, einen Nachfolger für Philip D. Murphy zu finden, der zuvor vier Jahre lang Botschafter in Berlin gewesen war.

"Es hat sich viel verändert hier", sagt Emerson, als er über den Appellplatz auf dem Gelände der Gedenkstätte geht. Nicht nur äußerlich. Die Gedenkstätte zu besuchen scheint ein fester Bestandteil der Schulausbildung der Jugendlichen geworden zu sein, stellt er fest. Dachau sei ein Name mit dem er, 1954 geboren, bereits als Schulkind vertraut gewesen sein. Als das erste und - wie man ihm bei der Führung in Erinnerung gerufen habe - Modell für spätere Konzentrationslager habe es seine besondere Bedeutung als Mahnmal an die Verbrechen, die Menschen an anderen begangen haben. Doch nicht allein den Opfern habe er Tribut zollen wollen. Sondern auch jenen, die das immerwährende Gedenken möglich machten, durch Forschen, Erhalten, Bewahren, Öffnen und Zugänglichmachen von Verbrechensorten wie dem ehemaligen Konzentrationslager Dachau, das nicht zuletzt deshalb für den Amerikaner so bedeutend ist, weil die Insassen am 29. April 1945 von US-Truppen befreit wurden. Mehr als 30 000 todkranke, bis auf die Knochen abgemagerte Menschen drängten sich damals in den für 6000 Menschen ausgelegten Baracken. Die Amerikaner blieben bis in die siebziger Jahre in Dachau und nutzten das Gelände zum Teil für militärische Zwecke weiter.

John B. Emerson hat nun seinen vielleicht bedrückendsten Besuch in Bayern hinter sich. Seine nächsten stehen sehr bald bevor und versprechen, angenehmer zu werden. Noch dreimal will er in diesem Jahr nach Bayern kommen. Er wird dienstlich Franken und die Oberpfalz besuchen; zwischen den Jahren will er mit seinen drei Töchtern zum Skifahren nach Garmisch kommen. Seine Zwillinge spielen außerdem Fußball, also steht auch der nächste Besuch in München schon fest: Dann geht es in die Allianz-Arena.