Dachau Der vergessene Garten

KZ-Häftlinge schufteten im mörderischen Arbeitskommando "Plantage" für Himmlers Bioladen. Heute verfallen die Gebäude und Gewächshäuser. "Zum Beispiel Dachau" will mit einer Ausstellung die Bedeutung des Orts sichtbar machen.

Von Helmut Zeller

Die Gewächshäuser, in denen Häftlingkommandos Kräuter und Blumen ziehen mussten, verfallen völlig.

Es war ein schönes Leben in Dachau - für die SS und ihre Familien. Den Brautstrauß für seine 21-jährige Verlobte Lisa ließ Martin Weiß, Kommandant des Konzentrationslagers Dachau, im benachbarten "Kräutergarten" mit seinen Gladiolenfeldern binden, als er Ostern 1943 zum zweiten Mal heiratete. Auch sonst bedienten sich SS-Offiziere gerne aus Himmlers Bioladen. Oswald Pohl, Chef des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, schleppte körbeweise Honig und Pfeffer in seine Berliner Wohnung. Der General der Waffen-SS freute sich auf ein paar entspannende Tage in seiner Ferienwohnung auf dem 200 Hektar großen Gelände und ging im Wildpark auf die Jagd. Das Wirtschaftsunternehmen Kräutergarten entwickelte sich zum Vorzeigeprojekt im Deutschen Reich. Für die Sklavenarbeiter war der Einsatz im Kräutergarten, wie die SS das Arbeitskommando beschönigend nannte, mörderisch: Zwischen 1939 und 1945 starben mehr als 800 Häftlinge - sie erlagen den Folgen der brutalen Zwangsarbeit oder wurden erschossen und zu Tode geprügelt.

Das alles ist in der neuen Ausstellung des Zeitgeschichtsvereins "Zum Beispiel Dachau" zu erfahren: "Vom Kräutergarten zum Schwarzen Graben" erzählt die Geschichte des von Pohl gegründeten SS-Unternehmens "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung" (DVA) - ein Lieblingsprojekt des "Reichsführers SS" Heinrich Himmler. Auf dem Gelände jenseits der heutigen Alten Römerstraße wurden riesige Felder mit Gladiolen und Primeln angelegt, aus denen Vitamin C gewonnen wurde. Die Häftlinge zogen Heilkräuter und produzierten in einer Gewürzmühle einen Pfefferersatz. Das erklärte Ziel: Das Deutsche Reich sollte unabhängig werden vom Import ausländischer Medikamente und Gewürze. Alle Produkte wurden in biologisch-dynamischer Anbauweise hergestellt.

Von 1939 an entstanden Gewürzmühlen, Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude, fünf Gewächshäuser und ein Forschungsinstitut. Die Häftlinge in den Arbeitskommandos, zumeist Juden und Roma und Sinti, wurden von brutalen Kapos malträtiert und mussten ohne Maschinen das Land urbar machen. Der tschechische Häftling Karel Kašák schreibt in seinem Tagebuch von April und Mai 1941, dass die SS-Posten täglich Häftlinge erschossen. In den Sommermonaten 1942 arbeiteten ungefähr 1500 Häftlinge auf der "Plantage", wie sie das Kommando nannten. Die Arbeit der eingesetzten KZ-Häftlinge kostete fast nichts. 30 Pfennig pro Kopf und Tag bezahlte Betriebsleiter Emil Vogt der SS im Lager, wie der Vereinsvorsitzende Karl Hönle erklärt. Etwas besser ging es den Männern, die unter Dach arbeiteten. Ein Malerkommando, dem auch Karel Kašák angehörte, sollte für Himmler ein Pflanzenherbarium anfertigen.

Der "Kräutergarten" war auch ein Ort des Widerstands. Häftlinge dokumentierten in Zeichnungen und in Notizbüchern die Verbrechen der SS. Der Verkaufsladen, in dem Bewohner Dachaus und der Nachbargemeinden einkauften, stellte manchen Kontakt zur Außenwelt her. Maria Seidenberger aus Hebertshausen schmuggelte für Kašák Briefe und Fotos nach Prag. Sie wurde 2005 von der Stadt Dachau mit dem Zivilcourage-Preis geehrt. Auf Himmlers Anordnung hin wurden von April 1942 vor allem Priester zur Arbeit eingesetzt. Über den Laden schmuggelten sie Medikamente, Messwein und Hostien ins KZ. Die Häftlinge betrieben unter Lebensgefahr eine Funkanlage und verbreiteten Nachrichten der Alliierten im Lager.

Der Verein "Zum Beispiel Dachau" stößt mit seiner Ausstellung in die aktuelle Diskussion über die Erhaltung des "Kräutergartens". Nach Kriegsende wurde der Betrieb unter dem Namen "Deutsche Versuchsanstalt" weitergeführt und im April 1949 aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt. Die Stadt Dachau erwarb das Areal 1957 vom Freistaat Bayern und errichtete in den Achtzigerjahren das Gewerbegebiet Schwarzer Graben darauf. Erhalten blieben originale Bauten: das Wirtschaftsgebäude, drei Gewächshäuser, deren Kopfbau sowie das Verwaltungsgebäude, in dem die Stadt Obdachlose untergebracht hat. Das Gebäude des ehemaligen Lehr- und Forschungsinstituts wurde Sitz einer Abfallfirma und erlitt massive Eingriffe in die denkmalgeschützte Bausubstanz.

Im Sommer 2013 beschloss die Stadt den Ausbau der Obdachlosenunterkünfte für anerkannte Asylsuchende, die das Barackenlager an der Kufsteiner Straße verlassen müssen. Sie finden auf dem freien Markt in der Regel keine Wohnung. Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) versicherte, dass der Ausbau jederzeit rückgängig gemacht werden könne. Die Erhaltung des historischen Areals habe Priorität. Karl Hönle zweifelt nicht an seinen Worten, gibt jedoch zu bedenken, dass gerade Provisorien häufig von langer Dauer seien.

Viel Zeit bleibt nicht mehr: Die Gebäude verfallen, die historischen Gewächshäuser brechen bald zusammen. Jahrzehntelang war der "Kräutergarten" aus dem Blick verschwunden - weder Freistaat noch Stadt noch KZ-Gedenkstätte kümmerten sich darum. Die Erhaltung setzt ein Nutzungskonzept voraus. Das hat Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann schon skizziert. Und sie organisierte eine wissenschaftliche Tagung zur Zukunft des historischen Orts. Eine Machbarkeitsstudie wäre der nächste Schritt - aber die entscheidende Frage ist die Finanzierung. Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten will am 29. Januar darüber beraten. Für nicht minder wichtig hält Karl Hönle, wie er sagt, die Aufklärung über die zeitgeschichtliche Bedeutung des "Kräutergartens": "Das muss man ins Bewusstsein bringen." In diesem Sinne war der Verein schon 2013 am Denkmaltag aktiv - mit einem überraschenden Ergebnis. An einer Führung nahmen mehr als 150 Besucher teil. Der vergessene Ort wird in die Erinnerung zurückgeholt.

Der Verein "Zum Beispiel Dachau" will dazu einen Beitrag leisten mit einer weiteren Ausstellung über die Nachkriegsgeschichte des "Kräutergartens", die wissenschaftlich noch nicht umfassend erforscht wurde. Auch für die Auseinandersetzung mit dem Umgang Dachaus mit der NS-Geschichte spielt der Ort eine Rolle. Vor allem aber ist er ein - zum Teil - noch erhaltener authentischer Ort des Leidens und Sterbens von KZ-Häftlingen für das Wirtschaftsimperium der SS. Die DVA umfasste ungefähr 16 größere Anwesen, wie Hönle sagt. Alle bis auf das in Dachau sind verschwunden.

Die Ausstellung "Vom 'Kräutergarten' zum Schwarzen Graben" im Thiemann-Gewölbe des Thoma-Hauses in der Augsburger Straße 23 läuft vom 24. Januar bis 9. Februar. Vor der Eröffnung spricht am 23. Januar der Historiker Christoph Kopke um 19 Uhr in der Kultur-Schranne in der Altstadt über das Thema: "Der Sklavengarten Himmlers". Ein weiterer Vortrag folgt am 3. Februar (19 Uhr) in der Schranne: Architekt Axel Will erläutert die Möglichkeiten zur Erhaltung des historischen Gebäudeensembles. Der Verein "Zum Beispiel Dachau" bietet zwei Führungen durch die Ausstellung an: am 29. Januar und 5. Februar um jeweils 17 Uhr. Außerdem zwei Führungen durch den "Kräutergarten" selbst: am 1. Februar um 14 und am 4. Februar um 17 Uhr. Treffpunkt ist Am Kräutergarten 4.