70 Jahre danach Der Tag der Überlebenden

Den roten Winkel trugen die politischen Gefangenen im Konzentrationslager, aber auch Geistliche und ausländische Häftlinge.

(Foto: Stefan Salger)

138 ehemalige Häftlinge aus 20 Ländern, 1000 Pilger aus Polen - und erstmals ein deutscher Regierungschef. Kanzlerin Merkel spricht auf der zentralen Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau.

Von Helmut Zeller, Dachau

Alles dreht sich um Merkel. So fasst ein KZ-Überlebender die intensiven Vorbesprechungen im Comité International de Dachau (CID) zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau nicht ohne eine Spur von Ironie zusammen. Die Freude über den Besuch der Bundeskanzlerin überwiegt jedoch bei den Überlebenden. Merkel wird bei der zentralen Gedenkfeier am 3. Mai in der KZ-Gedenkstätte eine Rede halten - ungefähr 2000 Besucher werden erwartet. Schließlich ist es das erste Mal seit 50 Jahren, so alt ist die Gedenkstätte, dass ein deutscher Regierungschef teilnimmt. Das Dachau-Komitee wertet das als ein Versprechen auf die Zukunft der Erinnerung in Deutschland, wie CID-Präsident Pieter Dietz de Loos sagt. 128 Überlebende aus ganz Europa, den USA und Israel kommen mit ihren Angehörigen nach Dachau. Schon am 29. April kommen etwa 1000 Pilger aus Polen, darunter viele Bischöfe und Priester. Kardinal Reinhard Marx und Stanislaw Gadecki, Vorsitzender der Polnischen Bischofskonferenz, leiten eine Eucharistiefeier in der Gedenkstätte. Im KZ Dachau waren 40 000 Polen gefangen.

Die Besucher betreten durch die Eisentür mit der zynischen Aufschrift "Arbeit macht frei" den früheren Appellplatz - bis dahin wird die im November 2014 gestohlene Tür durch eine originalgetreue Rekonstruktion ersetzt sein. Der Diebstahl hatte weltweit Empörung ausgelöst. Karl Freller, Direktor der Stiftung der Bayerischen Gedenkstätten, erklärt: "Die ehemaligen Häftlinge wollen, dass das zentrale Symbol ihres Leids, Aufschrift und Tür, für die Besucher sichtbar ist." Dafür hatte das CID gestimmt - gegen wissenschaftliche Bedenken um die Authentizität des Gedenkorts.

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte, empfindet den Besuch so vieler Überlebender als das "größte Geschenk" an diesem Tag, auch wenn man sich natürlich über Merkels Auftritt freue. Die Kanzlerin ist nicht der einzige prominente Gast: Zugesagt haben auch der belgische Premier Charles Michel sowie Mitglieder des niederländischen Parlaments und eine ganze Reihe von Botschaftern. Alan Lukens, ehemaliger US-Botschafter, war Soldat der 42nd Rainbow Division, die das KZ am 29. April 1945 befreite. Neun weitere Veteranen reisen aus den USA an. Die Überlebenden sollen im Mittelpunkt stehen, wie Hammermann sagte. Deshalb werden am Sonntag auch drei auf dem ehemaligen Appellplatz sprechen: Vladimir Feierabend aus Tschechien, Jean Samuel aus Frankreich und Abba Naor aus Israel. Davor spricht Max Mannheimer, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau und CID-Vizepräsident, vor dem ehemaligen Krematorium. Der Landtagsabgeordnete Karl Freller (CSU) verbindet vor allem einen Wunsch mit der Gedenkfeier: "Ich möchte, dass die KZ-Überlebenden und ihre Angehörigen die Gewissheit mitnehmen, dass ihr Leid und der Tod ihrer Leidensgefährten in Deutschland nicht vergessen wird." So viele der hochbetagten Überlebenden werden an einer Gedenkfeier nicht mehr teilnehmen können.

Zwischen 1933 und 1945 waren im Stammlager und seinen 140 Außenlagern mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa gefangen, 41 500 überlebten den Terror nicht. Das Lager diente als Modell für alle anderen Konzentrations- und Vernichtungslager. In Dachau lernte das SS-Wachpersonal - darunter Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß - Menschenverachtung und Morden. Das KZ war ein Lager für politische Gegner des Hitlerregimes und Widerstandskämpfer aus ganz Europa. Im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion wurde Dachau zur Mordstätte für mehr als 4000 gefangene Rotarmisten.

Dachau war auch ein Schauplatz des Völkermords an den europäischen Juden. Schon nach dem Novemberpogrom 1938 wurden deutsche und österreichische Juden ins KZ verschleppt. Von 1944 an deportierten die Nationalsozialisten Juden aus Auschwitz und Ghettos in Osteuropa zur Zwangsarbeit und Vernichtung in die KZ-Außenlager. Darüber wird der Israeli Abba Naor sprechen, der das Ghetto Kaunas in Litauen und zwei Dachauer Außenlager bei Landsberg überlebte. Jean Samuel und Vladimir Feierabend waren politische Häftlinge.

Karl Freller, Pieter Dietz de Loos und Gabriele Hammermann begrüßen die Besucher. Dann folgen Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Angela Merkel, die von Freller nach Dachau geholt wurde. Für die Sicherheit der Kanzlerin treffen Beamte des Bundeskriminalamts schon seit Wochen Vorkehrungen. Die KZ-Gedenkstätte empfiehlt Touristen, am 3. Mai die Gedenkstätte nicht zu besuchen, da alle historischen und rekonstruierten Gebäude gesperrt sind. Es ist nicht der erste Besuch der Kanzlerin in Dachau. Merkel traf im Wahlkampf 2013 mit Überlebenden zusammen. Danach lud sie Vertreter des Dachau-Komitees nach Berlin ein. Schon als junge Politikerin besuchte sie in den 1990er Jahren die Internationale Jugendbegegnung.

Für alle, die keinen Platz im Zelt finden, werden die Reden live übertragen - auch die Kurzfassung einer szenischen Lesung von Schülern des Gymnasiums Herzogenaurach und der Bavarian International School in Haimhausen. Die Lesung stellt auch Bezüge zur Gegenwart her, wie Hammermann erklärt. Die Vorbereitungen verlangen größte Anstrengungen ab: 50 Mitarbeiter des Münchenstifts sowie weitere 70 Freiwillige helfen bei der Betreuung der Überlebenden.

Im Umfeld des 70. Jahrestags finden viele Veranstaltungen statt - etwa eine Ausstellung der Stadt Dachau über den Aufstand am 28. April 1945. Pfarrer Björn Mensing von der evangelischen Versöhnungskirche organisiert für den 26. April einen Stationenweg entlang der Todesmarsch-Route von Dachau. Die Gedenkfeier am Sonntag wird vom BR live übertragen. Es kommen Delegationen aus den Partnerstädten Dachaus, Klagenfurt und Fondi, sowie Bürgermeister Jean Paul Gebben aus Renkum, Stadträte aus Oświęcim und Bürgermeister Philippe Lacroix aus Oradour, ehemals Schauplatz eines SS-Massakers.

Wie schon seit vielen Jahren hat der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung wieder Überlebende aus Osteuropa eingeladen. Aus der Ukraine, Russland und Weißrussland kehren zehn, einige zum ersten Mal, an den Ort ihrer schlimmsten Erfahrungen zurück. Leonid Rubinstein, 87 Jahre alt, liegt zurzeit im Krankenhaus in Minsk. Er will aber, wie er der SZ sagt, unbedingt kommen. "Seit der Befreiung im April 1945 suche ich die Antwort auf die Frage nach dem Warum."

Freller sagt dazu: "Ich verneige mich vor der menschlichen Größe der Überlebenden." Uns bleibt die Pflicht, so Freller, Demokratie und Freiheit zu verteidigen. Das ist der Appell, der am 3. Mai von Dachau ausgeht.