Dachau Der Retter

Ohne Stanislav Zámecnik hätten viele KZ-Häftlinge nicht überlebt. Jetzt bekommt er den Zivilcouragepreis der Stadt Dachau

Von Helmut Zeller

Die Stadt Dachau verleiht ihren Zivilcourage-Preis erstmals an einen ehemaligen KZ-Häftling: Der Tscheche Stanislav Zámecnik war erst 17 Jahre alt, als er von deutschen Truppen verhaftet und schließlich 1941 in das Konzentrationslager verschleppt wurde. Der Historiker Zámecnik, der in Prag lebt, hat in maßgeblicher Weise beim Aufbau der KZ-Gedenkstätte gewirkt. Im Jahr 2000 legte er die Monographie "Das war Dachau" vor. Der Preis gilt aber vor allem einem Mann, der mit beispiellosem Mut andere Häftlinge rettete. Die Nachricht von der Auszeichnung erreichte Stanislav Zámecnik am Mittwoch in einem Prager Krankenhaus.

Stanislav Zámecnik wird den mit 5000Euro dotierten Preis am 10. Dezember aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst entgegen nehmen können. Seine Frau und weitere Familienangehörige wollen aber nach Dachau kommen. Max Mannheimer, Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees (CID), hatte Zámecnik vorgeschlagen. Die Jury, bestehend aus dem Historiker Wolfgang Benz, der Historikerin und Filmemacherin Sybille Krafft und dem Dachauer Künstler und Kurator Martin Schmidl, folgte dem Vorschlag Mannheimers. Der Stadtrat stimmte am Dienstag zu.

Der Zivilcourage-Preis wurde von der Stadt 2005 gestiftet und wird im zweijährigen Turnus ausgelobt. Mit der Auszeichnung, sagt Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU), solle das Vermächtnis der KZ-Opfer und des vielfältigen Widerstandes gegen das NS-Regime lebendig erhalten werden. "Im Wissen um die Schreckensgeschichte, die mit dem Namen der Stadt Dachau verbunden wird, soll dieser Preis ein Zeichen setzen gegen das Wegsehen, das Schweigen, die Gleichgültigkeit." Geehrt werden Personen, "die sich mit Mut, Phantasie und Engagement für die Rechte von Verfolgten und diskriminierten Minderheiten eingesetzt haben".

"Stanislav ist ein wirklich mutiger Mann, der den Begriff Zivilcourage geradezu verkörpert", sagte Mannheimer der SZ. Der 1922 in Mähren geborene Zámecnik wurde nach der Besetzung seiner Heimat durch die Wehrmacht verhaftet, im Februar 1941 dann ins KZ Dachau deportiert. Als Pfleger im Krankenrevier beschaffte er heimlich Medikamente und tat ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben alles, um Häftlinge zu retten. Zum Beispiel verdankten ihm der spätere Stettiner Erzbischof Kazimierz Majdanski oder der niederländische Widerstandskämpfer Carel Steensma ihr Überleben. Zámecnik versteckte Steensma, dem ein Bein amputiert worden war, bei allen Selektionen durch SS-Ärzte. So hielt er ihn vom Herbst 1944 bis zur Befreiung durch US-Truppen am 29. April 1945 am Leben. Stanislav Zámecnik engagierte sich besonders intensiv für die Erinnerung an die Naziverbrechen. Bis 1968 war er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des CID, das 1965 die Gedenkstätte durchgesetzt hatte. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings erhielt er Berufsverbot. Aber er setzte seine historischen Forschungen geheim fort. 2000 beendete er das Standardwerk zur Geschichte des KZ Dachau, das in deutscher, englischer, französischer und tschechischer Sprache erschien. Auch an der Konzeption der neuen Dauerausstellung und dem kürzlich vorgestellten Totenbuch wirkte er maßgeblich mit.

Die bisherigen Preisträger sind Maria Seidenberger, die als junges Mädchen Briefe und Fotografien von KZ-Häftlingen geschmuggelt hatte, die Widerstandskämpferin Lina Haag und die holländische Jüdin und Widerstandskämpferin Mirijam Ohringer.