Präsident des Comité International Dachau Der Diplomat

Thomas ist Sohn eines Widerstandskämpfers.

(Foto: Toni Heigl)

Jean-Michel Thomas ist seit einem Jahr Vorsitzender des Dachau-Komitees. Er schlägt versöhnliche Töne an

Von Viktoria Großmann

Das erste Mal an die Öffentlichkeit trat Jean-Michel Thomas im ersten Jahr seiner Amtszeit als Präsident des Comité International Dachau (CID) wegen eines Smartphonespiels. Bei "Ingress" tragen die Mitspieler virtuelle Kämpfe auf einer realen Landkarte aus - so auch an Gedenkstätten in Deutschland und Polen. Es war der 66 Jahre alte ehemalige General der französischen Armee, der im Sommer 2015 ein klares "Verbot dieser Schändung" forderte. Die Entwickler des Spiels hatten danach die Löschung der Spielorte angekündigt.

Thomas ist ein höflicher, zurückhaltender Mann, der gut Deutsch und Englisch spricht, aber dennoch behauptet, beides eigentlich nicht zu verstehen. Sein Vater Jean Thomas war im Zweiten Weltkrieg zweimal aus Kriegsgefangenschaft geflohen, schloss sich 1942 der Résistance an und wurde im Juli 1944 mit seinem Kameraden André Delpech ins KZ Dachau deportiert. Delpech ist als CID-Präsident der Vorvorgänger von Jean-Michel Thomas. Dessen Vater ist heute 96 Jahre alt. Nachdem er anfangs kaum über seine Erlebnisse im Krieg hatte sprechen wollen, hat er seine Erinnerungen vor einigen Jahren als Buch herausgegeben.

Sein Sohn kam Mitte der Siebzigerjahre im Dienst der Armee nach Donaueschingen, drei seiner fünf Kinder sind in Deutschland geboren. Erst in den Achtzigern besuchte er gemeinsam mit seinem Vater Dachau. Für ihn ist es eine Ehrensache, sich freiwillig in den Dienst der Erinnerungsarbeit zu stellen. Seine Frau unterstützt ihn dabei. Thomas, der im Juni 2015 den Niederländer Pieter Dietz de Loos nach zehnjähriger Amtszeit ablöste, legt großen Wert auf versöhnliche Töne. Dietz de Loos, Sohn eines politischen Häftlings, hatte in einer Rede während der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung den Zorn einiger Überlebender auf sich gezogen, weil er aus ihrer Sicht die Erinnerung an die politischen Gefangenen gegenüber anderen Opfern zu stark betont hatte. Thomas sagt: "Ich mache keinen Unterschied zwischen den Opfern." Für ihn gebe es keine Konkurrenz unter den Gruppen. "Ich habe meine Aufgabe durch den Willen der Überlebenden", sagt Thomas und er möchte für sie alle sprechen.

Auch in der aktuellen Diskussion um den Zustand der Gedenkstätte und die Frage, wie zeitgemäß die Ausstellung ist, gibt sich der Franzose, der in Rouen in der Normandie lebt, diplomatisch: "Man kann immer etwas verbessern." Anregungen seien wichtig. Er betont seinen Respekt für die Arbeit der vielen Freiwilligen, welche sich in der Erinnerungsarbeit engagieren. Das Interesse der vielen Besucher zeige, dass die Gedenkstätte vieles richtig mache. Lautstarke Forderungen auszusprechen ist nicht Thomas' Stil. Es ist ihm ein Anliegen, dass der sogenannte Kräutergarten, ein Ort schwerster Zwangsarbeit, Teil der Gedenkstätte wird. Dazu werde natürlich Geld benötigt. Auch die finanzielle Ausstattung des Obersalzbergs findet er im Vergleich mit den Mitteln der Gedenkstätten unangemessen. Gleichzeitig möchte er der Erhaltung von Hitlers Urlaubsdomizil bei Berchtesgaden die Berechtigung nicht absprechen. Wichtig ist es ihm, die Geschichte korrekt darzustellen, vor Vereinnahmung und Verfälschung zu schützen und für die Nachgeborenen umfassend darzustellen. Falschen Behauptungen über den Holocaust und Verharmlosungen tritt er vehement entgegen - und auch das ausnahmslos im Namen aller Opfer.