Dachau Den Blick erweitern

Bernhard Schoßig war der erste Leiter des Jugendgästehauses in Dachau. Er engagiert sich außerdem als wissenschaftlicher Geschichtsforscher.

(Foto: Toni Heigl)

Bernhard Schoßig plädiert für die Erforschung der Dachauer Kunstgeschichte während der NS-Zeit, welche Häftlinge einbezieht

Von Wolfgang Eitler, Dachau

Maria Langer-Schöller hatte für die NS-Kulturgemeinde in Aichach einen Tischständer geschaffen, in den sie NS-Motive einband. Die Künstlerin, der das Museum Altomünster gerade eine Retrospektive widmet, war, wie Kuratorin Jutta Mannes im Interview mit der SZ Dachau ausführt, eine typische Mitläuferin. Aber die Matisse-Schülerin bereute ihre Mitgliedschaft: Denn jahrelang musste sie sich dagegen juristisch wehren, dass ihre psychisch erkrankte Tochter Esther zwangssterilisiert wurde.

Die Künstlerin erwähnt Bernhard Schoßig in dem Vortrag: "Kunst und Künstler in Dachau während der NS-Zeit - eine Spurensuche." Der erste und ehemalige Leiter des Jugendgästehauses beschäftigt sich auch nach seinem Weggang intensiv mit der Zeitgeschichte dieser Stadt. Schoßig ist Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Das Wort "Spurensuche" ist angemessen, weil das Thema noch völlig unerforscht ist. Gleichzeitig ist es von eminenter Bedeutung. Dazu müsste das künstlerische Leben damals seiner Ansicht nach in eine Analyse "der Alltags- und Sozialgeschichte" von Stadt und Landkreis während dieser Zeit eingebunden sein, die es bis heute nicht gibt. Bisher werde die Kunstgeschichte als ein "Narrativ" dargeboten, "mit der Tendenz zum sich selbst fortschreibenden Mythos". Brüche und Zäsuren würden nicht zur Kenntnis genommen. Auch die Qualität der während der Nazizeit entstandenen Kunst müsste untersucht werden.

Dazu eröffnet der Historiker und Pädagoge einen völlig anderen und erweiterten Blick auf die Kunst in Dachau. Er bezieht die KZ-Häftlinge mit ein, von denen einige herausragende Talente waren, wie die KZ-Gedenkstätte in den vergangenen Jahren in mehreren Einzelausstellungen dokumentierte, die von der Ethnologin Michaela Haibl kuratiert wurden. Von 110 Häftlingen ist nach Haibls Recherchen bekannt, "dass sie im Lager in irgendeiner Form bildnerisch tätig waren". Schoßig zitiert die Kuratorin weiter: "Die Zeichnungen waren bildlich gewordene Lebenszeichen, wo andere Briefe und Gedichte schrieben oder ihr Menschsein im sorgfältigen Umgang mit den Mitgefangenen bewiesen."

Zum "Panorama von Kunst und Künstlern" gehört für Schoßig auch die Geschichte von Frauen und Männern, die wegen ihrer jüdischen Herkunft diskriminiert und verfolgt wurden. Johanna Jaffe beispielsweise war lange Jahre Privatsekretärin von Caro Olof und Ely Petersen in der Großen Moosschwaige, dem damals maßgeblichen Zentrum der Kunst in Dachau. Parallel zu Vertreibung und KZ-Inhaftierung wirkten Dachauer Künstler wie Wilhelm Neuhäuser und Adolf Röhring bei der Porzellan-Manufaktur Allach am Rande mit, ein Unternehmen der SS.

Auf den Jugendstilkünstler Walter von Ruckteschell geht Schoßig näher ein, der am 3. Mai 1934 einer Abordnung der Münchner Künstlergenossenschaft angehörte, die Adolf Hitler eine Mappe mit zwölf Handzeichnungen überreichte. NSDAP-Mitglied wurde er erst 1937. Und das nach seiner Niederlage als Organisator der Ausstellung "Münchner Künstler in Berlin" im Jahr 1934. Gauleiter Adolf Wagner ließ zwei Dutzend Werke entfernen, "nachdem sich Ruckteschell den Zensurvorgaben verweigert hatte". Bernhard Schoßig: "Als Offizier und Kriegsteilnehmer erfuhr Ruckteschell vielfältige Anerkennung, aber in der Sicht jüngerer, aktiver Nazis zählte er sicher zu der Generation von gestern. Ob er sich letztendlich angepasst und seinen künstlerischen Anspruch aufgegeben hat, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Dass er nach seinem Soldatentod von der Propaganda vereinnahmt wurde, hat Ruckteschell nicht mehr zu vertreten."

Bernhard Schoßigs Forschungen ergeben eine erste Skizze, eine Art Panorama, wie er selbst sagt, des sogenannten Dachauer Künstlerlebens. Er führt aus: "Wenn man versucht, das öffentliche "Kunstleben" in Dachau zu beschreiben, dann lässt sich ein schon vor 1933 eingespielter traditioneller Jahresablauf erkennen mit einigen Höhepunkten: Künstlerfeste im Fasching, die große Sommerausstellung im Schloss - oftmals verbunden mit einer besonderen Eröffnungsveranstaltung - und die Weihnachtsdult. Viele Dachauer Künstler waren zudem an Ausstellungen in München, zum Beispiel im Glaspalast und nach der Brandkatastrophe von 1931 in der Neuen Pinakothek, im Kunstverein und im Maximilianeum beteiligt. Träger der Veranstaltungen in Dachau war in aller Regel die 1927 gegründete Künstlervereinigung Dachau (KVD), deren Vorsitzender ab 1928 Walter von Ruckteschell und ab 1934 August Kallert war. Auf den ersten Blick sieht es so aus, dass auch nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, die in Dachau wie im übrigen Bayern am 9. März 1933 erfolgte, diese bisherige Praxis nahtlos weitergeführt wurde. Veränderungen sind nur schwer zu erkennen. Am ehesten fällt auf, dass bei Veranstaltungen, zum Beispiel Ausstellungseröffnungen, viele Männer nunmehr in Uniformen erscheinen und damit einen martialischen Gestus in das Kunstambiente einbringen. "

Schoßig diagnostiziert eine "nationalsozialistische Durchdringung der traditionellen Veranstaltungsformen". Exemplarisch führt er die "Festlichkeiten anlässlich der am 15. November 1933 erfolgten Erhebung des Marktes Dachau zur Stadt" an, die im August 1934 begangen wurden. "In dem Spruchkammerverfahren von Syrius Eberle wird von einem Zeugen darauf verwiesen, dass der NSDAP-Kreisleiter Friedrich für die Ausgestaltung vornehmlich die Farbe Rot forderte, während Eberle und Stockmann auch andere Farben, zum Beispiel Weiß-Blau, verwenden wollten." Schoßig: "Wenn man sich die Entwürfe Stockmanns für den Festzug und überlieferte Fotos ansieht, dann wird die Durchdringung deutlich." Nach Syrius Eberle ist eine Stiftung in Dachau benannt.