Dachau Das wichtigste Werk seines Lebens

Im Museum der KZ-Gedenkstätte eröffnet eine lehrreiche und sehenswerte Ausstellung über die Entstehung des Internationalen Mahnmals von Nandor Glid. Sie erzählt auch vom Ringen um das richtige Gedenken

Von Viktoria Großmann, Dachau

Ein schwierigeres Feld als die Erinnerung kann sich ein Künstler kaum wählen. Nandor Glid hat es sich nicht freiwillig ausgesucht: Die Erinnerung an seine in Auschwitz ermordeten Eltern hat den serbischen Bildhauer sein Leben lang begleitet. Sie prägte seine Arbeit, als dessen Hauptwerk das Internationale Mahnmal in der KZ-Gedenkstätte Dachau angesehen werden kann. Eine Ausstellung im Museum der Gedenkstätte gibt nun umfassend Auskunft über die Entscheidungen und die Diskussionen, die schließlich zur Wahl von Glids Entwurf führten. Zugleich erfährt man aus der Ausstellung wie sich das Gedenken über die Jahrzehnte gewandelt hat und welchen Debatten es unterworfen ist. Wie lange es etwa gedauert hat, alle Opfergruppen anzuerkennen. - Wie schwierig die Erinnerung ist, zeigte ein Streit, der zum Ende der Eröffnungsveranstaltung zwischen einem ehemaligen politischen Häftling und den anwesenden jüdischen Überlebenden aufflammte. Nandor Glid, 1924 in Subotica in Nordserbien als Sohn eines jüdischen Metzgers geboren, wurde sowohl wegen seiner Religion als auch wegen seiner Tätigkeit im Widerstand von den Nazis verfolgt. Seine Eltern wurden nach Auschwitz deportiert, er selbst musste im ungarischen Szeged Zwangsarbeit leisten. Sein Cousin Bill Glid war im Dachauer Außenlager Kaufering inhaftiert. Schon als Student der Kunsthochschule in Belgrad schuf Glid nach dem Krieg erste Erinnerungswerke: Zu Ehren der Partisanen, mit denen er selbst gegen die Nationalsozialisten gekämpft hatte. In den Fünfzigerjahren bewarb er sich sowohl bei den Wettbewerben um ein künstlerisches Denkmal für Auschwitz als auch für Dachau. Zu dieser Zeit hatte er sich bereits vom sozialistischen Realismus entfernt und seinen eigenen Stil gefunden, der in Modellen und Fotografien seiner weiteren Werke in der Ausstellung sofort wieder zu erkennen ist.

Während der Ausstellungseröffnung, bei der die Söhne Glids Daniel und Gabriel über das Werk ihres 1997 verstorbenen Vaters Auskunft geben, meldet sich ein Dachau-Überlebender auf Englisch zu Wort. Das Mahnmal bedeute ihm sehr viel, sagt der Mann. Er sehe darin Menschen, die zu Skeletten abgemagert sind. Genauso habe er im April 1945 ausgesehen: 69 Pfund habe er gewogen, vier Monate habe er auf der Krankenstation gepflegt werden müssen. Dann dankt der Mann den amerikanischen Soldaten. Auch einige Befreier der Rainbow-Division sitzen im Saal.

Vom Beschluss des Comité International de Dachau (CID), ein Denkmal in Auftrag zu geben bis zur Einweihung des Internationalen Mahnmals am 8. September 1968 vergingen 13 Jahre. Das allein veranschaulicht den komplizierten Entscheidungsprozess. Die Vorschläge, die auf den Wettbewerbsaufruf 1956 eingingen, überzeugten die international besetzte Jury nicht. Deshalb wurde 1959 ein zweiter Wettbewerb ausgeschrieben. An diesem durften nun auch Künstler teilnehmen, die nicht explizit im KZ Dachau oder seinen Außenlagern gelitten hatten.

Zu sehen sind auch weitere Entwürfe, die in die engere Auswahl gekommen waren. Darunter monumentale, aufragende Stelen, aber auch das sehr modern wirkende Werk von Dušan Džamonja, der im Innenraum seiner begehbaren Skulptur "Verlassene Kathedrale" Angst und Entsetzen spürbar machen wollte - ein Ansatz, der Jahrzehnte später im Jüdischen Museum Berlin mit dem Holocaust-Turm umgesetzt wurde. Das lang gestreckte 14 Meter breite und fünf Meter hohe Werk Glids, das sechs entsetzlich abgemagerte und verrenkte Menschen zwischen Stacheldraht zeigt, entsprach jedoch letztlich am ehesten den Vorstellungen der Jury, da es keine Opfergruppe ausschließt und zugleich als Werk nicht die Sicht im historischen Gelände verstellt. Für Nandor Glid war es, wie sein Sohn Daniel sagte, "das wichtigste Werk seines Lebens".