Dachau Dachau vor Gericht

Kein leichter Stoff: Karen Breece inszeniert die Militärprozesse gegen NS-Verbrecher.

Von Helmut Zeller

Für ihr neues Stück engagiert Karen Breece auch Laiendarsteller.

Dem US-Botschafter in Deutschland, John B. Emerson, gefiel die Idee ausgesprochen gut. Er übernahm die Schirmherrschaft für das Projekt, das zum Theaterereignis des Jahres 2014 in Dachau werden soll: "Dachau//Prozesse" heißt das Stück, das die Regisseurin Karen Breece auf dem Gelände der Bayerischen Bereitschaftspolizei aufführt - im historischen War-Crimes-Branch-Gebäude, in dem sich seit Ende 1945 NS-Verbrecher vor einem amerikanischen Militärgericht verantworten mussten. Der Prozess über die Verbrechen im Konzentrationslager Dachau wurde zum Modell für die folgenden Verfahren. Das Theaterereignis ist, wie Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) sagt, von großer Bedeutung für die Stadt Dachau, die sich heute als Lern- und Erinnerungsort versteht und sich mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzen will.

Die Inszenierung basiert unter anderem auf Protokollen der Dachauer Prozesse von 1945-1948. In dieser Zeit fanden 489 Prozesse gegen 1672 Angeklagte statt. 268 der insgesamt 426 zum Tode Verurteilten wurden im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg am Lech erhängt - wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die zu Haftstrafen Verurteilten verbüßten ihre Strafe in Landsberg. Mit Beginn des Kalten Krieges erlosch das Interesse an einer Strafverfolgung. Bis Ende der fünfziger Jahre waren alle Gefangenen aus der Haft entlassen.

Regisseurin Karen Breece will, wie sie sagt, die Dachauer Prozesse nicht in einem dokumentarischen Theater aufleben lassen. Das experimentelle Theaterprojekt sei auf Partizipation angelegt. Neben Schülern, Historikern, Zeitzeugen, Schauspielern und Dachauer Bürgern und Laiendarstellern sollen auch die Zuschauer Teil eines Prozesses werden, der Fragen der Menschlichkeit und Unmenschlichkeit neu verhandelt. Die Zuschauer sollen wie schon in dem Häftlings-Stück "Die Blutnacht auf dem Schreckenstein" in der ehemaligen Papierfabrik Dachau ihre Haltung zur Geschichte und zur Gegenwart reflektieren. Die "Blutnacht" von 2012/13 war ein großer Publikumserfolg und wurde weit über Dachau hinaus bekannt. Im Mittelpunkt des neuen Stückes stehe das Leben "Zaun an Zaun". Villen und Häuser der ehemaligen SS-Garnison stehen auf dem Gelände der Bereitschaftspolizei, das an das ehemalige Häftlingslager, die heutige KZ-Gedenkstätte Dachau, angrenzt. "Wie war es möglich, dass Menschen auf der einen Seite des Zauns einen glücklichen Alltag leben konnten, während sie auf der anderen Seite des Zauns Häftlinge quälten, misshandelten und töteten?" fragt die Regisseurin. Das Stück soll eine Antwort geben auf die Frage: "Waren die Täter Bestien, Weltanschauungskrieger oder ganz normale Menschen?"

Die Besucher werden in Bussen die ehemalige SS-Garnison erkunden und anschließend Zeuge eines neuen Dachauer Prozesses werden. Breece will auch "die historischen Wurzeln eines für die breite Bevölkerung unzugänglichen 'Un-Ortes'" freilegen. Am 23. Mai wird das Stück uraufgeführt. Bis Mitte Juni folgen sieben Aufführungen. Das Theaterprojekt entsteht in Koproduktion von Stadt Dachau und dem Kreativteam um Karen Breece. Die Aufführungstermine: 23./24., 30./31. Mai sowie 9./10. und 13./14. Juni, jeweils 19 Uhr. Der Eintritt beträgt 15 Euro zuzüglich Vorverkaufsgebühr (ermäßigt für Schüler und Studenten zehn Euro). Karten sind seit Freitag, 14. Februar, bei allen Vorverkaufsstellen von München Ticket (zum Beispiel in der Tourist Information der Stadt Dachau) erhältlich.