Dachau Dachau-Komitee wählt Abba Naor

Der 88-jährige Israeli wird neuer Vizepräsident im Häftlingsverband. Der soll mehr als bisher in politische Auseinandersetzungen eingreifen.

Das Comité International de Dachau (CID) hat einen neuen Vizepräsidenten gewählt: den 88-jährigen Israeli und Holocaust-Überlebenden Abba Naor. Sein Vorgänger, der Auschwitz-Überlebende Max Mannheimer, übte das Amt seit 1988 aus und ist am 23. September 2016 im Alter von 96 Jahren gestorben. Abba Naor, der seit zehn Jahren der CID-Exekutive angehört, wurde am Samstag auf einer Sitzung des Dachau-Komitees im Dachauer Hotel Fischer einstimmig gewählt. Das Amt ist für die Vereinigung ehemaliger Dachau-Häftlinge von großer Bedeutung, da sie einen ständigen Vertreter in Dachau und Bayern braucht. Der Verband mit dem französischen Präsidenten Jean-Michel Thomas an der Spitze hat seinen Sitz in Belgien. Abba Naor möchte sich dafür einsetzen, dass das Dachau-Komitee mehr als bisher in politische Auseinandersetzungen über die Zukunft Europas eingreift. Außerdem kündigt er in einem SZ-Interview eine intensivere Zusammenarbeit des Dachau-Komitees mit der KZ-Gedenkstätte und der Stiftung Bayerische Gedenkstätten an. Abba Naor vertritt seit Jahren im Stiftungsrat die israelischen Überlebenden der Dachauer Außenlager bei Kaufering/Landsberg am Lech.

Abba Naor wurde am 21. März 1928 im litauischen Kaunas geboren. Sein Leidensweg begann 1941, als die Deutschen und ihre litauischen Helfershelfer die jüdischen Bewohner der Stadt, darunter auch Naors fünfköpfige Familie, in das Ghetto sperrten. Sein älterer Bruder Chaim wurde kurze Zeit später im Fort VII, einer ehemals zaristischen Festungsanlage, von Litauern erschossen. Vom Ghetto wurde die Familie 1944 in das KZ Stutthof deportiert. Abba Naors Mutter Channa und sein kleiner Bruder Berele gingen auf einen Transport nach Auschwitz-Birkenau und wurden dort vergast. Sein Vater Hirsch kam nach Allach, der 16-jährige Abba im August 1944 nach Utting am Ammersee. 1945 meldete er sich freiwillig für das fürchterliche Außenlager Kaufering I, weil er hoffte, dort seinen Vater zu treffen. Amerikanische Soldaten befreiten ihn am 2. Mai auf dem Todesmarsch nahe Waakirchen.

Seit mehr als zwanzig Jahren tritt Abba Naor als Zeitzeuge in Schulen, in Einrichtungen der Bundeswehr und vor Studenten auf und erzählt seine Geschichte. In dieser Zeit hat er einen deutsch-israelischen Schüleraustausch begründet. Jedes Jahr nehmen die Jugendlichen aus Israel auch an der Internationalen Jugendbegegnung in Dachau teil. 2015 übernahm er nach dem Tod seines Freundes Uri Chanoch den Vorsitz der Vereinigung der Kaufering-Überlebenden in Israel.