Dachau Blinde Spiegel

Ernst Grube und Helga Hanusa berichten von ihrer Reise auf den Spuren der Münchner Juden, die in Osteuropa ermordet wurden - und an vielen Orten aus dem Gedächtnis gestrichen sind.

Von Helmut Zeller

- Da ist dieser Spiegel an der Wand eines Waschraums in der Festung Theresienstadt. Die Nazis hatten viele Spiegel und Waschbecken angebracht, die allerdings nie benutzt wurden. Sie sollten die Vertreter des Roten Kreuzes über die unmenschlichen Lebensbedingungen der Juden im Ghetto täuschen. "Was sehen wir, wenn wir hineinschauen?", fragt Helga Hanusa in der evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte. In dem fleckigen und nach vielen Jahren blinden Spiegel ist nichts zu sehen - Sinnbild für die verzerrte Erinnerung an den Judenmord. Helga Hanusa, Pädagogin aus Regensburg, und ihr Mann Ernst Grube, stellvertretender Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, waren im November 2011 15 Tage lang unterwegs in Tschechien, Polen und Litauen. Das Paar reiste mit dem Künstler Paul Huf und der Journalistin Renate Eichmeier zu den Zielorten der Deportationen aus München: Theresienstadt, Auschwitz, Lublin-Majdanek, Belzec, Kaunas - Orte der Vernichtung des europäischen Judentums.

Die erste große Deportation von etwa eintausend Münchner Juden nach Kaunas jährte sich in diesen Tagen zum 71. Mal. Für den heute 79-jährigen Ernst Grube war es ein Weg der Trauer - als jüdisches Kind in München wurde er selbst verfolgt und mit seiner Mutter und Geschwistern in das KZ Theresienstadt verschleppt. In der Gedenkstätte sind die Namen von mehr als 8000 Kindern aufgeschrieben - nur 245 überlebten. Das Haus, in dem er bis zur Befreiung durch die Rote Armee lebte, beherbergt heute eine EDV-Firma. Sie ließ Ernst Grube nicht herein, aus Sicherheitsgründen, wie gesagt wurde. In Theresienstadt wollte die Reisegruppe Gespräche mit Bewohnern führen. Die Verständigung war auf dieser Reise nicht nur wegen der Sprache schwierig: "Die Leere dieses Ortes, der Stadt war niederdrückend", sagt Grube über Theresienstadt.

Viele seiner Familienmitglieder wurden in der Shoah ermordet, wo genau, das weiß er nicht. Zum Beispiel im polnischen Izbica, heute eine Kleinstadt mit 8600 Einwohner, verliert sich die Spur von Grubes Tante Erna. 1939 lebten ungefähr viertausend Juden dort. In den umliegenden Kleinstädten wurden Juden aus Europa in Ghettos gepfercht - ohne Nahrungsmittel, Wasser, 20 bis 25 Personen in einem Raum. Dort lebten Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, bis sie in die Vernichtungslager deportiert wurden. Grubes Forschungsreise galt auch der Gegenwart: Wie wird heute in den osteuropäischen Ländern, in denen Hitler-Deutschland die Todeslager errichtete, an die Shoah erinnert?

Im 43 Kilometer entfernten Piaski - Grubes Tante Rosa war dort - findet die Reisegruppe einen verwahrlosten jüdischen Friedhof in einem Wäldchen. Zwei Grabsteine sind übrig geblieben. Es gibt, wie Grube sagt, keinen Hinweis auf das Verbrechen. Ungefähr 2000 Juden, die vor dem Transport nach Belzec flüchteten, wurden hier erschossen. In Izbica steht, errichtet mit EU-Mitteln, seit drei Jahren ein Mahnmal: Der polnische Adler und ein Kruzifix aber kein Symbol, das an die ermordeten Juden erinnern würde.

Nach Monowitz, dem dritten Teil des Lagerkomplexes Auschwitz, fährt kein Bus. 11 000 Häftlinge, darunter Primo Levi, schufteten hier in Sklavenarbeit für deutsche Unternehmen wie IG Farben. Deren Nachfolger, sagt Grube, hätten übrigens bis heute keine Entschädigung an die Überlebenden bezahlt. Die seltenen Besucher, die sich in das Dorf verirren, finden keinen Hinweis auf die Beteiligung der deutschen Unternehmen am Judenmord; auch die Deutsche Bank verdiente, wie Grube bemerkt, an der Ausbeutung der jüdischen Sklavenarbeiter. Am Eingang des Dorfes Monowice steht ein Denkmal, jemand hat einen Strauß frischer Chrysanthemen niedergelegt. Aber nicht der deutsche oder der polnische Staat, die heutigen Bewohner des Ortes haben das Denkmal aufgestellt, wie Grube erzählt.

In Lublin, die große Synagoge der Stadt fasste einst 3000 Menschen, sind die Spuren jüdischen Lebens ausgelöscht. Eine Gedenkstätte erinnert an die Toten von Majdanek, das in einem Stadtteil Lubins gelegene Vernichtungslager. Juden aus Polen, der ehemaligen Tschechoslowakei, Slowenien und den Ghettos von Warschau und Bialystok wurden in dem Lager ermordet. Am 3. November 1943 erschossen die Mörder die noch lebenden 17 000 Juden in einer "Aktion Erntedankfest", wie die Nazis das Massaker zynisch nannten. Grube und Hanusa zeigen Fotos, die einen Eindruck von der großen Weite des ehemaligen Lagers und seiner Massengräber geben.

In Kaunas nahmen sie an einer Gedenkfeier der jüdischen Gemeinde teil. Ein paar Hundert Juden, die meisten sind aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert, leben heute in der Stadt, die vor dem Zweiten Weltkrieg ein Zentrum osteuropäischen Judentums war. Mehr als 200 000 Menschen, fast die gesamte jüdische Bevölkerung Litauens, wurden von den Einsatzkommandos und litauischen Hilfskräften umgebracht. In einer Schulklasse diskutierten Grube und Hanusa mit den Jugendlichen. Danach fragten zwei Schüler sie vorsichtig, was sie denn von "Nationalismus" hielten. Grube sagt zu den Zuhörern in der Versöhnungskirche: "Ich lehne jede Form von Nationalismus ab." Diese Antwort wird (nicht nur) in Litauen nicht gerne gehört - über den heutigen Antisemitismus wollten ihre Gesprächspartner aus der Schulleitung und der Holocaust-Gedenkstätte am IX. Fort erst gar nicht reden. An diesem Ort vieler Massaker gibt es viele Gedenktafeln, eine Ausstellung und ein Monument, das die Sowjets errichten ließen. Aber diese Erinnerung kommt von außen. Über die frischen Schmierereien an der Synagoge, über Transparente mit der Aufschrift: "Hitler hatte Recht" erfährt die Reisegruppe erst später. "Wir waren frustriert von den Nicht-Antworten", sagt Grube. Er bringt es in der anschließenden von Pfarrer Björn Mensing moderierten Diskussion auf den Punkt: "Gedenktafeln, Mahnmale sind nur dann sinnvoll, wenn am Ort damit umgegangen wird."

Aber Grube und Hanusa zeigen nicht etwa mit dem Finger auf die besuchten Länder Osteuropas: Deutschland, von dem der Massenmord ausging, lässt sich zwar gerne für seine Gedenkkultur preisen; die aber erweist sich bei genauerem Hinsehen als so gelungen nicht. Nicht nur, dass ein Theresienstadt-Überlebender wie Ernst Grube, der einen Sitz in der Stiftung Bayerische Gedenkstätten hat, vom Verfassungsschutz bespitzelt wird. 20 Prozent der Deutschen sind heute einer Umfrage im Auftrag der Bundesregierung zufolge antisemitisch eingestellt. Die deutsche Geschichtsforschung behandelt die Shoah eher marginal, so das Resümee des jüngsten Dachauer Symposiums. So endete die "Forschungsreise wider das Vergessen" nicht in Kaunas, sondern führt zurück nach München. Am Ende erzählt Ernst Grube noch eine Begebenheit: Als Fruma Vitkin Kucinskiene aus Kaunas vor Jahren eine Ausstellung über das Ghetto in München besuchte, wurde sie überraschend von einem Besucher antisemitisch beschimpft und angeschrien. "Was soll ich davon halten?", fragte die Shoah-Überlebende aus Litauen.