Dachau Bewegendes Schicksal

Noch immer ein Paar: Der KZ-Überlebende Henk van de Water feiert mit seiner Frau Ria Goldene Hochzeit.

(Foto: Toni Heigl)

Die Geschichte des ehemaligen KZ-Häftlings Henk van de Water

Nachdenklich, schweigsam und sichtlich bewegt verließen die jungen und alten, internationalen und nationalen Besucher am Sonntagabend die Kirche im Kloster Karmel Heiligen Blut. Bei der knapp zweistündigen Veranstaltung zum Gedächtnisbuch für Häftlinge des ehemaligen KZ Dachau wurden eindrucksvoll vierzehn Biografien zu ehemaligen Inhaftierten vorgestellt. Die Veranstaltung erinnerte auch an die Errichtung des Konzentrationslagers vor 82 Jahren. Einen würdevollen Rahmen um die Veranstaltung bildete Musik von Nils Kugelmann und Valentin Gerhardus, die auch zwischen den Präsentationen Zeit zum Nachdenken bot.

Jugendliche aus den Niederlanden und Deutschland sowie andere freiwillige Helfer des Gedächtnisbuch-Trägerkreises trugen die von ihnen im vergangenen Jahr zusammengestellten Biografien vor. Von Widerstandskämpfern und deren Transport und Aufenthalt in verschiedenen KZ-Einrichtungen wird erzählt. Von einem Priester, der trotz der harten Arbeit im Konzentrationslager die anderen Häftlinge zum Lachen brachte. Von einem Transport in die Freiheit, der kurz vor dem Ziel wetterbedingt pausieren musste und für die meisten Teilnehmer tödlich endete. Von Folter und dem Verlust der Familienmitglieder und Freunde war die Rede. Und von Tod und Ermordung.

Viele grausame, schreckliche Geschichten, kaum eine hat ein gutes Ende. Aber in manchen ist auch von Befreiung, Reichtum und Liebe zu hören. Die wohl rührendste Geschichte wurde nicht auf einem sogenannten Gedächtnisblatt vorgetragen, sondern spielte sich in der Kirche ab. Die beiden Schüler aus den Niederlanden, Ischa Schrijver und Jelle Tabak, berichteten in englischer Sprache über das Leben des anwesenden ehemaligen KZ-Häftlings Henk van de Water. Der heute 91-Jährige folgte einem Einberufungsbefehl Anfang 1943 zu einem Arbeitseinsatz in Stuttgart. Zu Beginn gefiel ihm die Arbeit, aber er hatte Sehnsucht nach seinem Vater. Als die Nationalsozialisten ihm einen Urlaub in der Heimat verweigerten, wurde das Heimweh unerträglich für ihn. Van de Water konnte nicht mehr arbeiten und versuchte zu flüchten. Doch er wurde von der Polizei verhaftet und erst ins Gefängnis, später ins KZ Dachau gebracht. Dort erkrankte er schwer und überlebte nur deshalb, weil er in die Niederlande heimreisen durfte. Die beiden Schüler bedankten sich bei Henk van de Water für die viele Zeit, die er ihnen gewidmet hatte und die wichtige Erfahrung, die sie dank ihm machen konnten. Daraufhin umarmte der Niederländer die beiden jungen Leute und hielt mit gebrochener Stimme und sichtlich gerührt in deutscher Sprache eine Rede. "Vor zehn Jahren bin ich zum ersten Mal nach Dachau zurückgekehrt. Der Besuch hat mich sehr berührt", sagte Henk van de Water. Doch er habe es geschafft, die dunkle Periode zurückzulassen. Damals habe er nicht gedacht, dass er mit 91 Jahren noch einmal zurückkommen werde.

Für Sabine Gerhardus, Organisatorin des Gedenktags und nach den Worten ihres Kollegen Klaus Schultz "die Seele des Projekts", sind genau solche Szenen der Grund für ihre Arbeit. "Jugendliche befassen sich mit der Vergangenheit und mit dem Schicksal verschiedener Inhaftierter, das bringt sie so viel weiter in ihrer Entwicklung und wirkt bewusstseinsbildend. Wenn dann ein Überlebender noch so gerührt ist von dem, was die Jugendlichen sagen, ist das etwas ganz Besonderes."

Henk van de Water feiert im Mai mit seiner Frau Goldene Hochzeit. In der Veranstaltung machte er ihr eine Liebeserklärung - auch davon waren die Besucher sichtlich gerührt.