Befreiung des KZ Dachau vor 71 Jahren Verteidigung der Menschenwürde

Die Redner der Gedenkfeier ziehen Parallelen zum neuen Elend von Flüchtlingen und warnen vor Fanatismus. Die Lehren, die Europa aus der Geschichte gezogen hat, sind ein gemeinsamer unantastbarer Wert

Von Benjamin Emonts und Viktoria Großmann, Dachau

Was gehört zum Deutschsein? Für die Erinnerung einstehen, gegen den Antisemitismus kämpfen und das Existenzrecht Israels verteidigen. So klar, so eindeutig beschreibt Josef Schuster sein Selbstverständnis als Deutscher und drei der wichtigsten deutschen Wertvorstellungen. Für den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland ist mit diesen Werten zweierlei verbunden: der Schutz der jüdischen Minderheit und zugleich die konsequente Verteidigung des Asylrechts. "Wir Juden fühlen mit den Flüchtlingen", sagte Schuster anlässlich des Gedenkens an die Befreiung des Konzentrationslager Dachau vor 71 Jahren am Sonntag in der Gedenkstätte.

Die Gedenkfeier fiel deutlich kleiner aus als vor einem Jahr. Zum 70. Jahrestag war Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angereist, etwa 1800 Besucher drängten sich damals bei strömendem Regen und unter hohen Sicherheitsvorkehrungen auf dem Gelände. Dieses Jahr blieb die hohe Politik fern. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) ließ sich von Staatssekretär Bernd Sibler vertreten, der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, schickte eine Mitarbeiterin, Landrat Stefan Löwl stellte in Pipinsried einen Maibaum auf und überließ Helmut Zech die Kranzniederlegung. Aus dem Stadtrat waren Mitglieder von SPD, Grünen und FW anwesend. Einige hundert Gäste aus verschiedenen Ländern hörten den Rednern am ehemaligen Appellplatz zu. Darunter in diesem Jahr nur etwa 20 Zeitzeugen.

Charlotte Knobloch führte Schusters Gedanken weiter und präzisierte, jeder, der in Deutschland lebe, müsse sich mit dem Holocaust befassen. Ganz gleich, ob seine Vorfahren als Deutsche am Krieg beteiligt oder Opfer waren oder ob sie aus anderen Ländern stammten. "Wer das nicht akzeptiert, kann nicht dazu gehören", sagte die 83-jährige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie hat als Kind die Verfolgung durch die Nationalsozialisten selbst erlebt. In ihrer Rede am jüdischen Mahnmal würdigte Knobloch alle Opfergruppen. Das Muster- und Modelllager Dachau sei "ein wesentlicher Quell des Bösen" gewesen. Vielen sei das nicht klar, fürchtet Knobloch und fordert eine bessere Aufklärung und Bildung der Nachgeborenen. Zum Unterricht müsse gehören zu lernen, welchen Beitrag Juden zur deutschen Kultur leisten und geleistet haben. Auch vor dem Hintergrund der Fragen, die nun drängender seien denn je: "Wer sind wir? Wofür stehen wir? Was sind unsere prägenden Werte?"

Für Josef Pröll ist es die Einsamkeit seiner Eltern und ihr unermüdlicher Kampf für die Erinnerung. In Pröll sprach das erste Mal ein Nachkriegsgeborener für die Lagergemeinschaft Dachau. Prölls Eltern waren Widerstandskämpfer, nur einige überlebten die Haft in mehreren Konzentrationslagern. "Wir sind nicht auf dem Weg von 1933", sagte Pröll. "Aber wieder sehen wir, wie mit Befürchtungen von Menschen Terror und Gewalt gerechtfertigt werden sollen und wählbar gemacht werden."

Die Erschütterung über die Attentate, die sein Heimatland im vergangenen Jahr erleben musste, prägte die Rede von Jean-Michel Thomas. Der Vater des neuen CID-Präsidenten war als Résistance-Mitglied 1944 nach Dachau deportiert worden. Thomas verglich die Motive der Terroristen von Paris mit denen der Nazis. "Fanatismus und Barbarei treten wieder zu Tage." Die Geschichte lehre zugleich die Notwendigkeit, Verfolgten unbedingt Schutz zu bieten wie auch die Freiheit zu verteidigen. Die Europäer, die im 20. Jahrhundert Kriege gegeneinander führten - in Verdun wird derzeit der Schlacht vor 100 Jahren gedacht - müssen heute gemeinsam ihre Werte verteidigen, forderte Thomas. Dazu gehöre die Achtung vor allen Menschen: "Das fängt mit dem Respekt gegenüber Frauen an."

Bei der anschließenden Gedenkfeier am ehemaligen "SS-Schießplatz Hebertshausen", wo SS-Männer 1941 und 1942 mehr als 4000 sowjetische Kriegsgefangene ermordeten, nahm die Tochter des KZ-Überlebenden Otto Kohlhofer, Christa Willmitzer, ebenfalls Bezug auf die wachsende Fremdenfeindlichkeit. Rassistische Stimmungen seien in der Mitte der Gesellschaft längst wieder salonfähig, sagte sie. Die CSU plane mit ihrem Entwurf des Integrationsgesetzes ein Ausgrenzungsgesetz, das Wasser auf die Mühlen von ultrareaktionären Kräften wie der AfD und der neuen Nazis gieße. Die diskriminierenden Kategorien, in welche Zuwanderer eingeteilt würden, erinnerten an jene der Nazis aus den Nürnberger Rassegesetzen. Besorgt wies Willmitzer auf die "zunehmende Islamophobie" in Europa hin. "Die Menschen islamischen Glaubens werden diskriminiert und zu potenziellen Terroristen gemacht, obwohl sich weltweit nur eine verschwindende Minderheit von Muslimen zu einem radikalen Islamismus bekennt." Die Terrorangst werde instrumentalisiert, um Sicherheitsgesetze zu verschärfen und eine lückenlose Überwachung jedes Einzelnen durchzusetzen. Rassismus beginne nicht erst beim Völkermord, sagte Willmitzer. Zwischen den Ressentiments gegen den Islam und dem Antisemitismus von einst bestünden viele Parallelen. Das Gedenken an die Verbrechen der Nazis, so Willmitzer, sollte Anlass zum Widerstand heute geben. "Jedes Land muss sich fragen, was nicht in Ordnung in der Gesellschaft ist, wenn Rechtsextreme sich ausbreiten und Wahlen gewinnen."