Dachau Auf der Suche nach den verlorenen Kompositionen aus dem KZ

  • Der italienische Musikwissenschaftler, Pianist und Komponist Francesco Lotoro sammelt Kompositionen von Gefangenen in Konzentrationslagern und Militärgefängnissen.
  • Zum 71. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau führt Lotoro mit weiteren Musikern geistliche Werke auf, die unter anderen dort entstanden sind.
  • Die Suche nach den Werken ist mühsam - aber Lotoro ist sich sicher, dass die Stücke "Panorama der klassischen Musik nach 1933 deutlich verändert" hätten.
Von Benjamin Emonts, Dachau

Wenn Überlebende des Holocaust auf Gedenkveranstaltungen sprechen, richten sie oft eine eindringliche Bitte an ihre Nachwelt: Die Verbrechen, die Grausamkeiten, denen sie zum Opfer gefallen sind, dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Der italienische Pianist, Komponist und Musikwissenschaftler Francesco Lotoro verfolgt dieses Ziel auf einem bis heute nur wenig bekannten Weg. Lotoro sucht seit knapp 30 Jahren auf der ganzen Welt nach Musik, die ehemalige Gefangene in Konzentrationslagern, Militärgefängnissen und Kriegsgefangenenlagern zwischen 1933 und 1947 komponiert haben.

Es ist die mühsame Suche nach einer verlorenen, in Vergessenheit geratenen Musik. Doch am Ende, so wünscht sich Lotoro, soll sie "eine normale Musik sein, die jeder kennt. So wie Franz Schubert".

Die Suche führt den Pianisten um die ganze Welt

Lotoro, 51, wirkt ernst, wenn er über sein Anliegen spricht. Die Musik, die er in all den Jahren gefunden hat, "hätte das Panorama der klassischen Musik nach 1933 deutlich verändert", sagt er. Aus Lotoro spricht die Enttäuschung, dass die kostbaren, teils genialen Kompositionen schlicht in der Versenkung verschwunden sind oder - noch schlimmer - nie gefunden wurden.

Ein Notenblatt von Pfarrer Josef Moosbauer, der bis Kriegsende im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war.

(Foto: Toni Heigl)

Die Suche nach der vergessenen Musik hat sich Lotoro im Alter von 25 Jahren zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Aus seiner anfänglichen Neugier, so sagt er, "ist inzwischen eine Wissenschaft geworden". Die Suche führt den Pianisten um die ganze Welt, er stöbert in Archiven und Antiquitätengeschäften, besucht Museen und trifft sich mit Überlebenden und Hinterbliebenen.

Lotoro kennt zu jedem seiner Funde die historischen Umstände und das Schicksal seines Urhebers. Fasziniert erzählt Lotoro etwa die Geschichte vom Polen Aleksander Kulisiewicz, der 1940 von der Gestapo ins KZ Sachsenhausen verschleppt wurde. Kulisiewicz beherrschte acht Sprachen und ließ sich von Mithäftlingen persönliche Lieder vorsingen. Nach der Befreiung im Jahr 1945 begann er all die Lieder frei aus dem Gedächtnis zu dokumentieren. So entstanden mehr als 700 Seiten mehrsprachiges Liedgut, die heute zur Sammlung Francesco Lotoros gehören.

Im Idealfall kann er manchmal mit überlebenden Komponisten sprechen

Sie umfasst inzwischen mehr als 8000 Werke, 12 000 weitere Quellen liegen noch unbearbeitet in seinem Archiv. Teilweise sind die Noten einfach nur auf Toilettenpapier gekritzelt oder mit einem Messer in Aluminiumnäpfe gekratzt. In anderen Fällen findet Lotoro ganze Kartons voller Originalpartituren oder bekommt alte Videokassetten oder Mikrofilme zugespielt. Es ist ein großes Puzzle, das er zusammenfügt. Lotoro sichert die Quellen, archiviert sie und spielt sie auf dem Klavier nach.

Francesco Lotoro ist ein italienischer Pianist, Komponist und Musikwissenschaftler.

(Foto: Toni Heigl)

Um die Fundstücke verstehen und historisch richtig interpretieren zu können, bereist er so viele Fundorte wie möglich. Er war schon in Myanmar, Kenia, Thailand, Australien. "Die kulturellen Hintergründe sind wichtig, um die Musik zu verstehen", sagt er. Im Idealfall kann Lotoro manchmal mit überlebenden Komponisten noch persönlich sprechen. Doch die Zeit rennt ihm davon, während sich die Quellen bei ihm zu Hause stapeln.

Der Italiener gilt inzwischen als der weltweit größte Sammler von Musikkompositionen aus Gefangenenlagern, die zwischen 1933 und 1947 entstanden sind. Dank seiner wachsenden Bekanntheit werden ihm von Archivaren und Hinterbliebenen der Inhaftierten Quellen immer öfter zugespielt. Mit Kennern der Materie wie dem deutschen Kulturwissenschaftler Guido Fackler hat er sich inzwischen ein gut funktionierendes Informationsnetzwerk geschaffen. Von der Indersdorferin Eleonore Philipp, die Forschungen über die im KZ Dachau entstandene geistliche Musik angestellt und die dort entstandene, als verschollen gegoltene Dachauer Messe aufgespürt hat, erhielt Lotoro entscheidende Hinweise zu Hunderten von Komposition Dachauer Häftlinge. Ihre selbstbestimmte Musik, die im Geheimen entstand, verlieh den Inhaftierten neuen Lebensmut in ihrem qualvollen Alltag.

"Wir kannten nicht diese Menschen, aber wir können ihre Musik retten"

An diesem Donnerstag führt Lotoro mit Musikern und Sängern aus Italien sowie aus Stadt und Landkreis Dachau zum 71. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau im Karmel Heilig Blut von 19 Uhr an geistliche Werke auf, die im KZ Dachau und anderen Lagern entstanden sind.

Interpretiert werden auch Werke des österreichischen Pfarrers Josef Moosbauer, der mit 150 weiteren Geistlichen im Jahr 1940 völlig ausgehungert vom KZ Mauthausen nach Dachau deportiert wurde. Moosbauer leitete den Kirchenchor im KZ und komponierte dort als musikalischer Autodidakt zahlreiche Marienlieder. Ende April 1945 wurde Moosbauer auf einen der zahlreichen Todesmärsche geschickt, den er überlebte. Francesco Lotoro verleiht Menschen wie ihm posthum eine Stimme. "Wir konnten nicht diese Menschen, aber wir können ihre Musik retten", sagt er.