Chorgemeinschaft Dachau Ein Glücksfall

Die Chorgemeinschaft singt Haydns "Vier Jahreszeiten", wie das Oratorium nur selten gelingt. Einen herausragenden Anteil daran hat Sopranistin Judith Spiesser.

Von Adolf Karl Gottwald

- Man hat sich angewöhnt, Joseph Haydns Oratorium "Die Jahreszeiten" als ein weniger bedeutendes Werk anzusehen als dessen "Schöpfung". Sozusagen als eine Art musikalische Nachlese, weil Haydn es unmittelbar nach seinem wesentlich berühmteren Werk komponiert hatte. Dazu hat Haydn selbst beigetragen. Als er von seinem Kaiser Franz gefragt wurde, welchem seiner Oratorien er selbst den Vorzug gebe, bezeichnete er das erste als das bedeutendere. "In der Schöpfung" - so sagte er - "reden Engel und erzählen von Gott, aber in den Jahreszeiten spricht nur der Lukas." Lukas, der einfache Bauer. Doch bald nach Erscheinen wurde eben dieses Werk als das den Menschen nähere sehr geliebt. Heutzutage kommt es leider nur noch selten in den Konzertsaal. Denn der Aufwand, dieses Riesenwerk von drei Stunden Dauer aufzuführen, ist enorm.

Die Chorgemeinschaft Dachau aber scheute weder Kosten (für ein stark besetztes Orchester) noch Mühe, dieses größere und auch erheblich schwierigere Werk als "Die Schöpfung" zu präsentieren. Um es ganz kurz zu sagen: Der Aufwand hat sich gelohnt. Die Aufführung gelang glänzend. An erster Stelle ist natürlich die Chorgemeinschaft Dachau mit ihren 70 Sängerinnen und Sängern zu nennen, die sich drei Jahreszeiten lang auf ihre große Aufgabe vorbereiteten und mit ihrem strahlenden sowie runden Chorklang bis zuletzt präsent blieben. Das von Mitgliedern der wichtigsten Münchner Orchester gebildete Ensemble gestaltete die musikalischen Bilder dieser an instrumentalen Tonmalereien besonders reichen Partitur in professioneller Selbstverständlichkeit, aber nicht als Routine, sondern in engagierter Wahrnehmung von Haydns großartiger Musik.

Aber der entscheidende Glücksfall dieses Konzertabends war die Besetzung der Sopranpartie mit Judith Spiesser. Bei Joseph Haydn verkörpern die drei Gesangssolisten einen Pächter Simon (Bass), dessen Tochter Hanne (Sopran) und einen jungen Bauern Lukas (Tenor). Judith Spiesser hat die ideale Stimme für die Ausdrucks- und Erlebniswelt einer jungen Frau auf dem Land (der Haydn-Zeit), für deren heiteres Selbstgefühl und das Miterleben der Naturereignisse. Sie hat eine jugendlich strahlende Stimme, die zum Ausdruck von Emotionen und des direkten, man könnte aus heutiger Sicht auch sagen, naiven oder unbefangenen Zugriffs auf die Natur besonders befähigt ist.

Daneben hatten es die Männerstimmen nicht leicht. Sie konnten sich zwar nicht auf dem gleichen stimmlichen Niveau bewegen, doch sowohl Bernhard Schneider (Tenor) als auch Timo Janzen (Bass), der immer mehr in seine Rolle als gestandener Pächter und tragfähiger Bass hineinwuchs, bleiben als solide Sänger, die ihre Rolle richtig ausfüllten, in wirklich guter Erinnerung.

Christian Brembeck begleitete die Rezitative phantasievoll improvisierend auf dem Hammerklavier. Man ist an dieser Stelle einen von Cembalo und Violoncello ausgeführten Basso continuo gewöhnt, wie ihn Haydn noch für seine "Schöpfung" vorgesehen hat. Bei den "Jahreszeiten" aber steht in der Partitur an dieser Stelle "Piano", womit das Pianoforte gemeint ist, das jetzt das Cembalo endgültig abgelöst hat.

Bleibt nur noch Rudi Forche als sehr umsichtiger Dirigent zu beschreiben, der als Chorleiter unermüdlich mit seinen Leuten gearbeitet hat, und als Dirigent der Musik Haydns mit genauen Vorstellungen von Tempo und Farbe sinnfällig tönende Gestaltung gab. Das letzte Wort aber gebührt Joseph Haydn, der mit seinen "Jahreszeiten" seinen unermesslichen Reichtum an Musik, auch seine Schärfe der Charakteristik erneut unter Beweise stellte und überdies hinaus bereits das Naturerlebnis der Romantik musikalisch gestaltete. Das wird zu wenig beachtet, aber gerade das machte die Aufführung unter Rudi Forche deutlich.

Das wurde besonders deutlich beim "Herbst". Rudi Forche strich zunächst den "Fleißchor" mit dem flauen Text: "So lohnet die Natur den Fleiß, ihn ruft, ihn lacht sie an. Von dir, o Fleiß, kommt alles Heil". Der Passus hatte schon Haydn bei der Komposition argen Verdruss bereitet. Damit war das besonders philiströse Element des Jahreszeiten-Librettos des van Swieten getilgt. Um so kräftiger gestalteten Forche, Chor und Orchester die Jagdszene mit "der gellenden Hörner Schall, der gierigen Hunde Gebell". Ebenso mitreißend den Jubel über die gelungene Weinlese "Juchhe, der Wein ist da, die Tonnen sind gefüllt". Und sein Chor musste das "Juchhe, juchhe, juch" wahrhaft "aus vollem Halse schrein".

Das war derbe Realistik im Stil der Wiener Klassischen Musik, und vermutlich ganz im Sinne Haydns. "Die urkräftige Lustigkeit des sich zu trunkener Wildheit steigernden Tanzes ist in der Musik kaum überboten worden", stellte die Fachwelt über das Oratorium fest. Der Musiker Forche holte sie aus Chor und Orchester heraus. Die gut geschulten Stimmen hielten den Angriff auf die Stimmbänder aus. Und die Aufführung im Dachauer Schloss hatte seinen markanten Höhepunkt erreicht.