Bergkirchen Ungemeine Bühnenpräsenz

Zwischen Pflicht und Leidenschaft: Lotte (Anna Katharina Fleck) und der junge Werther (Ferdinand Ascher).

(Foto: Toni Heigl)

Das Ensemble des Bergkirchener Hoftheaters brilliert bei der Premiere von Goethes "Werther". Regisseur Herbert Müller gelingt es, die Gesellschaftskritik des Stückes zu transportieren

Von Dorothea Friedrich, Bergkirchen

"Küss die Hand, schöne Frau, Ihre Augen sind so blau". Was für ein starker Auftakt für eine eher traurige Geschichte. Der Song der österreichischen Band EAV (Erste Allgemeine Verunsicherung) hätte fast vom Autor des Stückes stammen können, das am vergangenen Mittwoch im Hoftheater Bergkirchen eine gelungene Premiere hatte.

Lässt der Autor doch einen seiner bekanntesten Protagonisten sagen: "Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?" Bevor Bildungsbürger jetzt erleichtert ausrufen "ah, Faust" - nein, der ist nicht die Hauptperson in diesem Werk Johann Wolfgang von Goethes. Es ist vielmehr ein junger Mann namens Werther. Dessen Leiden betrübten, verwirrten und motivierten eine ganze Generation junger Frauen und Männer seit Erscheinen des Briefromans im Jahr 1774. Das schmale Buch löste eine regelrechte Werther-Mania aus. Von Kaffeetassen mit dem imaginären Antlitz des dramatischen Helden über ein "Eau de Werther" bis zum modischen Werther-Style - blauer Gehrock mit Messingknöpfen, gelbe Weste, braune Stulpenstiefel und runder Filzhut - gab es alles, was das Fan-Herz begehrte. Wer wollte nicht so unangepasst wie Werther sein, gegen herrschende Moralvorstellungen und steife Konventionen rebellieren, die Welt verändern oder wenigstens zurück zur Natur? Kein Wunder, dass die konservative Fraktion den Roman in Grund und Boden verdammte. Nicht nur, weil die Geschichte um die Dreiecksbeziehung Werther (dessen Vorname wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben wird), Lotte und ihres Mannes Albert mit dem Selbstmord Werthers endet. Wohl eher, weil da der Hauch der Rebellion mitschwingt. So jammerte ein Kritiker: "Und keine Censur hindert den Druck solcher Lockspeisen des Satans?"

Heute sind die Verlockungen andere. So stellt sich die Frage: Wie bringt man einen Briefroman auf die Bühne? Die Antwort: Indem man auf die moderne Fassung von Jochen Schölch, Chef des Münchner Metropoltheaters, zurückgreift, sie mit einer gehörigen Portion Musik unterschiedlichster Stilrichtungen aufpeppt, ein melancholisches, nebelverhangenes Bühnenbild zaubert (Ulrike Beckers) und Schauspieler mit ungemeiner Bühnenpräsenz nimmt. Da sind vor allem Anna Katharina Fleck als Idealbesetzung der Lotte-Rolle und Ferdinand Ascher als Werther zu nennen. Aber auch Julia Uttendorfer in einer Doppelrolle, Ansgar Wilk gleich in einer Dreifachrolle - und einfach rührend als vom Leben und der Liebe gebeutelter Heinrich - sowie Jürgen Füser als Werthers Freund Wilhelm überzeugten und gaben dem Stück Biss und Pfiff.

Unter der Regie von Herbert Müller leuchtet Ferdinand Ascher bravourös die Licht- und Schattenseiten Werthers aus. Er ist der zwischen Aufmüpfigkeit, Abenteuerlust, Gefühlschaos und Todessehnsucht schwankende junge Mann. Schon bei der ersten Begegnung mit Lotte sieht man förmlich die Funken sprühen, ahnt, dass diese Leidenschaft nicht nur ihn zerstören wird. Und Lotte? Wirkt wie ein zartes Pflänzchen, ist aber unglaublich stark. Sie will um ihres gefühlsamputierten und ziemlich arroganten Ehemannes Albert (Ansgar Wilk) willen eine platonische Beziehung - und zieht doch unbewusst alle Verführungsregister. Dem äußeren Anschein zum Trotz ist sie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch und bleibt am Ende als wesenlose Hülle zurück. Anna Katharina Fleck vermittelt die vielen Facetten eines jungen Lebens zwischen Pflicht und Lust natürlich, unverkrampft und ohne einen Hauch von Kitsch. Eine großartige Leistung.

Und doch geht es um mehr als um eine unglückliche Liebe. Das zeigt Regisseur Müller deutlich: Da ist auf der einen Seite eine saturierte Gesellschaftsklasse, die sich in ihrem Gefängnis aus Wohlstand und "guten Sitten" recht behaglich eingerichtet hat. Fremde, wie Ferdinand einer ist, und ihre aufmüpfigen Ideen sind eher weniger willkommen. Er merkt aber schnell, dass dieser Lebensentwurf keine Zukunft hat. Er schließt sich selbst aus, wird zum Eigenbrötler und Einzelgänger. Wird als Spinner abgetan und entscheidet sich letztendlich für den persönlichen Kollateralschaden. Ein Schelm, wer da nicht an heutige Verhältnisse denkt.