Bei Dachau Flüchtlinge im Hungerstreik

Fast 300 Menschen wohnen derzeit in der Traglufthalle in Karlsfeld.

(Foto: Toni Heigl)

Die fast 300 Bewohner der Traglufthalle in Karlsfeld bei Dachau verweigern das Essen. Sie sind frustriert über die Situation in der Massenunterkunft.

Von Walter Gierlich, Karlsfeld

Seit Mittwochabend sind die fast 300 Bewohner der Karlsfelder Traglufthalle im Hungerstreik. Die Geflüchteten, die in der Mehrzahl aus Pakistan, Afghanistan, Nigeria und Senegal stammen, nehmen keine Speisen zu sich, trinken lediglich Wasser und Tee. Grund ist nicht die Unzufriedenheit mit den Speisen, die ein Caterer liefert. Das betonen sie ausdrücklich. Grund ist vielmehr die allgemeine Frustration über die Situation in der Massenunterkunft. Auch nach einem Gespräch zwischen Vertretern der Schutzsuchenden und des Landratsamts am Donnerstagnachmittag zeichnete sich keine Lösung ab.

Anfang des Monats ist die Unzufriedenheit der Geflüchteten in der Traglufthalle erstmals richtig hochgekocht. Der Grund: Zwölf ihrer Mitbewohner durften aus der Massenunterkunft, die keinerlei Privatsphäre bietet, in die neuen Holzhäuser an der Parzivalstraße umziehen. Dort stehen den Asylsuchenden abgeschlossene Wohnungen mit eigener Küche und separatem Bad für je sechs Personen zur Verfügung. In der Traglufthalle, die im November vergangenen Jahres bezogen wurde, hingegen, müssen die Männer - Familien mit Kindern hat das Landratsamt dort glücklicherweise gar nicht untergebracht - zu sechst in engen Schlafkabinen ohne Dach und mit einem Vorhang statt einer Tür leben. Ohne eigene Kochmöglichkeiten, ohne Fenster nach draußen und ständig mit dem Überdruck, der notwendig ist, um die Hülle stabil zu halten.

"Hier haben wir keine Fenster und keine frische Luft"

"Man hat mir gesagt, dass ich höchstens drei Monate hier leben muss", sagt ein junger Mann aus Pakistan, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Aber jetzt sei er schon mehr als vier Monate hier. "Ich schon fünf", ruft ein Landsmann, der sich mittlerweile mit einer ganzen Gruppe um den Berichterstatter geschart hat. Ein Pakistani sagt, er sei bereits seit neun Monaten in Deutschland. Die Traglufthalle sei bereits das fünfte Camp, wie er die Unterkunft auf Englisch nennt. Andere dürften schon nach einem Monat in ein anständiges "Home" ziehen. "Wir wollen auch Wohnungen oder wenigstens Container", erklärt ein anderer. "Hier haben wir keine Fenster und keine frische Luft", ergänzt er. Deswegen seien viele krank oder hätten Kopfschmerzen, erzählt die Gruppe aufgeregt.

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Während die Bewohner im Aufenthaltsbereich aufgewühlt durcheinanderreden, warten sie gespannt auf das Ergebnis der Unterredung, die derweil im Bürocontainer von Kümmerer Gregor Feindt stattfindet. Vier Vertreter der Flüchtlinge debattieren dort mit Erik Stegner, Abteilungsleiter für kommunale und soziale Angelegenheiten im Landratsamt, mit Norbert Klose, Sicherheitsbeauftragter der Kreisbehörde für die Asylunterkünfte, Pressesprecher Wolfgang Reichelt sowie dem Leiter des Gesundheitsamts, Hans Bergemann.

"Es war abzusehen, dass so etwas passiert"

Als die Besprechung zu Ende ist, versammeln sich mehrere Dutzend Männer vor dem Container. Stegner gibt per Megafon auf Englisch das Ergebnis bekannt. Es ist ernüchternd, wie nicht anders zu erwarten: Das Landratsamt sei ebenso unzufrieden mit der Situation in der Traglufthalle wie deren Bewohner. Man wolle alle Bewohner hier herausbekommen, wisse aber noch nicht, wann. Grundstücke für neue Unterkünfte seien kaum zu bekommen. Jeder Vorfall in der Halle, zu dem die Polizei anrücke, senke die Bereitschaft der Grundbesitzer weiter. Auch Container seien schwer erhältlich, und der Bau neuer Holzhäuser brauche einige Zeit. Das für sie enttäuschende Ergebnis quittieren die Flüchtlinge mit dem Entschluss, weiterhin nichts zu essen.

"Es war abzusehen, dass so etwas passiert", sagt Fabian Baur, der Sprecher des Karlsfelder Helferkreises. Vor ein paar Tagen erst habe er Landrat Stefan Löwl (CSU) per E-Mail darauf hingewiesen, dass unter den Flüchtlingen in der Halle ein Hungerstreik im Gespräch sei. Den wesentlichen Grund für die Eskalation sieht Baur in mangelnder Kommunikation des Landratsamts. "Man hätte die Bewohner besser informieren müssen, wie die Perspektive für sie aussieht", sagt Baur. Ihnen hätte erklärt werden müssen, dass nicht alle 300 auf einmal verlegt werden können.