Befreiungsfeier Die letzten Zeugen

Auf den Feierlichkeiten zum 68. Jahrestag der Befreiung wird deutlich, wie sehr sich die Reihen der Überlebenden des KZ Dachau lichten. Sie fürchten, dass ihre Botschaft für Toleranz verhallt.

Von Walter Gierlich und Helmut Zeller

Ivan Paniukhno sprüht am Sonntagvormittag vor Elan. Erstaunlich, bei dem, was er in den 87 Jahren seines Lebens mitgemacht hat. Der Russe war von den Nationalsozialisten aus seiner Heimat in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau verschleppt worden. Wie Millionen andere KZ-Häftlinge hatten ihn die Nazis zur Nummer gemacht, D-34777. Doch er hat den Terror und das Grauen der Lager überlebt. Am Sonntag ist er - nach 1992 - zum zweiten Mal seit der Befreiung am 29. April 1945 in Dachau. Er verteilt Visitenkarten in kyrillischer Schrift und lädt reihenweise andere Teilnehmer der Gedenkveranstaltung zum 68. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau in seine Heimatstadt Sotschi, zu den Olympischen Winterspielen, die dort 2014 ausgetragen werden.

Doch obwohl auch in diesem Jahr zusammen mit Paniukhno wieder einige Überlebende aus Osteuropa zur Teilnahme an der Befreiungsfeier eingeladen waren, muss der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau, Max Mannheimer, konstatieren: "Die Reihen der Überlebenden haben sich stark gelichtet." Ein Blick über die Teilnehmer der Veranstaltung genügt, um die Aussage des 93 Jahre alten Holocaust-Überlebenden bei seiner Ansprache vor dem Krematorium auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers zu bestätigen. Aber gerade angesichts der abnehmenden Zahl von Menschen, die über die Schrecken der Lager aus erster Hand berichten können, hebt Mannheimer die Bedeutung solcher Gedenkveranstaltungen hervor.

Mannheimer bezeichnet es als umso erschreckender, dass immer noch junge Menschen dieser Ideologie anhängen, etwa die Terrorzelle NSU. Mannheimer nennt es erschütternd, dass eine kleine Gruppe Neonazis unbemerkt von den Behörden über Jahre hinweg Morde verüben konnte. "Es ist auch unverständlich, dass die NPD immer noch nicht verboten ist", sagt er. Der Steuerzahler finanziere somit eine Organisation, die an der Zerstörung der Demokratie aktiv arbeite.

Danach legen der Vorsitzende des Internationalen Dachau-Komitees, der Niederländer Pieter Dietz de Loos, und Bayerns Kultus-Staatssekretär Bernd Sibler, der die Staatsregierung bei der Veranstaltung vertritt, einen Kranz am Denkmal des unbekannten Häftlings vor dem Krematorium nieder. Und die mehreren hundert Teilnehmer der Gedenkfeier ziehen hinter den Fahnen der 38 Nationen, aus denen Häftlinge im KZ Dachau gelitten hatten, zum ehemaligen Appellplatz. Die Ansprachen vor dem internationalen Mahnmal werden musikalisch von einem Trio aus der Nähe von Oradour-sur-Glane umrahmt, einem Dorf in Frankreich, in dem 1944 die Waffen-SS ein Massaker an der Bevölkerung mit 642 Toten verübt hat. Dieses schlimmste Blutbad an Zivilisten in Frankreich stellt Dietz de Loos in eine Reihe mit den Massakern von Marzabotto in Italien, Distormo in Griechenland oder Lidice in der Tschechoslowakei.

Dietz de Loos macht diesmal nicht nur den Jahrestag der Befreiung zum Thema. Er erinnert auch an die Eröffnung des Konzentrationslagers Dachau vor 80 Jahren, "wo der Widerstand gegen den Nazismus zum Schweigen gebracht und niedergeschlagen wurde". Ausführlich geht er auf die Widerstandskämpfer ein, die politischen Häftlinge, die als erste ins KZ Dachau kamen: Kommunisten und Sozialdemokraten. Und er nennt konkret die Namen von SPD- und KPD-Parlamentariern, die hier ermordet wurden. Er bezieht die Menschen, die aktiv gegen die Nazis gekämpft haben explizit in die Erinnerung mit ein: "Wir gedenken auch des deutschen Widerstandes, der in der Geschichte der Millionen Toten stark unterschätzt und vergessen oder sogar verneint wird." Man feiere die Befreiung des KZ Dachau und seiner Außenlager, aber auch die Befreiung Deutschlands vom Nazismus, betont der Vorsitzende des Comité International de Dachau.

Dietz de Loos mahnt aber auch, dass es seit 1945 zwar Fortschritte bei der Verwirklichung der Menschenrechte gebe, dass aber andererseits noch immer vieles im Argen liege: Er erwähnt Massaker in Afrika oder Syrien, aber auch ein Wiederaufleben des Antisemitismus, wobei er speziell Ungarn nennt. Spontanen Beifall gibt es, als er das Fortbestehen der Diskriminierung und Ausgrenzung von Sinti und Roma in Europa anspricht und sagt. "Das ist nicht akzeptabel." Zum Abschluss der Veranstaltungen werden mehr als 100 Kränze niedergelegt: vom Bundespräsidenten über europäische Regierungen bis zur Dachauer Ortsgruppe von Amnesty International.

Schon am Samstag wurde der Opfer des Todesmarsches gedacht. Gerade 17 Jahre war er alt, als er hier vorbeigetrieben wurde, sagt Abba Naor vor dem Todesmarsch-Denkmal von Hubertus von Pilgrim am John. F. Kennedy-Platz in Dachau. Es war am Abend des 26. April 1945. Der Junge aus dem litauischen Kaunas schleppte sich in der Kolonne tausender fast verhungerter und kranker KZ-Häftlinge dahin. "Aber mein Todesmarsch hat schon begonnen, als ich 13 war", sagt Abba, mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Der ältere Bruder wurde in Kaunas erschossen, der jüngere Bruder mit der Mutter in Auschwitz vergast - nur Abba und sein Vater überlebten. Heute spricht Abba Naor über das Morgen: Nie habe er geglaubt, dass der Antisemitismus wieder salonfähig werden würde. Ein guter Freund habe zu seinem Vater, der nach der Befreiung in München geblieben war, einmal gesagt, wenn wieder Juden verfolgt würden, werde er ihn verstecken. "Aber ich will nicht versteckt werden", sagt Abba Naor. "Ich will leben wie jeder Mensch, lachen und weinen wie jeder Mensch, ich will normal sein, akzeptiert werden nicht als Israeli oder als früherer KZ-Häftling, sondern als Mensch. Wenn ich Freunde hier habe, dann tut was gegen den Antisemitismus."

Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU), der davor die gut einhundert Besucher - mehr als je zuvor - begrüßt hatte, mahnte zur Bereitschaft, aus der Vergangenheit zu lernen. Das Todesmarsch-Gedenken, erstmals 2001 veranstaltet, sei auch Aufforderung, gegen heutige Menschenrechtsverletzungen vorzugehen. Barbara Distel, die mehr als 30 Jahre die KZ-Gedenkstätte Dachau leitete, erinnerte daran, dass die Todesmarsch-Denkmäler von 1989 an gegen die Ablehnung der Gemeinden errichtet wurden. In den 1990er Jahren und seit 2000 fand dieses Gedenken schließlich Anerkennung. Heute stehen 22 identische Plastiken, eine auch in Yad Vashem. Leider sei die in der Gedenkstätte, eine Leihgabe, verschwunden, die Kopie aber noch nicht installiert. Das Denkmal bildete den Abschluss der Dauerausstellung.

Distel sieht trotz aller Erfolge in der Erinnerungsarbeit vor Selbstzufriedenheit, wie sie sagte. Alle Erziehung zur Demokratie und Toleranz sei bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung nicht angekommen. 225 rechtsextreme Organisationen gebe es in Deutschland. Die Debatte über politische Konsequenzen nach Bekanntwerden der NSU-Morde sei versandet wie auch die zunächst einmütige Forderung nach einem NPD-Verbot. Das "Nie wieder!" klinge angesichts der politischen Realität wie ein Ruf aus ferner Vergangenheit. Erst wenn die Indifferenten erreicht werden, wie Distel sagte, ist das Gedenken erfolgreich. Neben Mahnmalen und Gedenkstätten brauche man vor allem Menschen mit Empathie, die für die Erinnerung kämpfen.