Bayerisch-israelisches Konzert Eine Stimme

Bayerische und israelische Jugendliche geben an der KZ-Gedenkstätte Dachau erstmals ein Konzert und gedenken der Opfer des Naziregimes. Trotz Sprachhürden bringt die Musik die Besucher rasch zueinander.

Von Sara Bormann

Wer genau hinhörte, konnte am Montagnachmittag Musik aus der KZ-Gedenkstätte Dachau vernehmen. Eine bedrückende Melodie, die von Sehnsucht und Verlangen nach einer Heimat erzählt. Dunkle Wolkenberge türmen sich am Himmel über etwa 70 Jugendliche an der Jüdischen Gedenkstätte. Ihr Konzert mit Musik israelischer Komponisten lockt Gedenkstättenbesucher herbei. Unter dem Eindruck der bewegenden Musik richten sich die Gedanken auf die schreckliche Vergangenheit dieses Orts, an dem KZ-Häftlinge litten und starben. Gemeinsam suchen die jungen Musiker aus Israel und Bayern unter dem Mahnmal Schutz vor dem Regen. "Stelle oh Ewiger, ihnen eine Warnung hin! Erfahren sollen die Völker, dass sie sterblich sind," steht hier in Erinnerung an den Holocaust geschrieben.

Es war eine Premiere an diesem verregneten Tag. Vor ein paar Jahren traten bereits ein deutscher und ein israelischer Chor auf. Aber zwei Jugendorchester aus Bayern und Israel hatten in der Gedenkstätte Dachau noch nie gemeinsam musiziert. Aitan Aviture dirigierte das Orchester Gersthofen und das Orchester des Alpert Music Center of Jerusalem . Andreas Landau ist der Organisator des Künstler- und Jugendaustausches . Vor vier Jahren reiste er mit dem Bayerischen Kreisjugendring nach Jerusalem, um dort Kontakte zu knüpfen. Trotz anfänglicher Startschwierigkeiten ist es ihm vergangenes Jahr endlich gelungen. Das Orchester Gersthofen reiste 2012 nach Jerusalem, um dort auf Musiker des Alpert Music Center zu treffen. Kontakte wurden geknüpft, Freundschaften geschlossen. Und so beschloss man, den Austausch bald möglichst zu wiederholen. Am Mittwoch, 14. August, war es dann soweit: Das Orchester des Alpert Music Centers kam nach Deutschland, um dort erneut mit dem Orchester Gersthofen zu musizieren.

Neben dem gemeinsamen Konzert stand am Montagnachmittag der Besuch der KZ-Gedenkstätte auf dem Plan. Robert Sigel, Lehrer am Josef Effner Gymnasium in Dachau, betreute die Jugendlichen und zeigte sich erfreut über das deutsch-israelische Projekt: "Musik ist ein besonderes Medium", sagte er. Gemeinsam mit Shimrit Härtl, Mitarbeiterin der Gedenkstätte, führte er die Gruppe über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers und erzählte von der Geschichte und den Schicksalen der Häftlinge. Als Geschichtslehrer konnte er natürlich besonders viel Hintergrundinformationen liefern. Shimrit Härtl übersetzte für die israelischen Besucher vom Deutschen ins Hebräische.

Um 14 Uhr versammeln sich schließlich alle am Jüdischen Mahnmal. Unter Aufsicht von Andreas Landau werden die Instrumente ausgeladen, und dann geht es auch schon los. Unterbrochen werden die diversen Stücke von Psalmen und kurzen Ansprachen, die sowohl auf Deutsch als auch auf Hebräisch vorgetragen werden. Auch Achim Liberta, erster Vorsitzender des Orchesters Gersthofen, ergreift das Wort. Unter anderem erläutert er den überraschten Touristen den Grundsatz des Orchesters. "1955 wurde unser Orchester gegründet, um mit Auslandsreisen fremde Kulturen kennen zulernen. Der Gedanke der Völkerverständigung steht bei uns an erster Stelle." Außerdem warnt er davor, dass so etwas wie der Holocaust nicht noch einmal geschehen dürfe. Um Menschheitsverbrechen in Zukunft zu verhindern, seien persönliche Kontakte zu Menschen anderer Länder besonders wichtig. Das Orchester Gersthofen pflegt solche Kontakte mit Orchestern auf der ganzen Welt.

Zum Abschluss des Konzertes spielen die Jugendlichen die israelische Nationalhymne. Ein israelischer Junge und ein deutsches Mädchen legen eine Blume vor dem Mahnmal zum Gedenken an alle Opfer des NS-Regimes nieder. Die Blume soll ein Zeichen der Hoffnung sein. Die Jugendlichen, so sagen sie, vertrauen darauf, dass eine bessere Welt geschaffen werden kann. Im Anschluss an das Konzert machen sich die Jugendlichen und ihre Betreuer auf den Weg in den Kinosaal. Dort wollen sie über Erlebtes der vergangenen Tage sprechen, ihre Gedanken und Gefühle miteinander teilen. Außerdem hat sich Besuch angekündigt: Der israelische Generalkonsul Dan Shaham ist aus München gekommen. Shimirt Härtl bittet die Jugendlichen, ihre Erfahrungen mit dem Austausch zu schildern. Viele sprechen von anfänglichen Sprachschwierigkeiten. Durch das gemeinsame Musizieren hätten sie allerdings eine Möglichkeit gefunden, miteinander zu kommunizieren. Es wurde eine Grundlage geschaffen, die es ihnen ermöglichte, schneller zueinander zu finden. Denn sie alle sprechen die Sprache der Musik. Außerdem diskutieren sie über ihre Eindrücke von der Gedenkstätte. Alle sind sie schockiert, besonders die Kleinsten unter ihnen. In der Schule haben sie noch nicht über die historischen Hintergründe des Zweiten Weltkrieges und des Massenmords an den Juden gesprochen. Für Dan Shaham ist es wie für viele andere das erste Mal in Dachau. Auch er lobt den deutsch-israelischen Austausch. "Durch die Erlebnisse und die Eindrücke, die ihr gewinnt, werdet ihr selbst zu Botschaftern. Es ist so wichtig, dass solche Austausche am Leben erhalten werden," sagt er auf Englisch. Er beteiligt sich rege an der Diskussion der Jugendlichen. "Durch den Austausch wird euch ein Werkzeug in die Hand gegeben, um die Welt zu verbessern. Das ist der erste Schritt gegen Rassismus." Denn Rassismus existiert auch noch heute. Der Mensch sei immer noch im Stande, böse zu sein. Doch Jugendbegegnungen schaffen die Grundlage für ein Miteinander. "Es gibt ein afrikanisches Sprichwort. Wenn du schnell gehen willst, dann gehst du alleine. Wenn du weit gehen willst, dann gehst du zusammen," sagt Dan Shaham. "Die Jugend ist unsere Zukunft. Ihr habt die Verantwortung, Rassismus zu verhindern," sagt Shimrit Härtl.

Die Rückmeldung der Jugendlichen zum Austausch fällt allgemein positiv aus. Neue Freundschaften wurden geschlossen, eine andere Kultur wurde kennengelernt. Die Musik hat es ihnen ermöglicht, sich auf einer persönlichen Ebene näher zu kommen. Trotz Sprachbarrieren haben sie zueinander gefunden. Alle sprechen sich dafür aus, dass der Kontakt auch in Zukunft gepflegt werden soll. Denn dann ist der erste Schritt gegen Rassismus und Anti-semitismus getan.